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Panorama Journalistin Canan Topçu über Sarrazins neues Buch
Nachrichten Panorama Journalistin Canan Topçu über Sarrazins neues Buch
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21:45 28.08.2010
„Wer, bitte schön, gehört denn alles dazu, wenn wir heute sagen: ,Wir’ in Deutschland?“: Canan Topçu.

Seit Tagen grummelt es in meinem Bauch. Ich habe Angst um den inneren Frieden in Deutschland. Der Auslöser: Ein Buch, das rund 460 Seiten umfasst. Autor: Thilo Sarrazin. Nach der Lektüre eines im „Spiegel“ vorab gedruckten Kapitels war ich anfangs wie gelähmt, dann fassungslos und später wütend.

Und jetzt bin ich einfach nur ratlos. Jetzt, nachdem ich mir vom Verlag via ­E-Mail eine PDF-Datei des Buches schicken ließ und bis in die frühen Morgenstunden vor dem Computer saß und las, was Sarrazin in „Deutschland schafft sich ab“ geschrieben hat.

Was soll man sagen als türkischstämmige Frau, die Deutsche ist, die in Deutschland studiert hat, die hier als Journalistin arbeitet, zu einer solchen Schrift? Wird man, wenn man Kritik übt, gleich als beleidigte Leberwurst abgekanzelt? Was aber, wenn man sich tatsächlich tief gekränkt fühlt?

Eines steht schon mal fest: Sarrazin pellt sich ein Ei darauf, was seine Einlassungen bei mir und meinesgleichen bewirken und was wir über ihn denken. Und gerade dann, wenn wir negativ reagieren, wird jede unserer Reaktionen ihn nur in seinem längst gefassten und immer wieder verkündeten Urteil bestärken, dass wir natürlich nur einmal mehr den vorhersagbaren Wegen folgen – und dass wir Migranten muslimischen Glaubens nicht ernst zu nehmen sind.

Leider kann ich mir kein Ei darauf pellen, was Sarrazin so alles von sich gegeben hat. Denn mit der Veröffentlichung seiner extremen Positionen liefert er vielen in Deutschland geborenen Deutschen mit deutschen Eltern, die wie er denken, eine Steilvorlage. Sie werden sich in ihren Ansichten bestätigt fühlen und sich sagen: Der Mann denkt ja wie ich, er war lange Berliner Finanzsenator, jetzt arbeitet er im Vorstand der Bundesbank. Und wenn eine so hochrangige Person das alles schwarz auf weiß liefert, dann kann mein Urteil ja nicht falsch sein.“

Sarrazin weiß exakt um diese Wirkung und beschreibt sich selbst im Buch als eine „Person des öffentlichen Lebens, die elementare Lebenszusammenhänge knapp und klar auf den Punkt bringt“.

Das Buch erscheint am 30. August, just an meinem Geburtstag. Der Inhalt? Knapp formuliert: Er spricht mir und meinesgleichen im Grunde eine Daseinsberechtigung in diesem Land ab. So jedenfalls lese ich es. Das Buch enthält Aussagen, die mir offen gestanden Übelkeit verursacht haben. Auch Übelkeit ob der ungeheuerlichen Borniertheit dieses Menschen, der sich anmaßt, muslimische Einwanderer dermaßen abschätzig darzustellen. Sarrazin legt akribisch dar, dass wir Muslime dumm und faul sind und dass dies alles irgendwie wohl auch noch etwas mit Genetik zu tun hat. Auch sind wir Sozialschmarotzer, bringen für dieses Land keinen wirtschaftlichen Mehrwert, vermehren uns aber wie die Karnickel und bringen unterm Strich das „kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht“ aus dem Lot.

Kleine Kostprobe gefällig? „Das westliche Abendland sieht sich durch die muslimische Immigration und den wachsenden Einfluss islamischer Glaubensrichtungen mit autoritären, vormodernen, auch antidemokratischen Tendenzen konfrontiert, die nicht nur das eigene Selbstverständnis herausfordern, sondern auch eine direkte Bedrohung unseres Lebensstils darstellen.“

Meine türkische Nachbarin, eine rechtschaffene Frau, Mutter von zwei Kindern, die das Gymnasium besuchen, praktizierende Muslima mit Kopftuch, die regelmäßig in die Moschee geht und den Koran rezitiert, versteht nicht, wieso sie eine Bedrohung sein soll. Sie kennt Sarrazin nicht. Als sie von mir erfuhr, was dieser Mann für eine Meinung von Muslimen hat, sagte sie: „Allah bu adama akil versin – Gott möge diesem Mann Verstand geben.“ Und dann fragte sie: „Was haben wir diesem Menschen denn angetan?“

Ich weiß es nicht. Ich entnehme seinen Einlassungen lediglich, worum sich der 65-Jährige sorgt, nämlich um die „Verdünnung“ der einheimischen Bevölkerung. „Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden“, schreibt Sarrazin. Und er lässt wissen, dass er „eine Veränderung unserer Kultur, unserer Zivilisation und unseres Volkscharakters“ nicht wünsche.

Volkscharakter? Eine wie ich, die als Tochter türkischer Einwanderer in diesem Land groß geworden und deutsche Staatsbürgerin ist, liest solche Sätze anders als manche andere Deutsche. „Jawohl, ich möchte auch nicht zum Fremden im eigenen Land werden“, denken nicht wenige. Ich hingegen denke: Hallo? Dies ist auch mein Land, und ich möchte auch so manches für mein Land nicht. Vor allem nicht, dass Dummschwätzer hier Oberwasser kriegen.

Wer, bitte schön, gehört denn alles dazu, wenn wir heute sagen: „Wir“ in Deutschland? Land und Leute sind glücklicherweise nicht mehr so wie vor 70 Jahren, auch nicht mehr wie in den fünfziger Jahren. Die ganze Welt verändert sich. Die Einseitigkeit Sarrazins liegt darin, dass er Deutschland stets nur als Opfer von außen kommender Einflüsse ansieht. So phantasiert er sich im letzten Kapitel seines Buches ein Untergangsszenario zusammen, wonach im Jahr 2045 in Deutschland nur noch 20 Prozent der Erstklässler Deutsch als Muttersprache haben werden. Tatsächlich aber wirkt Deutschland und wirkt die gesamte Europäische Union heutzutage tief in die muslimische Welt hinein – und bringt dort historische Veränderungen in Gang.

Jene, die immer nur zwischen „uns“ und „denen“ unterscheiden, haben in der Geschichte schon viel Unheil gebracht. Die Zukunft gehört denen, die „wir“ sagen – und dabei an Europa denken.

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Canan Topçu

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