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Panorama Heckenschütze versetzt eine Stadt in Angst und Schrecken
Nachrichten Panorama Heckenschütze versetzt eine Stadt in Angst und Schrecken
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22:26 28.10.2010
Ratlos steht ein schwedischer Polizist in der Nähe eines Tatorts in Malmö. Am 21. Oktober hatte der Unbekannte durch ein Fenster auf zwei Migrantinnen geschossen.
Ratlos steht ein schwedischer Polizist in der Nähe eines Tatorts in Malmö. Am 21. Oktober hatte der Unbekannte durch ein Fenster auf zwei Migrantinnen geschossen. Quelle: afp
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Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage, die sich alle in Malmö stellen, auf Naser Yazdanpanahs geschwollenen Lippen. In der südschwedischen Stadt geht ein Heckenschütze um, der Angst und Schrecken verbreitet, und der vor 20 Jahren aus dem Iran geflüchtete Schneider war bisher der Einzige, der mit ihm ins Handgemenge kam. Letztes Wochenende war das. Naser stand in seinem winzigen Laden, bügelte eine Hose, die er repariert hatte, hörte einen Knall und sah das Fenster splittern. „Ich dachte, jemand wirft einen Stein“, sagt er, später erst sah er den Einschuss: „Fünf Zentimeter höher, und die Kugel geht in mein Herz. So blieb sie am Fensterrahmen hängen, und ich lebe.“

Doch so weit dachte er nicht, als er den Knall hörte, da hatte er nur Wut. Er stürmte in den Hof, wie er war, in Pantoffeln und dem Mann nach, der weglief. Er packte ihn: „Warum machst du meinen Laden kaputt?“, schrie er. „Lass mich“, erwiderte dieser. „Nein!“ rief Naser. Da verpasste ihm der andere einen Kopfstoß, der ihn zu Boden streckte. Er zieht die Lippen hoch: „Schau, meine Zähne sind ganz wackelig.“ Doch für die Fahnder mag das ein Glücksfall sein, denn bei seiner Attacke kann der Täter eine DNA-Spur hinterlassen haben. Jedenfalls sind die Polizeitechniker anschließend in Yazdanpanahs’ Schneider- und Friseurbude gekommen, haben an seiner Stirn und seinen Lippen Abstriche gemacht und zur Analyse geschickt. Diese wird kompliziert. „Ein Handgemenge löst eine Misch-DNA aus, die man vorsichtig auseinanderfiltern muss“, sagt Polizeichef Börje Sjöholm. Doch sie und Nasers Täterbeschreibung – 170 cm groß, hell, schwarze Kappe, orange Jacke – sind die besten Spuren, die die Ermittler nach rund 20 gezielten Schüssen haben.

Angriffe, die vor allem eines gemeinsam haben: dass ihre Opfer offensichtlich willkürlich gewählte Einwanderer sind. Der Terror, den der Heckenschütze verbreitet, prägt nun das Leben in Schwedens drittgrößter Stadt. Davon ist tagsüber wenig zu spüren, doch sobald die Dunkelheit einbricht, wird es deutlich. Bisher hat der Täter immer am Abend zugeschlagen. „Hier kann es schon mal Wirbel geben“, sagen ein paar Jugendliche im Vorort Krucksbäck, in dem viele Migranten leben, „aber jetzt ist die Angst extrem.“ Viele gehen abends nicht mehr auf die Straße, die Kebab- und Pizzabuden, an denen sie sonst rumhängen, sind verwaist. „Meine Tochter kann nicht mehr schlafen“, sagt eine Mutter aus Afghanistan. „Sie fragt, Mama, warum schießt er?“ Der Vater fährt Taxi: „Wir sind geflohen, weil wir nicht getötet werden wollten. Jetzt fürchten wir uns auch hier.“

Es ist, was Henrik Olinder von der Behörde für Krisenkommunikation „irrationale Angst“ nennt. Die Gefahr, in Malmö umgebracht zu werden, wenn man nicht einer kriminellen Bande angehört, ist auch heute nicht größer als von einem Ziegelstein erschlagen zu werden. Doch in Malmö ist die Furcht spürbar. „Früher spielten alle draußen, jetzt niemand“, sagt Belita im Schulhof. Manche Eltern lassen ihre Kinder auch nicht mehr in die Schule gehen, beklagt Rektor Gunnar Tholin von der Nydala-Skola, vor deren Pforten ein 28-Jähriger angeschossen wurde. 90 Prozent seiner Schüler haben Eltern, die nicht in Schweden geboren sind.

