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Panorama Lebenslänglich für den Entführer der kleinen Ursula Herrmann
Nachrichten Panorama Lebenslänglich für den Entführer der kleinen Ursula Herrmann
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22:40 25.03.2010
Ursulas Bruder Michael Herrmann mit der Anwältin der Familie, Marion Zech.
Ursulas Bruder Michael Herrmann mit der Anwältin der Familie, Marion Zech. Quelle: dpa
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Doch die Familie des Opfers findet darin keinen Frieden. „Ich bin nicht überzeugt, dass er der Täter ist“, sagte Michael Herrmann. „Indizien sprechen dafür. Aber Zweifel bleiben.“ Einen eindeutigen Beweis hätte sich die Familie gewünscht oder ein Geständnis von Werner M., um endlich zur Ruhe zu kommen. „Gerechtigkeit kann es ohnehin nicht geben“, sagte Michael Herrmann.

Seine Eltern waren während der Urteilsverkündung beim Arzt - alles über Ursulas Tod, die Erpresseranrufe und das Auffinden ihrer Leiche noch einmal zu hören, „die Belastung ist zu groß“, sagte er. Seit damals sei die Mutter gesundheitlich stark angeschlagen, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Rothermel. Von einem schwarzen Schleier über dem Leben sprach die Anwältin der Familie, Marion Zech.

Betäubt und lebendig begraben

Einen Trost aber gab es doch aus dem Prozess: „Dass meine Schwester in der Kiste im Wald keinen Todeskampf mehr hatte, sondern wohl einfach eingeschlafen ist“, sagte Michael Herrmann. Wahrscheinlich sei sie betäubt worden, bevor sie in die enge Holzkiste gepfercht, der Deckel verriegelt und mit Erde zugeschaufelt worden sei, sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung. Weil ein Luftrohr nicht funktionierte, sei das Kind wohl in einer Stunde mangels Sauerstoff erstickt.

Und doch sei das lang und sorgfältig geplante Verbrechen ungewöhnlich grausam gewesen, sagte Rothermel. „Wir können uns die Todesangst des Kindes nicht annähernd vorstellen, als sie auf dem Heimweg plötzlich vom Rad gezerrt wurde, als sie in den Wald geschleppt wurde.“ Dass Werner M. der Täter war, daran hatte das Schwurgericht nach einjährigem Prozess, nach 197 Zeugen und Sachverständigen und dem Studium von 90.000 Blatt Akten überhaupt keinen Zweifel mehr.

Trotz Pleite große Pläne

Der Richter beschrieb Werner M. als verkrachte Existenz: Ein geschickter Handwerker mit eigener Werkstatt, aber vorbestraft und pleite. Trotzdem wollte er auf großem Fuß leben, kaufte Autos und ein Motorboot zum Wasserskifahren und plante eine Weltreise. Gegenüber anderen zeigte er sich oft brutal und rücksichtslos - den Hund seiner Frau ließ er in der Tiefkühltruhe erfrieren, weil er sich über ihn ärgerte. „Den hab ich zu Sibirien verurteilt“, hatte Werner M. erklärt.

Um schnell an das große Geld zu kommen, plante er zunächst einen Raubüberfall. Dann - so das Gericht - entschloss er sich aber, die Tochter der Lehrerfamilie Herrmann zu entführen und zwei Millionen Mark zu erpressen. Dass sie jeden Dienstag abend allein auf dem Seeweg vom Turnunterricht nach Hause radelte, wusste er.

Am 15. September 1981, es war Ursulas erster Tag im Gymnasium Ursula, habe Werner M. ihr am Weg aufgelauert und sie in die bereits im Wald eingegrabene Kiste geschleppt, sagte der Richter. Ein inzwischen verstorbener Mann gestand, dass er das Loch im Auftrag von Werner M. gegraben habe. Zeugen hatten ihn auch mit dem Spaten beobachtet „Das Geständnis ist eine wesentliche Säule“ des Urteils, sagte Rothermel. Auch ein Fernglas, Bücher, ein Tuch und ein Radio am Tatort deuteten auf Werner M. als Täter, ebenso, dass er den Polizeifunk abhörte, Zeugen ausfragte und ein falsches Alibi präsentierte.

Tonband erst 2007 gefunden

Aber erst 2007 kam ein entscheidender weiterer Baustein in dem Mosaik der Beweise dazu: Das Tonbandgerät Grundig TK-248, mit dem die Erpresseranrufe aufgenommen worden waren. Das Gerät mit ganz charakteristischen Tondefekten wurde 2007 nach dem Umzug von Werner M. von Eching nach Kappeln in seiner Wohnung sichergestellt. In einem damals abgehörten Telefongespräch bezeichnete Werner M. den Tod des Kindes als „Betriebsunfall“ und erkundigte sich nach den Verjährungsfristen. Kurz darauf wurde er verhaftet und angeklagt.

Aber Werner M. besteht auf seiner Unschuld und „ist empört. Er empfindet das Urteil als ungerecht“, sagte sein Verteidiger Walter Rubach. „Er will in Revision gehen und kämpfen.“

ap