Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Panorama „So also geht Sterben“: Der Krebs raubte Biankas Leben
Nachrichten Panorama „So also geht Sterben“: Der Krebs raubte Biankas Leben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:14 15.07.2019
Biankas Geschichte ist auch eine Geschichte über Mut und Würde und einen Menschen, der in Erinnerung bleibt. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Sie ist nicht allein da unten. Der Engel, der immer auf dem Wohnzimmertisch stand, so, dass er sie anguckte und dass sie ihn sehen konnte von ihrer Sofaecke aus, der ist bei ihr. Eine Freundin hatte ihn ihr geschenkt. Klein, schwer. Bronze. Ein Schutzengel. Er hat sie beschützt. Das tut er nach wie vor. Er liegt mit bei ihr im Sarg.

Diese Geschichte handelt von Bianka. Bianka, die so schöne Augen hatte. Nein. Falsch. Nicht hatte. Bianka ist tot. Aber sie ist nicht weg. Es ist nicht möglich, von ihr in der Vergangenheitsform zu erzählen. Sie hat so schöne Augen.

Mittelmeergrüne Augen. Augen, in denen sich ihre Energie sammelt. Ihre Liebe. Eine Liebe, die man buchstäblich sehen kann, wenn sie ihren Mann anguckt. Und auch, wenn sie ihn nicht anguckt. Lebenswille steckt in diesen Augen. Zähigkeit. Und Angst. Es sind Augen, in denen der Zorn direkt neben der Ergebenheit sitzt, in denen die Hoffnung immer wieder die Resignation an die Seite schiebt.

Irgendwas stimmt auch nicht mit ihrem Bauch

Bianka spricht. Über gestern, über jetzt, über die Zukunft. Sie weint. Sie lacht. Sie schimpft. Sie ist matt. Sie sprüht vor Energie. So sieht doch kein Tod aus. Bianka erzählt: Der Krebs wird 2013 entdeckt. Sie ist wegen einer Bandscheibengeschichte im Krankenhaus. Und irgendwas stimmt auch nicht mit ihrem Bauch. Die Ärzte sehen genauer nach.

Ovarialkarzinom. Eierstockkrebs. Das wird oft spät diagnostiziert, es gibt anfangs wenig Symptome. Dabei ist Eierstockkrebs einer der aggressivsten Tumore, die eine Frau bekommen kann. Die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei 41 Prozent.

Relative Fünf-Jahres-Überlebensrate heißt: Wäre die Sterblichkeit der Patientinnen innerhalb von fünf Jahren genauso hoch wie beim Rest der gleichaltrigen, nicht eierstockkrebskranken Frauen, läge der Wert bei 100 Prozent. Da liegt er aber nicht. Bianka wird operiert.

In Biankas Wohnung ist noch vieles wie vor ihrem Tod. Quelle: Katrin Kutter

Sie hat auch so schöne Hände. Schmale, elegante Finger. „Das sind doch Krallen“, sagt sie, sie mag nicht, was der Krebs mit ihrem Körper macht. Aber das mit den Krallen stimmt nicht. Ja, der Krebs macht viel mit ihr, die Schmerzen graben Jahre in ihre Haut, von denen sie weiß, dass sie sie nicht mehr erleben wird. Aber der Schönheit ihrer Hände und ihrer Augen kann der Krebs nichts anhaben. Und der Schönheit ihrer Seele schon gar nicht.

Ab und zu kommt eine Frau vom Ambulanten Palliativdienst des hannoverschen Hospizes Luise vorbei. Sie wird schnell wie eine Freundin für Bianka. Der Plan ist, dass Bianka irgendwann dort hingeht, ins Hospiz, zum Sterben. Wenn es so weit ist. Bianka will nicht, dass es so weit kommt, dass es so weit ist.

Ihren Mann lernt sie 2007 in einem Amateurtheater in Hannover kennen. Im März 2009 gehen sie zum Standesamt. Bianka ist 47. Im August heiraten sie kirchlich. Sie heiraten in derselben Kirche, in der neun Jahre später der Trauergottesdienst stattfindet.

