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Panorama Aussteiger feiern Ostern in der Wagenburg
Nachrichten Panorama Aussteiger feiern Ostern in der Wagenburg
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14:28 06.04.2012
Foto: Karsten Hilsen und Cecile Lecomte wohnen mit dem Segen der Behörden in einer Wagenburg am Ortsrand von Lüneburg.
Karsten Hilsen und Cecile Lecomte wohnen mit dem Segen der Behörden in einer Wagenburg am Ortsrand von Lüneburg. Quelle: dpa
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Lüneburg

Eine nüchterne Sporthalle am Stadtrand von Lüneburg, manchmal sieht man davor die Mitglieder der Schützenvereine in ihren grünen Uniformen. Direkt daneben eine völlig andere Welt. Etwa 40 bunt bemalte Bauwagen und ein uralter gelber Laster. Eben kommt der kleine Nolan mit seiner Mutter aus dem Kindergarten, fröhlich stapft der Dreijährige auf dem neu angelegten Weg heimwärts durch die Wagen links und rechts mit ihren Stapeln aus Holzscheiten und kleinen Beeten davor.

Seit Oktober 2010 leben sie hier, 26 Erwachsene und vier Kinder. Auch zwei über Lüneburgs eher enge Grenzen hinaus bekannte Querköpfe haben hier ihr Domizil, die Umwelt-Aktivisten Cécile Lecomte und Karsten Hilsen. Cécile war in Frankreich Landesmeisterin im Sportklettern. Im Kampf gegen Atomenergie, Gentechnik und Flughafenausbau hat die 30-Jährige schon viele Fassaden erstiegen und sich während der Castor-Transporte Richtung Gorleben in luftiger Höhe über so manche Brücke gehängt.

Nur kletternd gelangt man in den ersten Stock ihres mit Holz liebevoll ausgekleideten Wagens – eine Treppe gibt es nicht. Oben steht ein Schreibtisch mit Laptop darauf, die rastlos-quirlige Frau mit dem klaren Blick macht auch die Pressearbeit.

„Aus Geldnot lebt hier keiner. Für mich ist es die Freiheit. Die Kombination von Eigenheim und der Möglichkeit zur Veränderung ohne festen Besitz“, sagt Lecomte – ihr Spitzname ist „Eichhörnchen“. Vier Tage würde der Abbau des zweistöckigen Wagens aber schon dauern, weiß sie vom letzten Umzug. „Ich könnte nicht den ganzen Tag in einem Haus sein“, sagt sie. „Man geht hier heraus und trifft jemanden auf dem Weg zum Duschen. Und dann die Nähe zur Natur hier am Stadtrand – und jeder kann bei uns seinen Garten haben.“

„Es ist die Mischung aus Gemeinschaft und Individualität, von Zusammensein und Rückzug“, meint Hilsen. Der 52-Jährige hat unlängst bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, als er sich wegen der Entnahme von Keksen aus der Mülltonne einer Lüneburger Großbäckerei vor Gericht verantworten musste. „Containern“ heißt das in der Szene. Das Landgericht sprach ihn schließlich in zweiter Instanz frei.

Hilsen gehört zu den Mitbegründern des Bauwagenplatzes und hat ein geregeltes Leben mit festem Job bei der Post und abbezahltem Eigenheim hinter sich – doch das ist lange vorbei.

„Wir haben das Grundstück von der Stadt gepachtet – die Stadt hat den Flächennutzungsplan extra für uns ändern lassen. Außer der Pacht haben wir die Erschließungskosten von 50.000 Euro bezahlen müssen, da haben uns Unterstützer mit Darlehen geholfen“, sagt er.

Die erste Wagenburg landesweit

Der Platz am Rand von Lüneburg sei die landesweit erste Wagenburg, die Teil eines solchen städtischen Nutzungsplanes geworden ist und ihren Bewohnern Dauerwohnrecht garantiert, habe er neulich mit Stolz in der Zeitung gelesen.

Obwohl die Versorgung mit Strom und Wasser gesichert ist, wollen die Bewohner der Bauwagensiedlung nur wenig Ressourcen verbrauchen. „Solaranlagen und Windräder helfen dabei“, sagt Lecomte. „Und fürs Heizen sammeln wir Abfallholz.“

Geduscht wird in einem eigenen Sanitärwagen, in dem auch Toiletten und eine Waschmaschine stehen. „Die einzelnen Wagen haben keinen eigenen Wasseranschluss», erklärt Lecomte, während sie in der gemütlichen Küche Teewasser aus einem Kanister pumpt. Das Gemeinschaftstelefon der Wagensiedlung steht in einem kleinen Holzhäuschen, das einst als Plumpsklo diente.

Und nicht nur Hilsen containert. „Das ist wie Ostereier suchen», sagt Lecomte fröhlich und knabbert Schokoladeneier aus einem Schälchen. „Die haben wir heute Morgen aus einem Supermarkt-Container genommen“, berichtet Hilsen. „Das ist für uns auch ein Protest gegen die Wegwerfgesellschaft. Diese Massen von vernichteten Lebensmitteln in unserer Gesellschaft – das ist Wahnsinn“, erklärt er ernst. „Schrumpftum statt Wachstum – das ist unsere Devise», sagt Lecomte.

Der kleine Nolan und seine acht Monate alte Schwester Malou jauchzen draußen vor dem Bauwagen. Die beiden wachsen dreisprachig auf - die Mama spricht französisch, der Vater deutsch und miteinander parlieren die Eltern auf Englisch. Nolan profitiere erheblich von dem etwas anderen Lebensstil, betont seine Mutter. „Er ist viel draußen. Und wichtiger: Er hat jede Menge Erwachsene, von denen er lernt - von Musikern, Artisten, Handwerkern und Künstlern.“ Und Ostern werden übrigens Eier versteckt – auch für Nolan und Malou vom Bauwagenplatz in Lüneburg.

dpa