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Panorama Neue Heimat fern der Szene
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19:48 21.05.2012
Von Heinrich Thies
Abschied vom Glatzkopf: Es reicht nicht, dass Neonazis, die aus der Szene aussteigen, ihre Frisur und ihre Kleidung verändern. Sie müssen sich vor allem von ihrem rechten Gedankengut verabschieden.
Abschied vom Glatzkopf: Es reicht nicht, dass Neonazis, die aus der Szene aussteigen, ihre Frisur und ihre Kleidung verändern. Sie müssen sich vor allem von ihrem rechten Gedankengut verabschieden. Quelle: dpa
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Hannover

Er hat etwas von einem Musterknaben. In seinem weißen T-Shirt wirkt der sportliche junge Mann mit dem kurz geschnittenen Blondhaar und dem schüchternen Lächeln, als könne er gar nicht anders, als auf dem Pfad der Tugend wandeln. Doch Sven (Name geändert) ist wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft und hat schon ganz anders ausgesehen. Von oben bis unten tätowiert, kahl geschoren, gekleidet in der Kluft der rechten Szene: Thor-Steinar-Pulli, New-Balance-Turnschuhe (die eigentlich unverdächtige Marke mit dem großen „N“) und der Kapuzenjacke und Gürteltasche von „Max H8“, sprich: „Maximum Hate“.

In seinem früheren Leben gehörte Sven einer „Freien Kameradschaft“ an, war stolz, von seinen rechten Kumpels in Oldenburg als „Kämpfer“ geachtet zu werden. Bewährt in zahlreichen Schlägereien. Schon mit 13 kassierte er eine Anzeige, weil er einen Mitschüler krankenhausreif geprügelt hatte. Dabei war es aus seiner Sicht immer selbst das Opfer: von seiner alleinerziehenden Mutter vernachlässigt, von den Mitschülern wegen seiner Neigung zum Stottern gehänselt. Schon mit 14 musste er wegen Prügeleien die Schule wechseln. Seinen Hauptschulabschluss legte er erst auf der übernächsten Schule ab. Da war er schon siebzehn, und erste Totenschädel und Schwerter zierten seine Arme. Erinnerungen an den Knast. Denn nach etlichen Arresten hatte er bereits sechs Monate in einer Haftanstalt gesessen - wegen schwerer Körperverletzung.

„Das war im Vollrausch“, sagt er heute. Es klingt nicht nach einer billigen Ausrede. Überzeugend klingt es auch, wenn Sven von seinen „Kameraden“ spricht, die ihm „so etwas wie ein Zuhause“ gaben. Die andere Seite dieser braunen Nestwärme war der verbindende Hass auf „Kanaken“ und „rote Zecken“, auf Antifa und Ausländer. Bei einem Zusammenstoß mit kurdischen Jugendlichen rastete er dann wieder aus, so dass er erneut ins Gefängnis kam. Diesmal schon für zwölf Monate.

Richtig schlimm wurde es erst nach der Entlassung. „Ich bin einfach nicht mehr auf die Beine gekommen“, sagt er heute. Schließlich lud ihn mal wieder die Polizei vor. Diesmal nur als Zeugen bei einer Schlägerei. Da fragte ein Polizist nach seiner Zukunft - und drückte ihm ein Faltblatt in die Hand: „Aussteigerhilfe Rechts“. Drei Wochen später schon saß Sven in einem Oldenburger Café dem Sozialpädagogen Stefan S., gegenüber. Sven erzählte fast zwei Stunden von seinem Leben. „Mir war klar, dass es so nicht weitergehen konnte“, sagt er. „Ich wollte da raus.“ Das gab den Ausschlag. Sven wurde in das Aussteigerprogramm aufgenommen, Stefan S. sein Ansprechpartner. Es stand fest, dass er Oldenburg verlassen musste. Sven entschied sich für Hannover. „Da kannte mich noch keiner.“

Klar war, dass er sein Aussehen verändern musste. Vor allem die Tätowierungen mussten weg. Das Geld dafür kam aus der Projektkasse - ebenso wie Zuschuss und Kredit für die neuen Klamotten. Denn natürlich konnte Sven sich in seinem neuen Leben nicht mehr in seine alte Kluft hüllen. Er habe sofort Gefallen an der Unauffälligkeit gefunden, sagt er. Das veränderte Erscheinungsbild half ihm auch bei der Jobsuche. Er fand, unterstützt von der Aussteigerhilfe, eine Stelle als Lagerarbeiter und hofft, nun bald eine Ausbildung zum Speditionskaufmann beginnen zu können. Abends paukt er für seinen Realschulabschluss.

Ganz so glatt wie es klingt, war das alles nicht. „Nach dem Umzug bin ich erstmal in ein Loch gefallen“, sagt Sven. Zeitweise telefonierte er jeden Abend mit Stefan S., manchmal aber ertränkte er seine Einsamkeit auch mit einer Flasche Rum. Ein Rückfall in frühere Zeiten. Es kam vor, dass er über „Kanaken“ fluchte, die ihn bei der Arbeit nervten. Sein Betreuer nutzte dies, um tiefergehende Gespräche über die rechtsextremistische Ideologie einzuleiten. Ganz einfach war es für ihn auch nicht, sich von seinen alten CDs zu trennen, von „Stahlgewitter“ und „Nordfront“. Bisweilen aber lud er sich die vertrauten Hassgesänge aus dem Netz herunter. Thema für weitere Gespräche. Mittlerweile - zwei Jahre sind vergangen - hat Sven keinerlei Sehnsucht mehr nach „Stahlgewitter“ und früheren Kumpels. Geholfen hat ihm dabei nicht nur die Aussteigerhilfe, sondern auch seine Freundin Inga und sein Freund Youssef. Youssef hat er in einem hannoverschen Fußballverein kennen gelernt. Im Scherz nennt er den jungen Syrer auch mal „Kameltreiber“. Aber Youssef kann darüber lachen.

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