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Panorama „In der Weltkirche gibt’s tausend andere Probleme“
Nachrichten Panorama „In der Weltkirche gibt’s tausend andere Probleme“
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22:43 15.03.2010
Schweigt weiter zum Missbrauchsskandal: Papst Benedikt XVI.
Schweigt weiter zum Missbrauchsskandal: Papst Benedikt XVI. Quelle: dpa
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Wie sehr es im Vatikan grummelt, das erfährt man – zitierfähig wenigstens – am markantesten bei einem Anruf im Staatssekretariat. Das ist die oberste politisch-diplomatische Behörde des Papstes, Lenker und Ratgeber für alle Außenbeziehungen. In der „deutschen Abteilung“ hört sich Monsignor Winfried König zuerst geduldig die Frage an, die so viele in Deutschland derzeit loswerden wollen: Warum sagt der Papst nichts zum Missbrauchsskandal in seinem ehemaligen Erzbistum München-Freising?

Doch dann legt König los und steigert sich immer weiter: „Es wird doch ständig was gesagt, vom vatikanischen Presseamt, von der Glaubenskongregation, von der Deutschen Bischofskonferenz! Warum, bitteschön, muss der Papst immer alles selbst sagen? Er leitet schließlich eine Weltkirche von über einer Milliarde Katholiken, da gibt’s tausend andere Probleme! Es ist eine Hysterie, die da in Deutschland veranstaltet wird! Entschuldigen Sie, ich hab’ jetzt keine Zeit mehr, auf Wiedersehen!“

Dieser Ausbruch, hier ungekürzt wiedergegeben, dauert kaum länger als 15 Sekunden, dann knallt König den Hörer auf. Man hätte den Monsignore gerne gefragt, warum Benedikt XVI., der die Bischöfe in aller Welt so sehr drängt, reinen Tisch zu machen, genau dieses für seine frühere Diözese unterlässt, doch aus dem Telefon tutet’s nur noch.

Im Vatikan fühlt man sich diffamiert und verfolgt, „mit Verbissenheit und Übertreibung“, wie die Hauszeitung „Osservatore Romano“ anklagt. Der „teutonische Furor“ mit seiner ganzen Aggression sei über Rom gekommen, wehrt sich ein Prälat.

Vor vier Wochen noch war alles ganz anders. Da fühlte sich der Vatikan als Herr des Geschehens: Da hatten die Bischöfe der für mehrtausendfachen Missbrauch angeklagten Kirche Irlands zum Krisengipfel in Rom erscheinen müssen, da trat ihnen um den Papst geschart eine eherne Phalanx von Kardinälen und Kurienmännern gegenüber, da konnte Benedikt XVI. seine Strenge ausspielen.

Doch jetzt rückt das Problem näher, dem Papst gewissermaßen unter die Haut; Benedikt sieht sich persönlich so hart angegangen, wie dies – zu Lebzeiten – seit Menschengedenken keinem Papst mehr geschah. Da gilt es, den Chef abzuschirmen: „Der verbissene Versuch von Leuten in München und Regensburg, den Papst persönlich in die Missbrauchsfälle hineinzuziehen, ist ganz klar gescheitert“, erklärte Vatikansprecher Federico Lombardi am Wochenende, nur wenige Stunden, nachdem in München der Fall eines pädophilen Priesters bekannt geworden war. Der Priester war von Essen nach München versetzt worden, wo er sich einer Therapie unterziehen sollte. Doch er war, ohne Zutun Ratzingers, wider alle Absprachen erneut in der Gemeindearbeit eingesetzt worden. Der Papst schweige, „weil er nicht wirklich in eine lokale Münchner Sache von oben hineinregieren kann“, ergänzt Pater Bernd Hagenkord von Radio Vatikan.

Mit ihnen unterstreichen alle möglichen Offiziellen, dass seit dem Riesenskandal in den USA vor zehn Jahren unerbittliche Strenge die Linie Benedikts XVI. sei. Anders als das in der Öffentlichkeit „entstellte Bild“ es vermuten lasse, schreibt der „Osservatore Romano“, sei die katholische Kirche „jene Institution, die den klarsten Kampf gegen den Kindesmissbrauch zu führen beschlossen hat“.

Andere sagen, Benedikt werde sich ohnehin bald äußern; der angekündigte Hirtenbrief an die Katholiken Irlands werde der deutschen Affären wegen überarbeitet, erweitert, womöglich, als Symbol für Selbstkasteiung, am Karfreitag herausgegeben.

Ein deutscher Priester indes, der den Vatikan seit 30 Jahren von innen kennt, schiebt Benedikts Schweigen auf dessen italienische Berater: „Die lachen sich einen Ast, weil diese Germanen da unbedingt eine saubere Kirche wollen. Dabei gibt’s solche Fälle überall, man muss sich, denken die, doch nicht so aufregen!“ Tatsächlich: In einem offiziellen Interview macht sich der Malteser Charles Scicluna als zuständiger Jurist der Glaubenskongregation „Sorgen um eine allzu sehr verbreitete Kultur des Schweigens auf der Halbinsel“.

Der deutsche Priester würde dem Papst – „wenn zu ihm überhaupt mal ein Medienberater vordringt“ – eine Erklärung empfehlen, wie sie Bruder Georg Ratzinger abgegeben hat. Der hat eingeräumt, als Domkapellmeister in Regensburg „Ohrfeigen ausgeteilt“ zu haben; vor drei, vier Jahrzehnten sei das „die nächstgelegene Reaktion auf eine negative Leistung“ gewesen. Heute, fügte Georg Ratzinger in der „Passauer Neuen Presse“ hinzu, „verurteilt man es umso mehr, als man sensibler geworden ist. Auch ich tue das. Gleichzeitig bitte ich die Opfer um Verzeihung.“

Diese Offenheit, sagt der deutsche Priester, „hat mir imponiert. Warum sollte der Papst nicht ebenso reagieren? Neben den italienischen Beratern gibt’s ja den deutschen Privatsekretär Georg Gänswein. Wenn der im Auftrag Benedikts ein paar Sätze herausgäbe, würde sich vieles beruhigen.“

Paul Kreiner

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