Bianka, wie Freunde und Angehörige sie in Erinnerung haben. Quelle: privat

„Ich sollte mehr weinen“

Sie ist friedensbewegt. Gegen Atomkraft. Sie ist sehr emanzipiert, war in verschiedenen Frauengruppen, hat auch schon mal gesagt, eigentlich müsse es ein Ausgehverbot für Männer nach 20 Uhr geben. Sie lacht laut, als sie davon erzählt. Eines ihrer wunderbarsten Alltagsutensilien ist ein total kitschiger, knallroter Lippenstift. Wenn man ihn aufschraubt, kommt ein Kugelschreiber zum Vorschein.

Sie lackiert sich die Fingernägel. Sie sagt, das lasse sie sich nicht auch noch kaputt machen. „Ich sollte mehr weinen“, sagt sie. Tut sie aber nicht. Sie redet über Musik. Über Filme. Über Hannover 96. Sie hat eine Dauerkarte – sie, nicht ihr Mann. Sie redet über die Kindheit in Melle und Nichten und Neffen und falsche Freunde und echte Freunde.

Im Regal in der Küchenecke liegt das „Infusionsgerödel“, wie ihr Mann das nennt. Kochsalzlösung, verschiedene Gebinde. Schläuche, die Heidelberger Verlängerung heißen. Desinfektionsmittel für Schläuche. Spritzen, Pumpen, Tropfutensilien, Tupfer. Morphinpräparate. Latexhandschuhe. Portnadeln. Pflaster zum Abkleben des Ports. Und die künstliche Nahrung liegt dort, für die es außerdem einer Pumpe und eines Transportrucksacks und eines Infusionsständers bedarf.

Der kitschige Kugelschreiber, den sie so mochte, weil er aussieht wie ein Lippenstift. Quelle: Katrin Kutter

Nach der OP erleidet Bianka einen anaphylaktischen Schock. Sie hat ein künstliches Eiweiß bekommen, das sie nicht verträgt. Man stabilisiert sie mit Cortison. Eine Ärztin fragt sie: „Rauchen Sie?“ Bianka antwortet: „Gerade aufgehört.“ Die Ärztin sagt: „Fangen Sie wieder an.“

Bianka erzählt davon voll Zorn, mit heller Empörung. Vielleicht hatte die Ärztin das ganz anders gemeint, vielleicht war sie gar nicht kaltherzig, sondern dachte bloß, die Patientin solle ihre letzten Tage wenigstens genießen.

Aber für Bianka war es der falsche Satz. Denn es war ein Satz, der sagte: Sie sterben. Und Bianka will keinen Krebs haben und nicht sterben. Und sie will auch eigentlich nicht, dass man darüber spricht. So als könnte man den Tod herbeireden. Und das hier ist ja ihr Leben, verdammt noch mal. Das alles sagt sie nicht. Aber es steckt in ihrem Schweigen, nachdem sie so zornig von der Ärztin erzählt hat.

Bianka fängt wieder an zu rauchen

Der Krebs ist nicht weg. Die Doktores haben sie operiert, aber der Krebs ist nicht weg. Die Ärzte verkünden, sie habe noch sechs Wochen. Bianka fängt wieder an zu rauchen.

Die Ärzte irren sich. Vielleicht auch, weil Bianka wieder anfängt zu rauchen. Sie muss immer aufstehen und rausgehen zum Rauchen. Dadurch kommt sie wieder auf die Beine.

Ihre Onkologin schickt sie zu einem berühmten Chirurgen in die Charité in Berlin. Bianka trifft ihn zum Vorgespräch, sagt ihm, ihre Ärztin habe gesagt, er solle sie retten. Er schnauzt sie an: Wer hier gerettet werde und wer nicht, das bestimme immer noch er. Vielleicht hat auch dieser Arzt das nicht kaltherzig gemeint. Aber es klingt sehr danach.

Nach der Reha hat man sie rausgeworfen

Der Chirurg schneidet ihr kreuz und quer im und am Bauch herum. Nach der OP bekommt sie eine Blutvergiftung, weil der Port unsachgemäß gespült wurde: Notoperation, Intensivstation. Als sie wieder zu Hause ist und das Ergebnis des Berliner Krankenhausaufenthalts ihrer Hausärztin vorstellt, beginnt die Ärztin zu weinen. Biankas Bauch sieht aus, als habe sie ein Schrapnell abbekommen.

Sie ist müde. Sie friert. Sie sitzt in ihrer Sofaecke. Manchmal darf man sie besuchen, aber nur, wenn es ihr nicht zu schlecht geht.

