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Panorama Neue Anlaufstellen gegen Missbrauch - Papst in Kritik
Nachrichten Panorama Neue Anlaufstellen gegen Missbrauch - Papst in Kritik
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17:38 24.03.2010
Das Bundeskabinett hat eine Missbrauchsbeauftragte eingesetzt. Quelle: dpa
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Opfer von Übergriffen können sich jetzt an die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) wenden, die im Auftrag der Regierung helfen soll. Erneut wurden Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt. Der Theologe Hans Küng erhob in diesem Zusammenhang schwere Vorwürfe gegen Papst Benedikt XVI..

Der Papst habe in seiner damaligen Funktion als Chef der Glaubenskongregation in Rom wichtige Informationen geheim gehalten, berichtete Küng im Schweizer Fernsehen. „Es gab in der ganzen katholischen Kirche keinen einzigen Mann, der so viel wusste über die Missbrauchsfälle, und zwar ex officio - von seinem Amt her.“

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Nach Angaben seines Büros vom Mittwoch bezog sich der Kirchenkritiker auf einen Brief, den der damalige Kardinal Joseph Ratzinger im Mai 2001 geschrieben hatte. In dem Schreiben, das auch auf der Website des Vatikans steht, wurden kirchliche Würdenträger angewiesen, alle Voruntersuchungen und Anschuldigungen zu Missbrauchsfällen an Ratzinger weiterzuleiten. Die Untersuchungen sollten geheimbleiben. Küng war 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen worden, weil er die Unfehlbarkeit des Papstes infrage gestellt hatte.

Der Papst nahm indes den Rücktritt eines weiteren irischen Bischofs an. Monsignore John Magee, seit 1987 Bischof von Cloyne, hatte bereits vor rund einem Jahr seinen Rücktritt angeboten. Ihm war vorgeworfen worden, gegen mehrere Priester, denen sexueller Missbrauch von Minderjährigen nachgewiesen werden konnte, bewusst keinerlei kirchliche Sanktionen verhängt zu haben.

Das Vertrauen der Deutschen in den Papst und die katholische Kirche ist nach einer „Stern“-Umfrage wegen des Skandals um sexuellen Missbrauch dramatisch gesunken. Katholische Medien und Erneuerungsgruppen haben nun gemeinsam die Internet-Plattform „JA! zur Kirche“ gestartet, um dem Papst - der zuletzt wegen seines langen Schweigens zu den Missbrauchsfällen in der Kirche in die Kritik geraten war - ihre Solidarität zu bekunden.

Erneut wurden Missbrauchsfälle bekannt: Im saarländischen Homburg soll sich ein katholischer Geistlicher in den 50er Jahren an Schülern vergangen haben. Gegen einen bereits suspendierten Priester aus der Erzdiözese München gibt es einen neuen Missbrauchsvorwurf. Der noch nicht verjährte Fall sei an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden, teilte das Erzbischöfliche Ordinariat am Mittwoch mit.

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) will jetzt kirchliche und andere private Schulen schärfer kontrollieren. Zusätzlich würden an allen großen Staatsanwaltschaften in Bayern Missbrauchsbeauftragte einsetzen, an die sich Opfer direkt wenden können, sagte die Ministerin am Mittwoch.

Die Bundesregierung unterstützt nach den Worten von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) alles, was zur Aufdeckung, Aufklärung und Aufarbeitung von Gewalt und sexuellem Missbrauch gegenüber Kindern und Jugendlichen beitrage. „Wir sprechen hier über Verbrechen, die sich tief in die Seelen junger Menschen eingegraben haben“, sagte sie. Wie das Presseamt der Bundesregierung mitteilte, soll der Runde Tisch „klare Verhaltensregeln“ im Umgang mit Kindesmissbrauch erarbeiten.

In der Runde unter der gemeinsamen Leitung von Schavan und ihren Kabinettskolleginnen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz/FDP) und Kristina Schröder (Familie/CDU) werde beraten, wie Mädchen und Jungen Missbrauch erkennen und klar benennen könnten. Auch Fachkräfte, Eltern und Erzieher sollen sensibilisiert werden. „Aus- und Fortbildung spielen dabei eine wichtige Rolle“, hieß es in einer Mitteilung.

Die neue Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann war unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) von 1998 bis 2002 Familienministerin. Jetzt soll die 70-Jährige mit Missbrauchsopfern sprechen, zur Aufklärung beitragen und Empfehlungen für Hilfen an die Opfer erarbeiten.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, dankte Bergmann für die Bereitschaft, sich der neuen Aufgabe zu stellen. „Gleichzeitig bin ich fest davon überzeugt, dass Sie aufgrund Ihrer vielfältigen Erfahrung dieses schwierige und mitunter belastende Thema engagiert angehen werden“, schrieb ihr Zollitsch laut Mitteilung der Bischofskonferenz. Der Erzbischof habe auch zugesichert, dass die Kirche beim Runden Tisch dabei sein wird. Zuvor wird Zollitsch am 15. April mit der Bundesjustizministerin in Berlin zusammentreffen.

Die Deutsche Kinderhilfe begrüßte die Kabinettsentscheidungen, mahnte aber auch Gesetzesänderungen an: „Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist in Deutschland lediglich ein Vergehen, kein Verbrechen. Die Beseitigung dieser unverständlichen Schieflage wäre ein deutliches Signal der Ächtung dieser Straftaten“, hieß es in einer Mitteilung.

dpa

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