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Panorama Hatte Günter Wallraff in der DDR Kontakte zur Stasi?
Nachrichten Panorama Hatte Günter Wallraff in der DDR Kontakte zur Stasi?
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17:28 06.09.2010
Von Stefan Koch
Erfolgsautor Günter Wallraff.
Erfolgsautor Günter Wallraff. Quelle: dpa
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Aus dem kleinen Dänemark kommen in diesen Tagen Nachrichten, die belastend sein könnten für einen der ganz großen Namen in der deutschen Buch- und Politikszene: Günter Wallraff. Pflegte der Bestsellerautor („Ganz unten“, „Der Aufmacher“), der oft den Alltag im kapitalistischen Westdeutschland sehr kritisch beschrieben hat, diskrete Kontakte zum Geheimdienst Ost-Berlins? Zwei dänische Autoren meinen, dafür neue Hinweise gefunden zu haben.

Ausgewertet wurden Berichte des dänischen Geheimdienstes aus dem Jahr 1971. Das Material liest sich etwas zäh. Als es noch keine Mobiltelefone, Internetverbindungen und Richtmikrofone gab, ging eben alles etwas beschaulicher zu. Und dennoch bergen die Notizen der Männer mit den Schlapphüten brisante Details.

Wallraff werden bereits seit vielen Jahren Stasi-Verstrickungen nachgesagt. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren soll er in einer Art Tauschhandel Informationen weitergegeben haben. Tatsächlich wurde Wallraff als inoffizieller Mitarbeiter (IM „Wagner“) vom DDR-Geheimdienst geführt. Strittig ist jedoch, ob der international bekannte Journalist „willentlich und wissentlich“ für die Stasi arbeitete – oder ob er ohne sein Wissen ausgehorcht wurde. Die Meinungen gehen weit auseinander. Wallraff fühlt sich verunglimpft, insbesondere durch frühere Berichterstattungen der „Bild“-Zeitung, räumt aber ein, „naiv und leichtfertig“ im Umgang mit der Staatssicherheit gewesen zu sein. In einem jahrelangen Rechtsstreit mit dem Springer-Verlag entschied im Januar 2006 das Hanseatische Oberlandesgericht in Hamburg, Wallraff dürfte keineswegs der Mitarbeit in der DDR-Staatssicherheit bezichtigt werden.

Wallraff konnte dieses Urteil als Sieg in einer beinahe ewigen Auseinandersetzung mit Springer feiern. Schon in den siebziger Jahren hatte er – als Einschleichjournalist – die umstrittenen Arbeitsmethoden des Springer-Boulevardblatts „Bild“ beschrieben.

Ausdrücklich nicht untersagt wurde im OLG-Urteil von 2006 allerdings die Berichterstattung über die Materialien des Staatssicherheitsdienstes. Und inzwischen sieht es so aus, als müssten diese Materialien noch ergänzt werden durch Dokumente aus Dänemark.

Es geht um das Jahr 1971. Es war eine unruhige Zeit für Günter Wallraff. Er hatte gerade mehrere aufsehenerregende Industriereportagen geschrieben und stand im Kontakt mit Kollegen, die später zur terroristischen Baader-Meinhof-Bande gehörten, der späteren „Rote Armee Fraktion“ RAF. Die Bundesanwaltschaft nahm deshalb Ermittlungen gegen Wallraff auf, doch zu einer Anklage kam es nie. Als Wallraff eine Reise nach Dänemark antrat, bat der westdeutsche Verfassungsschutz die Kollegen in Kopenhagen um Amtshilfe: Sie sollten Wallraff im Auge behalten und möglichst jeden seiner Schritt minutiös aufzeichnen. Eigentlich ging es um eine Spurensuche in Richtung RAF – doch kam unerwartet die Staatssicherheit der DDR ins Spiel.

Der Politologe Helmut Müller-Enbergs und der Historiker Thomas Wegener Friis veröffentlichen in diesen Tagen den Aufsatz „Inkognito auf Reisen“ in dem Verlag der Süddänischen Universität. Erstmals hatte der dänische Geheimdienst den Wissenschaftlern Einblick in die Überwachungsprotokolle der damaligen Zeit gewährt.

Am 17. Dezember 1971, schreiben die Wissenschaftler, habe Wallraff in Kopenhagen den DDR-Journalisten Heinz Gundlach aus Rostock getroffen, der seinerseits ein Mann der Staatssicherheit gewesen sein soll. Damit Gundlach im Westen nicht auffiel, reiste er unter falschem Namen ein – als „Heinz Guntermann“.

Später sagen beide aus, sie hätten sich nur getroffen, um über journalistische Projekte zu sprechen. Wallraff betonte in seinem Streit mit Springer stets, das Treffen mit Gundlach habe keinerlei konspirativen Charakter gehabt, vielmehr seien sogar seine Freundin und sein damaliger dänischer Verleger dabei gewesen.

Heinz Gundlach jedoch hat das Gegenteil ausgesagt. Er erinnerte sich, dass er mit Wallraff allein in einem Hotelzimmer gesprochen habe. So stellen es auch die jetzt veröffentlichten dänischen Protokolle dar. Dort heißt es: Heinz Gundlach und Günter Wallraff kommen um 14.10 Uhr aus dem Bahnhofsrestaurant. Sie überqueren den Fußgängerweg und gehen die Reventlovsgade herunter. Um 14.20 Uhr bleiben sie in der Reventsovsgade 4 stehen, vorm Restaurant Gambrinus. Sie kommen aber gleich wieder raus, berichten die Observatoren. Die besten Tage des Restaurants, das nur wenige Tische hat, sind gezählt. Anonymität ist da nicht möglich. Schon mit acht Gästen wirkt das schlauchartige Restaurant voll. Sie gehen zwei Häuser weiter, zur Reventlovsgade 6. Um 14.22 Uhr werden beide gesehen, wie sie in das Hotel Regina „einpassieren“, heißt es im Protokoll. Dort hatte sich Gundlach einquartiert. Die beiden Männer gehen in das Zimmer 9. Nach dem Treffen notieren die Observateure: „W. wird gesehen, als er aus dem Hotel Regina kommt. Er trug seine schwarze Tasche mit sich und ging die Reventlso-gade hinunter.“ Die Begegnung dauerte von 14.22 bis 16.26 Uhr. Genug Zeit für ein ausführliches Gespräch. Von der Freundin und dem Verleger keine Spur.

Am nächsten Tag: Gundlach verlässt frühmorgens Kopenhagen mit einer Lufthansa-Maschine. Bei seiner Zwischenlandung in Hamburg wird er von der Polizei festgenommen. Er hat diverse Papiere über die politische Situation in Westdeutschland bei sich. Unter anderem das Schreiben eines Informanten von Wallraff, der sich darum bemühte, Kontakte in die Umgebung des damaligen Verteidigungsministers Helmut Schmidt aufzubauen. Ein Schreiben, das die Hamburger Richter als „mysteriös“ bezeichnen.

Wallraffs Anwalt Helmuth Jipp äußerte sich am Sonntag gegenüber dem ZDF und betonte, Wallraff habe nicht gewusst, dass Gundlach für die Stasi tätig war. Im Lager Wallraffs heißt es, auch die jetzt vorgelegten Dokumente seien mit Vorsicht zu genießen. Angaben des dänischen Geheimdienstes seien nicht anders zu bewerten als solche der Staatssicherheit, der CIA, des BND oder des Verfassungsschutzes. Sie seien alle geleitet von einer bestimmten Interessenlage und nicht von der Bewahrung der Wahrheit.