Sie erzählt von ihrem Beruf. Sie hat medizinisch-technische Assistentinnen ausgebildet. Sie erzählt von ihrer eigenen Ausbildung, von den Jahren in Osnabrück, in Pforzheim, in Saudi-Arabien. Es klingt, als sei das alles weit weg, sogar die letzten Jahre im Job klingen nach weit weg. Sind sie auch: Nach der Reha hat man sie rausgeworfen. Sie hätte gern geklagt. Aber sie brauchte ihre Kraft für anderes.

In Biankas Wohnung ist noch vieles wie vor ihrem Tod. Quelle: Katrin Kutter

Bianka bekommt Morphium. Die Ärzte sprechen lieber von Morphin oder Morphinpräparaten. Aber Bianka sagt Morphium, wie die meisten anderen Leute auch. Bianka bekommt das Morphium gegen die Krebsschmerzen. Sie würde es nicht aushalten ohne Morphium.

Das Morphium schlägt auf den Darm. Also bekommt sie was für die Verdauung. Das Abführmittel verursacht Krämpfe im Unterbauch. Gegen die Schmerzen, die die Krämpfe auslösen, braucht sie wieder Morphium. Sie braucht das Morphium und sie hasst das Morphium und sie braucht das Morphium.

Ihr Mann sei oft zornig, sagt sie. Zornig vor Hilflosigkeit. Ihr Mann ist viel unterwegs, das bringt seine Arbeit mit sich. Bianka wartet auf ihn. Es fällt ihr schwer. Einerseits weil sie ihn vermisst, andererseits weil die Zeit langsamer vergeht, wenn sie allein ist. Weil die Schmerzen mehr weh tun, wenn sie allein ist.

Die Frau vom Palliativdienst spricht manchmal vom Tod

Auf die Frage, wann sie das letzte Mal glücklich war, sagt sie: „Vorgestern.“ Das war ein Samstag. Ihr Mann ist am Samstag eben kurz zu Aldi gegangen, und sie wusste, er ist in 15 Minuten wieder bei ihr. Da war sie glücklich.

Unglücklich ist sie, wenn er weg muss, arbeiten, oder wegen der 35 Minuten, die es dauert, wenn er seine Mutter abholt oder wieder nach Hause bringt. Dann ruft Bianka sich aber selbst zur Ordnung. Sagt sich, dass das so nicht geht. Sie konzentriert sich darauf, dass ihr Mann bald zurück ist. Dann ist sie wieder glücklich.

Sie erzählt von einer Freundin, die Kontakt habe „zur anderen Seite“. Diese Freundin habe ihr gesagt, sie werde nicht am Krebs sterben.

Der Krebs geht nicht weg.

Die Frau vom Palliativdienst des Hospizes spricht, wenn sie vorbeikommt, manchmal vom Tod. Sie nennt das nicht so, sie verwendet den Begriff Endlichkeit. Es klingt nach Verdrängung, aber es hat mit Respekt zu tun.

Raus aus allem, einmal noch wenigstens

Bianka benutzt das Wort Endlichkeit auch. Einmal. Sonst redet sie nicht über den Tod. Aber manchmal kann man ihn in ihren Augen sehen. Dann werden sie ganz dunkel. Dann kostet es sie ungeheure Kraft, ihn wieder loszuwerden, ihn aus ihrem Kopf zu vertreiben, aus dem Zimmer, aus dem Haus, aus der Welt. Bianka erzählt von Büchern und Konzerten und vom Tanzen und vom Theater. Sie lacht. Sie steht auf und geht mit ihrem Tropf raus zum Rauchen. Sie steht auf und kocht Tee. Sie ist ungeheuer lebendig.

Sie wollte unbedingt mit ihrem Mann in den Urlaub fahren. Raus aus allem. Einmal noch wenigstens. Sie sind immer so gern zusammen weggefahren. Sie fahren nach Isla Cristina an der Algarve. Kaum angekommen – sie hat das Hotel noch nicht mal betreten –, schiebt sie den Rollkoffer ein Stück vorwärts und macht dabei eine falsche Bewegung. Den Rest der Zeit hat sie furchtbare Schmerzen im Rücken.

Ein Arzt muss kommen. Spritzen, Rollstuhl. Ständig braucht sie neue Schmerzmittel, ständig muss ihr Mann los und Ibuprofen holen. Am Tag vor dem Rückflug denkt sie, sie schafft es nicht mehr ins Flugzeug. Sie hält sich die ganze Nacht wach, sie denkt, wenn sie schläft, kommt sie nicht mehr hoch.

