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Panorama Lufthansa: Germanwings-Opfer haben Absturz nicht mitbekommen
Nachrichten Panorama Lufthansa: Germanwings-Opfer haben Absturz nicht mitbekommen
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10:24 13.08.2019
Die Gedenkstätte an der Absturzstelle des Germanwings-Fluges im französischen Le Vernet.
Essen

Es geht um eine Million Euro und die Frage, ob und wie die Passagiere an Bord des Fluges Germanwings-Fluges 9525 leiden mussten, bis die Maschine am 24. März 2015 in den französischen Alpen zerschellte. Die Lufthansa hat Angehörige mit einer 118-seitigen Stellungnahme irritiert, die Passagiere hätten von dem rund zehnminütigen Absturz, der durch den Co-Piloten Andreas Lubitz mutwillig herbei geführt wurde, nichts mitbekommen – und daher auch keine Todesangst erlitten.

Als Konzernmutter hat die Lufthansa eine entsprechende Stellungnahme, die dem RND vorliegt, an das Essener Landgericht geschickt, das in wenigen Monaten eine Schmerzensgeldklage von Hinterbliebenen behandeln soll. Konzernsprecher Helmut Tolksdorf sagte: „Diese Einschätzungen über den Hergang von Flug 4U9525 und die Situation an Bord wurden von den Experten des französischen Bureau d‘Enquêtes et d’Analyses pour la securité de l’aviation civile (BEA) ermittelt.“ Die BEA war als Untersuchungsbehörde verantwortlich und legte ihre Ergebnisse im März 2016 in einem 124-seitigen Bericht vor.

Angehörige wurden im März 2016 über neue Erkenntnisse informiert

Den Angehörigen dürften die Ergebnisse allerdings nicht neu sein, sagte Tolksdorf, denn im März 2016 gab es zwei Treffen der BEA in Paris und Köln. Dort erfuhren Hinterbliebene die aktuellen Erkenntnisse. Der Lufthansa-Sprecher verweist gegenüber RND auf einen Bericht in den „Aachener Nachrichten“ vom 14. März 2016, in dem von „beruhigenden Erkenntnissen für die Angehörigen“ die Rede war. Auch in Barcelona und Bonn wurden Hinterbliebene informiert.

Zunächst hatte es nach dem Absturz mit Verweis auf die Daten des Voice-Recorders geheißen, der ausgesperrte Pilot hatte panisch gegen die Cockpit-Tür gehämmert und auch versucht, die Tür einzuschlagen, um wieder in das Cockpit zu gelangen. Die französischen Ermittler kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass der Autopilot so eingestellt gewesen sei, dass die Passagiere den späteren Absturz zunächst als normalen Sinkflug erlebt haben sollen.

BEA ist für Fakten, nicht für die Bewertung einer Situation zuständig

Laut des französischen Untersuchungsberichts hätte der überwiegende Teil der Passagiere möglicherweise gar nichts oder zumindest zunächst nichts von der drohenden Katastrophe mitbekommen – und hatte somit auch keine Todesangst. Das mehrmalige Klopfen an der Tür sei nicht von der Bordaxt gekommen, es sei also gut möglich, dass die Passagiere nicht oder nicht laut mitbekommen haben, was sich im vorderen Teil des Fliegers abgespielt habe, heißt es in dem Artikel weiter.

Luftverkehrsjurist Elmar Giemulla vertritt die Angehörigen von 40 Todesopfern und gibt gegenüber dem RND an, dass seine Mandaten nie davon gehört hatten – und es auch sonst keine Medienberichte gibt. „Die BEA untersucht alleine den technischen Ablauf und gibt Zahlen und Fakten weiter. Für Schlussfolgerungen und Bewertungen ist sie nicht zuständig“, sagt er. Über diese Fakten seien Hinterbliebene im März 2016 informiert worden. „Die Bewertung ist nicht Gegenstand der BEA-Untersuchungen.“

Lufthansa spricht von „heftigen, kontrollierten“ und „dumpfen“ Klopfen an der Cockpit-Tür

Die „Bild“ hatte eine Angehörige aus Krefeld zitiert, die bei der Katastrophe mit 150 Toten ihren Bruder und ihre Nichte verlor. Sie ist eine der Klägerinnen im Schmerzensgeld-Verfahren, das im Herbst beginnen soll. „Dass die beiden und alle anderen Opfer keine Todesangst gehabt haben sollen, ist nicht nachvollziehbar. Es gibt genügend Hinweise, die das Gegenteil beweisen“, sagte sie dem Blatt.