Dass es zwischen den Opfern keine Gemeinsamkeit gibt, außer dass sie „ganz normale, ehrliche Leute“ sind, wie die Polizei es beschrieb, und außer ihrer Herkunft, ließ die Ordnungsmacht lange zögern. Zunächst sah man die Schüsse, die bisher ein Todesopfer und acht Verletzte forderten, als unerklärliche Einzelfälle an. Doch schon seit dem Sommer gibt es den Verdacht, dass es sich um einen Serientäter handeln könne. Öffentlich geäußert hat ihn die Polizei erst jetzt. Inzwischen ist sie sicher, dass zumindest ein Großteil der Attentate von ein und demselben Mann verübt wurde. Bei fünf Anschlägen war nachweislich dieselbe Waffe im Einsatz, bei mehreren anderen wurden Patronenhülsen gefunden, die zum Kaliber passen. Die letzte Serie der Mordversuche wurde in einem begrenzten Umkreis begangen, nicht in den berüchtigten Einwandererghettos wie Rosengård, sondern dort, wo Zuwanderer leben, die sich hochgearbeitet haben.

Wie Naser Yazdanpanah, dessen Laden täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet ist, der geschuftet hat, seit er nach Schweden kam und nie jemandem zur Last lag. „Warum ich?“, fragt er, so wie alle anderen Opfer. Jetzt gleicht sein Laden einer Blumenboutique, so viele Menschen sind vorbeigekommen und haben ihn ermuntert und ihm gedankt. „Tusind tak“, sagt er in gutem Schwedisch, tausend Dank, und immer wieder, dass „wir kämpfen müssen, auch wenn wir Angst haben“. Das hatte er auch bei einer kleinen Kundgebung gesagt, die eine Gruppe Wohlmeinender bei der Bushaltestelle hielt, an der ein anderer niedergeschossen wurde, gleich gegenüber von Nasers Geschäft. Das Fernsehen filmte ihn. Am gleichen Abend wurde er beschossen.

Jetzt ist er die Hoffnung der Fahnder, doch Zweifel bestehen, ob der Mann, der ihn verletzte, tatsächlich der Serientäter ist. Dann hätte dieser die Taktik geändert und sich statt zufälliger Opfer ein gezieltes gesucht. Seit die Anschläge vor einem Jahr begannen, ließ der Täter immer wieder viel Zeit verstreichen, ehe er erneut zuschlug. Jetzt gibt es fast täglich Alarm, sodass sich die Frage stellt, ob die Aufmerksamkeit für die Attentate Nachahmungstäter auf den Plan rief.

Doch just jetzt versteift sich die Polizei auf die Einzeltätertheorie. Er sei mit dem Viertel vertraut, 20 bis 40 Jahre alt und auf dem Fahrrad unterwegs. Das freilich ist ein Signalement, das auf Tausende Malmö-Bürger passt. Dass Rassismus das Motiv sei, sei „nur eine von vielen Theorien“, betont Börje Sjöholm. So war es bei dem „Lasermann“, der anfangs der neunziger Jahre in Stockholm eine Serie von Attentaten auf Einwanderer verübte und wegen eines Mordes und zehn Mordversuchen zu lebenslangem Gefängnis verurteilt wurde. Er handelte alleine, und irgendwie hoffen alle in Malmö, dass es wieder so sei: Mit einem verrückten Einzeltäter kann man leichter umgehen, als wenn man sich fragen müsste, ob das Gesellschaftsklima zur Gewalt gegen bestimmte Gruppen beiträgt.

„Wenn man den Täter rasch fängt, normalisiert sich alles bald wieder“, sagt Henrik Olinder, „wenn nicht, werden die Reaktionen stärker werden.“ Bereits jetzt gibt es Gerüchte über „Selbsthilfegruppen“ aus den Einwandererghettos, die sich auf die Täterjagd machen wollen.

„Meine Tochter fragt, Mama warum schießt er?“

Hannes Gamillscheg