In Biankas Wohnung ist noch vieles wie vor ihrem Tod. Quelle: Katrin Kutter

Oktober 2017. Bianka schickt eine Whatsapp-Nachricht: „Bin heute mit Fieber etc. ins Krankenhaus gekommen, mir sind zwei Liter Flüssigkeit aus der Lunge gezogen worden.“ Sie denkt, es ist jetzt vielleicht vorbei. Und weil sie am Wochenende vor der Einweisung mit ihrem Mann Streit hatte, denkt sie: Das war jetzt unser letztes Wochenende – und wir haben gestritten! „Ich war keine ängstliche Frau“, sagt sie. „Angst gehörte nicht zu meinem Wortschatz.“ Jetzt schon.

Ihr Mann hat Streuselkuchen mit Chiasamen gebacken, die erbricht sie nicht gleich wieder. Er erzählt vom Job, Stunden auf der Autobahn, dann, zu Hause, kocht oder backt er schnell was, weil das Krankenhausessen Dinge enthält, die nicht ins Essen gehören. Also kocht er selbst, und zügig, damit er mit dem Essen um halb sieben oder sieben spätestens bei ihr in der Klinik sein kann.

Dann isst sie. Und bricht es wieder aus. Sie kann nicht mehr essen. Sie kann es nicht bei sich behalten. Deswegen muss sie künstlich ernährt werden. Aber sie will essen, will schmecken, was ihr Mann, der so gut kochen kann, für sie kocht. Da ist ja mehr Liebe drin, als Vitamine drin sind.

80 Prozent der Ehemänner gehen weg, wenn ihre Frauen Krebs kriegen

Bianka erzählt, sie habe irgendwo gelesen, dass 80 Prozent der Ehefrauen bei ihren Männern bleiben, wenn die Männer Krebs kriegen. 80 Prozent der Ehemänner gehen weg, wenn ihre Frauen Krebs kriegen. Sie schaut nicht zu ihrem Mann, als sie das erzählt. Er schaut nicht zu ihr. Er bleibt. Auch wenn sie ihn nicht anschaut. Auch wenn sie mit ihm zankt.

Sie hat zuvor immer Morphiumtabletten bekommen, auf der Palliativstation des Krankenhauses spritzen sie ihr das Morphium subkutan. Viermal pro Tag. Die Dosis ist niedrig. Aber so wirkt es verlässlicher als die Tabletten.

Ihr Mann ist skeptisch wegen des Morphiums. Einmal hat sie geschimpft mit ihm, da hat er gesagt: Das Morphium macht dich aggressiv. Sie erzählt, das Morphium habe auch mal dazu geführt, dass sie nicht mehr wusste, wo sie war. Das, sagt sie, habe ihm wohl Angst gemacht.

Innerlich unendlich müde

Ihr Mann ist so erschöpft von ihrem Krebs und seinem Gesundsein, dass es ihn innerlich ganz wund und unendlich müde macht. Er ist da in der Klinik schon mal eingeschlafen, auf dem Stuhl, während sie gegessen oder sich erbrochen hat.

Er schläft auch zu Hause auf dem Sofa ein. Um halb eins schreckt er dann hoch, geht ins Bett, ist hellwach. Irgendwann fallen ihm doch die Augen zu, aber um drei ist er wieder wach, um vier, um fünf. Um sechs klingelt der Wecker.

Bianka wird aus dem Krankenhaus entlassen und ist wieder zu Hause. Wenn sie sich übergeben muss, hilft ihr Mann ihr, hält den Rucksack mit der künstlichen Nahrung. Einmal – sie müssen immer wieder aufstehen, in kurzen Abständen – sagt er, er habe jetzt noch keine fünf Minuten in Ruhe essen können. Das tut ihr weh. Sie weiß, er hat recht. Trotzdem tut es weh. Ihm auch.

In die Traueranzeige schreibt ihr Mann ein paar Zeilen von Rilke hinein: „Aber die Liebenden gehen / über der eignen Zerstörung / ewig hervor.“ Quelle: Katrin Kutter

Ende 2017 kommt Bianka erneut in die Klinik. Die Frau vom Hospiz-Palliativdienst besucht sie jetzt regelmäßig. Die Frau schlägt ihr vor, ins Hospiz zu kommen. Bianka will nicht. Sie will erst noch auf der Palliativstation bleiben, anschließend nach Hause. Die Frau vom Hospiz sagt, dann müsse man ein Krankenbett ins Wohnzimmer stellen. Das will Bianka auch nicht. Ihr Mann bestellt trotzdem eines. Die Lieferfristen sind lang.

