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Panorama Kassen wollen Mitsprache bei Zahnarztrechnungen
Nachrichten Panorama Kassen wollen Mitsprache bei Zahnarztrechnungen
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06:16 13.04.2012
Foto: Die Krankenkassen fordern mehr Mitsprache bei Zahnarzt-Rechnungen.
Die Krankenkassen fordern mehr Mitsprache bei Zahnarzt-Rechnungen. Quelle: dpa
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Berlin

Für viele ist es ein Ärgernis: Der Besuch beim Zahnarzt wird immer teurer. Drei Viertel des Honorars für Zahnersatz – ob Brücke oder Krone – müssen die Patienten mittlerweile selber zahlen. Der Eigenanteil ist laut einer neuen Studie des Verbands der Ersatzkassen von 2005 bis 2009 um durchschnittlich zehn bis 14 Prozent gestiegen. Die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) wollen nicht weiter untätig zuschauen. Um ihre Versicherten stärker vor Kostensteigerungen zu schützen, fordern sie mehr Mitsprache und Transparenz bei der Abrechnung zahnmedizinischer Leistungen. 

■   Wie kommt es zu der Kostensteigerung?
Hintergrund der steigenden Belastung der Versicherten ist ein Systemwechsel, den der Gesetzgeber bereits vor Jahren beschlossen hat: Seit 2005 gibt es keine prozentuale Erstattung der Behandlungskosten beim Zahnersatz mehr, sondern einen Festzuschuss, der sich an der jeweiligen kostengünstigen Standardbehandlung orientiert. Dies bedeutet: Wählt der Patient nicht die Metallkrone, die der sogenannten Regelversorgung entspricht, sondern eine teurere Vollkeramikkrone, zahlt die Kasse trotzdem nur den vereinbarten festen Zuschuss (zum Beispiel 50 Prozent) zur Metallkrone. Die ohnehin fällige Zuzahlung des Patienten fällt also noch höher aus.

■   Gibt es eine feste Preistabelle für Zahnersatz, an der sich der Versicherte orientieren kann?
Nein. Mit dem Festzuschuss-System wurden 70 Millionen gesetzlich Versicherte zu Privatversicherten, denn der Eigenanteil beim Zahnarzt wird nach der privatärztlichen Gebührenordnung (GOZ) abgerechnet. Die GOZ sieht einen sogenannten Steigerungswert der Kosten vor, den Zahnärzte je nach Schwierigkeitsgrad der Behandlung in Rechnung stellen können. Die GOZ wurde gerade novelliert. Die Zahnärzte können in diesem Jahr mit rund 345 Millionen Euro mehr an Honoraren rechnen. Einen großen Teil dieses Zuwachses werden die Patienten privat bezahlen müssen.

■   Wie wird gerechnet?
Angenommen, es fehlt der sechste Zahn in Richtung Kiefer, muss der Patient nach einer Beispielrechnung der AOK Niedersachsen mit folgenden Kosten kalkulieren: Die sogenannte Regelversorgung sieht eine Metallkrone samt Brücke vor. In diesem Fall beträgt der Festzuschuss der Krankenkasse 297,32 Euro, der Eigenanteil des Versicherten 450 Euro. Wünscht der Patient eine Keramikverblendung seiner Krone, bleibt der Festzuschuss gleich – der Eigenanteil steigt aber auf 740 Euro. Letzterer kann sich sogar auf 1522,68 Euro erhöhen, wenn der Patient statt Brücke und Krone ein Implantat bevorzugt.

■   Fehlt es tatsächlich an Kontrolle?
Ja. Die Zahnärzte müssen zwar zu Beginn der Behandlung einen Heil- und Kostenplan erstellen, den der Patient seiner Krankenkasse vorlegt. Aber letztlich wird damit nur der Festzuschuss genehmigt. Die Rechnung, die der Zahnarzt dem Patienten am Ende der Behandlung präsentiert, kann bis zu zehn Prozent höher ausfallen als der Kostenvoranschlag. „Was am Ende tatsächlich abgerechnet wird, wissen wir nicht“, klagt GKV-Sprecher Florian Lanz. Einige Kassen bieten ihren Versicherten mittlerweile an, die Abschlussrechnung zu prüfen. Verbraucherzentralen raten Patienten, bereits vor Beginn der Behandlung eine Zweitmeinung von einem anderen Zahnarzt einzuholen.

■   Welche Änderungen des Abrechnungssystems schlagen die Kassen vor?
Der Spitzenverband GKV will mit Zahnärzten Verträge über Höchstsätze für Leistungen aushandeln können. Dies ist im Rahmen der privatärztlichen Abrechnung bislang gesetzlich nicht möglich. Das Ergebnis wäre ein Preiskatalog für Zuzahlungen beispielsweise bei einer Vollkeramikkrone. Außerdem schlägt der GKV-Vorstand vor, dass Zahnärzte künftig Rechnungskopien über die tatsächlich erbrachten Leistungen bei den jeweiligen Kassen vorlegen müssen.

■   Was sagt die Bundeszahnärztekammer?
Die obersten Standesvertreter der Zahnärzte wehren sich gegen die Rolle des Sündenbocks. Letztlich sei es der Gesetzgeber, der die Leistungen ausdünne, sodass der Patient mehr zuzahlen müsse. „Die nötig gewordenen Zuzahlungen können nicht den Medizinern angekreidet werden“, sagt Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer. Auch den Vorwurf der Intransparenz weist Engel zurück.

■   Sind die Patienten mit ihren Zahnärzten denn zufrieden?
Die Bundeszahnärztekammer sagt Ja und verweist auf eine Allensbach-Umfrage. Die unabhängige Patientenberatung (UPD) hat allerdings die Beschwerden ausgewertet, die 2010 bei ihren Beratungsstellen eingingen. Ergebnis: Knapp ein Drittel der Beschwerden richteten sich gegen Zahnmediziner, mit weitem Abstand folgten die Hausärzte.

■   Wie können Patienten beim Zahnersatz Geld sparen?
Sie sollten den Heil- und Kostenplan ihres Zahnarztes nur als ein Angebot betrachten. Vor einer teuren Reparatur lassen sich Kunden in der Regel auch von mehreren Handwerkern Kostenvoranschläge geben – ähnlich funktioniert das auf entsprechenden Portalen im Internet. Die Seite www.2te-zahnarztmeinung.de beispielsweise wird von etlichen Krankenkassen unterstützt und bietet den Versicherten ihre Dienste kostenlos an. Das funktioniert so: Der Patient stellt den Heil- und Kostenplan seines Zahnarztes ins Portal – dessen Kollegen haben dann die Möglichkeit, das Angebot zu unterbieten. Ein paar Hundert Euro Ersparnis beim Eigenanteil seien da immer drin, heißt es bei der AOK Niedersachsen.

■   Was nützt das Bonusheft?
Regelmäßige Besuche beim Zahnarzt zahlen sich beim Zahnersatz aus. Der Festzuschuss der Kasse steigt um 20 Prozent, wenn der Patient in den letzten fünf Jahren mindestens einmal im Jahr beim Zahnarzt war. Bei einer lückenlosen Vorsorge über zehn Jahre erhöht sich der Zuschuss um weitere zehn Prozent.

Gabi Stief und Jens Heitmann