Auch ihr Anwalt Giemulla ist der Ansicht, dass der Sachverhalt nicht so gewesen sein konnte, wie Lufthansa ihn darstelle, er bezeichnet die Stellungnahme als eine Reihe von „Absurditäten“: „Wir reden von einer dreimal höheren Sinkgeschwindigkeit als sonst, an einer absurden Stelle und zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt und die Alpen kamen immer näher.“ Da der Voice Recorder nicht dafür zuständig sei, Geräusche außerhalb der Kabine aufzuzeichnen, diese aber zu hören seien, „müssen sie laut gewesen sein.“ Lufthansa schreibt von einer „dumpfen Stimme“ und von fünffachem „heftigen, kontrollierten Klopfen, nicht aber Hämmern oder Treten“.

Spekulationen auf beiden Seiten

Giemulla bezieht sich zudem auf einen Fall in Australien, als durch ein Luftloch die normale Sinkgeschwindigkeit verdreifacht wurde. „Der Pilot sagte, es sei die Hölle gewesen und die Passagiere seien durcheinander gewirbelt worden. Das merkt man als Laie also schon, dass da was nicht stimmen kann.“ Lufthansa hingegen argumentiert damit, dass selbst bei der Wahrnehmung der ungewöhnlichen Situation bei den Passagieren sofort Beunruhigung ausgelöst worden wäre. Die Passagiere hätten nicht erahnen können, „dass das Flugzeug gegen einen vor ihm liegenden Berg fliegen würde“.

Zudem hätte der Pilot erst nach vier Minuten Sinkflug um Einlass ins Cockpit gebeten, weshalb offenbar nicht einmal er als Experte bemerkt habe, dass sich eine Katastrophe anbahnt. Erste Berichte nach dem Unglück, wonach es ein Video aus der Kabine gegeben haben soll, auf dem panische Passagiere zu hören gewesen ein sollen, erwiesen sich als falsch.

Ob, wie Lufthansa in der Stellungnahme behauptet, ein Vorhang zugezogen gewesen sei und der Bordservice begonnen hatte, ist nicht erwiesen. „Es sind Spekulationen auf beiden Seiten, denn überlebende Zeugen gibt es nicht“, sagt Giemulla, er spricht von Plausibilitäten und Naturgesetzen. „Dass das von Lufthansa so herunter gespielt wird, ist ein Unding. Ich verstehe das aus der Sicht eines Anwalts, wenn es keine Todesangst gab, gibt es keinen Anspruch auf Schmerzensgeld, aber es gibt Grenzen der Pietät und der Rücksicht auf Hinterbliebene.“ Lufthansa schreibt, dass die „Wahrnehmungsmöglichkeiten der Passagiere weitestgehend spekulativer Natur“ seien und die pauschale Behauptung, die Passagiere hätten Todesangst erlitten, „mit Nichtwissen zu bestreiten“ sei.

Angehörige fordern 25.000 Euro Schmerzensgeld je Todesopfer

Giemulla vertritt die Angehörigen von 40 Opfern, pro Opfer fordert er 25.000 Euro Schmerzensgeld. Die Summe wäre zusätzlich zu der bereits ausgezahlten Opferentschädigung – 25.000 Euro je Todesopfer, jeweils 10.000 Euro für die erlittenen Schmerzen von nahen Angehörigen. Für viele Hinterbliebene war das zu wenig, alleine die Grabpflege würde die Kosten übersteigen, hieß es in einem Brief der Angehörigen an die Lufthansa aus dem vergangenen Jahr.

Zudem war die Lufthansa in der Kritik, weil die Hinterbliebenen einigen bürokratischen Aufwand hatten, die Entschädigung tatsächlich zu erhalten. Für die Zahlung von Entschädigung sollten Hinterblieben eine Verzichterklärung unterschreiben und damit auf jede Art von Klagen verzichten. Auch südamerikanische Angehörige verklagen Lufthansa auf Schadensersatz, eine US-Familie klagt wegen fahrlässiger Tötung. Giemulla geht davon aus, dass es im Herbst zu einer mündlichen Verhandlung vor dem Landgericht kommt und die Lufthansa einen Vergleich anstrebt.

Copilot Andreas Lubitz hatte den Airbus auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf am 24. März 2015 gegen eine Felswand in den französischen Alpen gelenkt, nachdem der Pilot das Cockpit kurz verlassen hatte. Lubitz verriegelte die Tür, ignorierte Funkanfragen und leitete den Sinkflug ein. Alle 150 Menschen an Bord kamen ums Leben. Lubitz litt an Depressionen und Psychosen, war auch krank geschrieben, allerdings leitete er die Krankmeldung nicht weiter. Er soll den Absturz als erweiterten Suizid geplant haben. Viele der Hinterbliebenen zeigen sich unverständlich, dass Lufthansa Lubitz fliegen ließ, obwohl seine Vorerkrankungen bekannt waren.

RND/Miriam Keilbach

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