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Panorama Eltern kontrollieren den Nachwuchs mit "Kinderfindern"
Nachrichten Panorama Eltern kontrollieren den Nachwuchs mit "Kinderfindern"
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13:05 16.12.2011
Von Margit Kautenburger
Immer auf Sendung: Das Spezialhandy. Quelle: HAZ
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Hannover

Im Weihnachtstrubel kann es schnell passieren: Ein Kind entdeckt ein interessantes Spielzeug im Schaufenster, bleibt zurück und ist plötzlich in der Menge verschwunden. Oder es kommt viel schlimmer: Ein Fremder spricht das Kind an, überredet es, mitzukommen. Um gegen solche Gefahren gewappnet zu sein, greifen immer mehr Eltern zu moderner Technik. Sie überwachen ihre Kinder per Funkortung und GPS. Wenn sie wissen wollen, wo ihr Nachwuchs sich gerade aufhält, genügt ein Blick auf den Computerbildschirm oder das Handy. Eine feine Sache, denken viele: „Es passiert so viel, da ist es doch gut, wenn wir unsere Tochter immer lokalisieren können“, sagt ein besorgter Vater.

Mehr Sicherheit – mit diesem Argument werben die Anbieter von Ortungsdiensten wie „Track your Kid“ (Spüre dein Kind auf) oder „inanny“. Mit solchen Systemen kann der Aufenthaltsort des Kindes bis auf wenige Meter genau festgestellt werden. Andere Dienste errichten „elektronische Zäune“ und beginnen zu piepen, wenn das Kind einen vorher festgelegten Bereich verlässt. Auch Geräte mit Alarmknopf sind auf dem Markt oder solche, die eine Belauschung im Umfeld eines Handys ermöglichen.

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Auf ängstliche Eltern dürften die Angebote verlockend wirken. Der Deutsche Kinderschutzbund aber warnt: „Diese Geräte vermitteln eine Scheinsicherheit und sind überhaupt nicht in der Lage, Kinder zu schützen“, kritisiert Geschäftsführerin Paula Honkanen-Schoberth. Die Geräte, bemängelt die Expertin, lösten Angst aus, denn sie vermittelten ein Bild von einer ganz gefährlichen Welt, in der Kinder am besten 24 Stunden überwacht werden sollten – obwohl das gar nicht der Realität entspreche. Sexuelle Übergriffe fänden meist in der Familie statt, und wenn Kinder tatsächlich in Not gerieten, könnten die Täter die Geräte leicht entfernen.

Für die Kinder, sagt Honkanen-Schoberth, sei es schrecklich, ständig kontrolliert zu werden. Auch Psychologen sehen die „Kinderfinder“ skeptisch. „Aus gut gemeintem Schutz wird Verfolgung, sagt Kurt Brylla, Ambulanzleiter am Winnicott-Institut in Hannover. Dies untergrabe die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Autonomie. Brylla befürchtet überdies, dass Nutzer der Systeme allzu leichtfertig Verantwortung an die Technik abgäben. Statt ihren Kindern Aufmerksamkeit zu schenken, reiche ihnen ein Blick auf den Bildschirm.

Eine verantwortliche Erziehung gehe anders, heißt es im niedersächsischen Sozialministerium. Zur Entwicklung von Ich-Stärke sei Vertrauen zwischen Eltern und Kindern unerlässlich. Der Kinderschutzbund rät daher, Kinder über Gefahren aufzuklären. Sie sollten lernen, Erwachsene anzusprechen wenn sie bedrängt werden oder selbstbewusst Nein zu sagen.