An Weihnachten kommt ihr Mann ihr abwesend vor. Sie sagt es ihm, sagt, sie hätte es gern, dass er da wäre. Er sagt, er sei doch da.

Bianka erzählt, diesmal habe niemand in der Klink gesagt, sie habe nur noch drei Wochen. Sie fragt, regelrecht aufgeräumt: „Wie wäre es mit einem halben Jahr?“

Die Frage schwebt im Raum, und sie geht nicht weg, sie schwebt über dem Sofa, über dem Couchtisch, über dem bronzenen Schutzengel. Es gibt keine Antwort auf diese Frage, und dass es keine Antwort gibt, verursacht so etwas wie ein Vakuum, und dieses Vakuum verzieht einem das Gesicht zu einem ohnmächtigen, schiefen, verlogenen Lächeln. Bianka betrachtet ihre Ringe. Sie mag Schmuck, sie mag alles Schöne. Aber das Wichtigste, sagt sie, sei, dass ihr Mann da sei.

„So also geht Sterben“

Das neue Jahr beginnt wieder mit viel Wasser in der Lunge, wieder Klinik. Es dauert. Am 8. Februar, einem Donnerstag, wird Bianka entlassen. Ihr Mann fragt sich, ob das eine so gute Idee ist. Bianka ist, trotz Thoraxdrainage, derart kurzatmig, dass er sie eigentlich eher einliefern als abholen würde.

Extreme Atemnot in der Nacht zu Freitag. Der wuchernde Krebs drückt ihr die Bronchien zusammen. Ihr Mann ruft den Rettungswagen. Die Sanitäter kommen, das Notarztteam kommt. Sie sagen: Notaufnahme. Bianka sagt: „So also geht Sterben.“

Bianka kommt in Zimmer 201 auf der Station A2, das ist die Palliativstation des hannoverschen Krankenhauses Siloah. Sie kommt in dasselbe Zimmer, das sie erst Stunden zuvor verlassen hat.

Bianka mag Schmuck, sie mag alles Schöne. Aber das Wichtigste, sagt sie, sei, dass ihr Mann da sei. Quelle: Katrin Kutter

Samstag. Die Klinik muss die Morphiumdosis erhöhen. Biankas Mann ist bei ihr, muss aber zwischendurch mal weg. Bianka schickt ihm eine Whatsapp-Nachricht: 1:0, Tor für 96. Als ihr Mann zurückkommt, kann sie sich nicht erinnern, das geschrieben zu haben. Manchmal sagt sie was, aber es ist nicht immer zu verstehen. Sie fantasiert.

Sonntag. Bianka will niemanden sehen, nur ihren Mann. Die Klinik muss die Morphiumdosis noch einmal erhöhen.

Montag. Bianka ist nicht mehr ansprechbar. Manchmal ist sie unruhig. Ihr Mann setzt ihr einen Kopfhörer auf und stellt im Walkman die „Gymnopédie Nr. 1“ von Erik Satie an. Bianka beruhigt sich.

Für eine Weile. Dann wird ihr Atem flacher, und um fünf Minuten nach 18 Uhr hört Bianka auf zu atmen.

Ihr Mann drückt ihr die Augen zu.

Biankas Mann erbt Biankas 96-Dauerkarte

Nach einiger Zeit muss er rausgehen aus dem Zimmer. Als er zurückkommt, hat eine Schwester der Palliativstation Biankas Bett mit Rosenblättern bestreut. Es ist der 12. Februar 2018. Bianka ist 56 Jahre alt geworden. Ihre relative Fünf-Jahres-Überlebensrate lag bei viereinhalb Jahren.

In die Traueranzeige schreibt ihr Mann ein paar Zeilen von Rilke hinein: „Aber die Liebenden gehen / über der eignen Zerstörung / ewig hervor.“ Bei der Trauerfeier acht Tage später läuft das Stück „So still“ von Jupiter Jones. Darin heißt es: „Die Zeit kommt zum Erliegen.“ Das hat der Musiker anders gemeint, aber es stimmt trotzdem. Als der Sarg rausgetragen wird, läuft noch einmal die „Gymnopédie“.

