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Panorama Marco: „Meine Angst ist groß“
Nachrichten Panorama Marco: „Meine Angst ist groß“
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18:13 15.09.2009
Hofft auf Freispruch: Marco Weiss. Quelle: Sascha Weiss/ddp
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Mehr als 150 Fälle standen am Dienstag auf den Terminzetteln der fünf Schwurgerichtskammern von Antalya. Mordprozesse, Raubüberfälle, Vergewaltigungen. Am Mittwoch werden es nicht weniger sein – doch die Verhandlung, die die 1. Kammer, für 15 Uhr türkischer (14 Uhr deutscher) Zeit angesetzt hat, wird die Medien-Maschinerie wieder in Gang setzen im Gericht von Antalya wie kaum ein anderes Verfahren in den vergangenen Monaten. „Marco Weiss“ steht auf der langen Namensliste der Angeklagten im Erdgeschoss. Marco wird vorgeworfen, als 17-jähriger die damals 13-jährige Britin Charlotte im Osterlurlaub 2007 in einem Hotel missbraucht zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe.

Gegen den mittlerweile 19-jährigen Uelzener wurde schon im alten Gerichtsgebäude verhandelt, die Akten und der Problemfall, den der Vorsitzende Richter am liebsten schon im Jahr 2007 abgegeben hätte, zogen mit um in den neuen Prachtpalast gegenüber der Universität. Und es war nicht das einzige Verfahren, das das alte Haus überlebte – manche Verhandlungen der Schwurgerichtskammern begannen schon im Jahr 2001 und laufen bis heute.

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Für die Uelzener Familie waren die zweieinhalb Jahre, die mit einer achtmonatigen Untersuchungshaft für den Jungen begannen, unerträglich lang. Und auch am Mittwoch werden sie daheim in Uelzen wieder lange warten müssen, bis sie ihr türkischer Anwalt Ahmet Ersoy per SMS über den Ausgang des Prozesstages informieren kann. Denn der Fall Marco ist der letzte auf dem langen Terminzettel. Und pünktlich begann fast keiner der bisherigen 13 Verhandlungstage.

Auch diesmal gehe er nicht davon aus, dass die Richter das Verfahren tatsächlich um 15 Uhr aufrufen werden, sagt Anwalt Ahmet Ersoy. Irgendeine Verzögerung gebe es eigentlich immer, es sei gut möglich, „dass wir zwei Stunden auf dem Flur warten“. So war es auch am 13. Verhandlungstag im Juli, der dann ganze drei Minuten dauerte.

Sollte Ersoy am Mittwoch tatsächlich plädieren dürfen – wovon er ausgeht, da die Beweisaufnahme längst abgeschlossen ist und auch der Staatsanwalt schon sein Plädoyer gehalten hat – dürfte die Verhandlung etwas länger dauern als jüngst, wenn auch wohl kaum mehr als eine Stunde. Denn das Plädoyer des Verteidigers ist gewissermaßen nur noch fürs (zahlreiche) Medienpublikum. Ersoy fasst nur in wenigen Sätzen zusammen, was den Richtern schon seit Monaten in schriftlicher Form vorliegt.

Sollte das Verfahren wirklich mit einem Freispruch zu Ende gehen, könnte Marco endlich beginnen, ein ganz normales Leben zu führen. Derzeit wird dieses von den Prozesstagen unterbrochen, die alles immer wieder „hochkochen“ in ihm. Für den 19-Jährigen hat der Ausgang des Verfahrens nach eigenen Angaben große Bedeutung: „Die Angst ist groß, unschuldig verurteilt zu werden“, sagte er gegenüber der Allgemeinen Zeitung Uelzen.

Und noch immer sprechen ihn gelegentlich vor allem jüngere fremde Leute auf das Thema Türkei an. „Meine Freunde aber sind rücksichtsvoll und lassen mich damit in Ruhe“, schildert er.

Ein Lichtblick für die Familie gibt es derweil im Vorfeld des Prozesses: Marcos vor einiger Zeit an Leukämie erkrankter Vater Ralf Jahns kann dagegen nach einem schweren Rückfall diesmal zuhause den Ausgang des Prozesses abwarten.

von Thomas Mitzlaff