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Panorama Der Himmel bleibt auch der Kanzlerin versperrt
Nachrichten Panorama Der Himmel bleibt auch der Kanzlerin versperrt
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22:25 16.04.2010
Bundeskanzlerin Angela Merkel wird bei ihrer Zwischenlandung in Lissabon vom deutschen Botschafter in Portugal, Helmut Elfenkämper (l.), begrüßt.
Bundeskanzlerin Angela Merkel wird bei ihrer Zwischenlandung in Lissabon vom deutschen Botschafter in Portugal, Helmut Elfenkämper (l.), begrüßt. Quelle: dpa
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Manchmal sind eben auch die Mächtigen ganz einfach machtlos. Das Dilemma hatte sich schon beim Tankstopp auf einer kleinen Militärbasis in den USA angekündigt: Da wurde klar, dass die Bundeskanzlerin an diesem Freitagnachmittag in ihrer eigenen Heimat keine Landeerlaubnis bekommen würde. Berlin-Tegel – geschlossen. München, Nürnberg, schließlich Wien, Paris, Rom – überall fragte die Crew der Regierungsmaschine „Konrad Adenauer“ an, überall wurde sie abgewiesen. Angela Merkel blieb gelassen: „Ich nehme es, wie es kommt.“ Und dann, mit der Neugier der Naturwissenschaftlerin: „So was hat die Welt ja noch nicht gesehen.“ Es gibt nicht viele, die so entspannt auf diesen Tag des Chaos am europäischen Himmel reagiert haben.

Als die Kanzlerin mit großem Gefolge noch auf dem Heimweg vom USA-Besuch unterwegs in der Luft war und niemand sagen konnte, wo ihr Flugzeug denn nun wieder den Boden berühren würde, nutzte Verkehrsminister Peter Ramsauer von der CSU die Gunst der Stunde. Er ließ die Medien zum Hamburger Flughafen einladen, weil er dort eine Erklärung abgeben wollte zum Ernst der Lage. Die Einladung traf auch in der Bundespressekonferenz im Berliner Regierungsviertel ein – wo herzliches Gelächter ausbrach. Dass niemand auf die Schnelle nach Hamburg kommen konnte an diesen Tag, an dem „die Wolke“ sogar den Rhythmus der Regierenden ins Stottern brachte, hätte dem Krisenmanager Ramsauer eigentlich vorher klar sein müssen.

Ramsauer, mit dem Dienstauto von der Verkehrsministerkonferenz in Bremen zu einem Anschlusstermin an die Elbe gekommen, gab sich unverdrossen und spulte das regierungsamtliche Programm für den „Fall des Eintritts eines Naturereignisses“ ab. Einheimischen wie Durchreisenden legte er nahe, auf alle Flüge zu verzichten, „die jetzt nicht unbedingt notwendig sind“. Das war klug gesprochen. Aber zu dieser Zeit durfte ohnehin über weiten Teilen Europas kein einziges Verkehrsflugzeug mehr am Himmel sein. Die Bahn AG in Berlin hatte auch schon mitgeteilt, dass sie sämtliche zur Verfügung stehenden Züge einsetzen würde, um die Folgen der „Transportkrise“ (Ramsauer) zu mildern.

Die Krise betraf aber eben auch den Transport der Bundeskanzlerin zurück nach Berlin. Im Lagezentrum des Verteidigungsministeriums hieß es lapidar, die Maschine der Flugbereitschaft müsse um „die Wolke“ herumfliegen. Am Schluss hat man sich einfach fürs Zwischenparken in Lissabon entschieden. Die deutsche Botschaft hat in aller Eile Zimmer für Kanzlerin und Delegation im feinen Ritz-Carlton besorgt, und der portugiesische Ministerpräsident José Sócrates eilte zum Flughafen, um die deutsche Kollegin selbst in Empfang zu nehmen. Wann die Kanzlerin allerdings aus der portugiesischen Hauptstadt wieder wegkommt, hängt davon ab, wann die Flughäfen in Mitteleuropa wieder freigegeben werden.