Biankas Mann erbt Biankas 96-Dauerkarte. Und die Freundinnen und Freunde. Es fällt ihm so unendlich schwer, nicht mehr für Bianka zu kochen. Er nimmt fünf Kilo ab. Der Sanitätshandel liefert das Krankenbett.

Bianka ist nicht weg. Sie ist nach wie vor zu spüren. Quelle: Katrin Kutter

Nach ein paar Monaten sieht Biankas Mann, wie die Seerosen in dem winzigen Teich hinterm Haus austreiben. Dass sie das überhaupt können. Als wäre alles wie sonst.

Auf allen Fotos lacht Bianka. Oder lächelt wenigstens. Es konnte ihr noch so dreckig gehen, immer hat sie gelacht.

Irgendwann hat Biankas Mann festgestellt, dass sich die Zeit doch wieder in Bewegung gesetzt hat. Der Grabstein wird aufgestellt. Biankas Mann arbeitet viel. Die Zeit hält nicht mehr an. Im Gegenteil, sagt er: Er hat das Gefühl, dass die Welt sich immer schneller dreht.

Sie ist nach wie vor zu spüren

Frühjahr 2019. Bianka ist jetzt mehr als ein Jahr tot. In ein paar Monaten wäre sie 58 geworden. Sie wäre so gern 58 geworden.

Bianka ist nicht weg. Sie ist nach wie vor zu spüren. In der Küche, wo ihr Mann kocht, auch wenn auf ihrem Platz niemand sitzt, im Raucherzimmer im Keller, wo ihr Stuhl leer bleibt, im Wohnzimmer, wo der Schutzengel nicht mehr auf dem Tisch steht.

Sie ist überall. Sie fehlt. Es klingt wie ein Widerspruch, aber es ist keiner. Beides ist richtig. Sie ist da. Sie fehlt.

Die meisten Menschen wollen zu Hause sterben

Nach einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands möchten 58 Prozent der Menschen zu Hause sterben. Nur 4 Prozent wollen das im Krankenhaus tun. Tatsächlich sterben derzeit mehr als 50 Prozent der Deutschen in einer Klinik, rund 19 Prozent in Einrichtungen wie Altenheimen, 23 Prozent zu Hause.

27 Prozent sagten bei der Umfrage, sie würden ihre letzten Tage gern in einer Einrichtung zur Betreuung sterbender Menschen verbringen. Das waren früher deutlich weniger. Hospize wie das hannoversche Hospiz Luise, das in diesem Jahr 25 Jahre alt wird, sind selbstverständlicher geworden. Hier können Menschen mit unheilbaren Erkrankungen, die in absehbarer Zeit zum Tode führen, stationär versorgt werden.

Der Ambulante Palliativdienst des Hospizes Luise begleitet schwerstkranke Menschen und ihre Angehörigen dort, wo sie leben, also meist zu Hause. Im Fokus stehen dabei die Linderung von Symptomen sowie die psychosoziale Begleitung. Im vergangenen Jahr konnten 44 Prozent der vom Ambulanten Palliativdienst Luise betreuten Patienten zu Hause oder im Pflegeheim sterben.

56 Prozent der Deutschen finden übrigens, dass sich die Gesellschaft zu wenig mit den Themen Tod und Sterben befasst.

Lesen Sie hier mehr zum Thema:

Mutter geht für an Krebs gestorbene Tochter zum Abschlussball

Krebserkrankung: Dieter „Maschine“ Birr muss Tour absagen

Von Bert Strebe

13.000 Auto-Enthusiasten sind in Thüringen zum größten BMW-Treffen des Landes zusammengekommen. Die Polizei zieht Bilanz – und berichtet von unschönen Ereignissen.

14.07.2019

Am 42. Jahrestag des großen Blackouts geht in Teilen New Yorks wieder das Licht aus. Der Stromausfall traf ausgerechnet das Herz der Millionenmetropole – doch viele Künstler wussten sich zu helfen.

14.07.2019

Tiger, Löwen, oder Elefanten – in den sozialen Medien finden sich Tausende Fotos von Urlaubern, die auf ihren Reisen mit eigentlich wilden Tieren posieren. Für die Tiere ist das oft eine Qual.

14.07.2019