Im Kanzleramt, wo sich die Anfragen nach dem Fortgang der Geschichte am Freitag häuften, wurde rasch klar, dass sich die Widrigkeiten nach dem Vulkanausbruch allmählich auswuchsen zu ernsthaften Sorgen. Auf Fragen nach den Trauerfeierlichkeiten für den polnischen Präsidenten Lech Kaczynski am Sonntag hatte sich Regierungssprecher Christoph Steegmans zunächst noch mit dem Hinweis begnügen wollen, der Weg der Wolke hänge vom Wetter ab und er wolle „der Wetterlage des übermorgigen Tages nicht vorgreifen“. Doch als aus Warschau die Ankündigung in Berlin eintraf, die Trauerfeierlichkeiten in Krakau würden nicht verschoben, musste Steegmans nachliefern. Für Merkel und Bundespräsident Horst Köhler würden für solche besonderen Termine auch besondere Alternativen des Transports geprüft: „Der feste Wille (zur Teilnahme) ist da. Ich denke auch, die Möglichkeiten werden da sein.“

Von der Lösung, die gesucht und gefunden wird, wird auch abhängen, ob die Bundeskanzlerin am Montag zum traditionellen Rundgang über die Industriemesse nach Hannover kommen wird. Merkels Begleiter wäre der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der selbstverständlich mit dem Flugzeug nach Hannover reisen wollte. Am Freitag jedenfalls war noch keine Ersatzroute geplant.

Weil der Politikbetrieb in Berlin in der bevorstehenden Sitzungswoche wieder das übliche Tempo aufnehmen soll, waren viele Abgeordnete und Ministeriumsmitarbeiter sicherheitshalber schon vor dem Wochenende nach Berlin gekommen. Die europäische Ebene verzeichnete allerdings einen gravierenden Fall von Politikstillstand. Die EU-Finanzminister wollten in der spanischen Hauptstadt Madrid über einen möglichen Milliardenkredit für das überschuldete Griechenland beraten. Bei dem EU-Treffen blieben etliche Stühle leer: Die Vertreter von neun der 27 EU-Staaten konnten nach Angaben der Gastgeber nicht pünktlich oder gar nicht anreisen, darunter die Vertreter Großbritanniens, Schwedens und Belgiens.
Der Präsident der EU-Kommission wiederum, José Manuel Barroso, kann an diesem Sonnabend nicht wie geplant das Flugzeug zu einer Gedenkfeier nach Straßburg nehmen, wie eine Sprecherin der Kommission am Freitag in Brüssel sagte.

Ebenfalls von europäischer Bedeutung ist am Freitag gewiss auch der 70. Geburtstag der dänischen Königin Margrethe gewesen, doch nicht alle geladenen Gäste schafften es nach Kopenhagen. Auch Flugzeuge mit königlichen Wappen durften nicht starten, sodass etliche Plätze bei der Gala im königlichen Theater leer blieben. Unter anderen blieb das norwegische Königspaar der Veranstaltung fern. Als Margrethe 1940 geboren wurde, gehörte Island, das die Asche für die Transportkrise liefert, übrigens noch zum dänischen Königreich. Den leeren Polstersesseln des Hochadels ließe sich notfalls noch eine heitere Note abgewinnen, doch unvermittelt, beim Blick nach Afghanistan, wurde auch deutlich, wie sehr die internationale Politik vom Luftverkehr abhängig ist. Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) saß am Freitag zunächst im Bundeswehrlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif fest, was an sich zu ertragen gewesen wäre. Doch sollten mit Guttenberg die fünf von einer Sprengfalle in Baghlan verletzten Soldaten außer Landes gebracht werden. Die Bundeswehr organisierte einen Flug mit Transall-Propellermaschinen, die auf Sicht die schroffen Berge in Afghanistan überwinden müssen, nach Südusbekistan zum deutschen Stützpunkt Termez. Statt nach Deutschland konnten der Minister und die Verletzten aber nur nach Istanbul weiterfliegen, dort sollten die Verletzten am Freitagabend in ein Krankenhaus gebracht werden. Die Leichname der vier Soldaten, die am Donnerstag in Baghlan getötet worden waren, sollen später nach Hause gebracht werden.

Guttenberg und die verletzten Soldaten auf dem Weg nach Istanbul

Wegen der Flughafenschließungen in Deutschland sind die fünf in Afghanistan verletzten Soldaten am Freitagabend zunächst nach Istanbul geflogen. Begleitet von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) verließen sie am späten Nachmittag den usbekischen Bundeswehr-Stützpunkt Termes, wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Freitag in Berlin mitteilte. Die Bundeswehrmaschine sollte am Abend in der Türkei eintreffen. In Istanbul sollten die Soldaten in ein Krankenhaus gebracht werden. Der Weiterflug der Maschine solle so bald wie möglich erfolgen. Auch Guttenberg bleibe über Nacht in Istanbul, sagte der Sprecher.

Die fünf Bundeswehrsoldaten waren am Donnerstag durch eine Sprengfalle verletzt worden. Bei dem Anschlag wurden drei deutsche Soldaten getötet, ein vierter starb einige Stunden später bei einem weiteren Angriff in der Region Baghlan.

afp / Reinhard Urschel

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