Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Panorama Riesenandrang bei Buchvorstellung von Margot Käßmann
Nachrichten Panorama Riesenandrang bei Buchvorstellung von Margot Käßmann
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:59 24.03.2011
Von Reinhard Urschel
Sehnsuchtsforscherin: Margot Käßmann hat „die eigene Beheimatung“ erkundet. Quelle: dpa
Anzeige

Margot Käßmann kommt nicht einfach. Sie hält Einzug. Aber es ist noch nicht Palmsonntag, und die Stadt heißt nicht Jerusalem, sondern Berlin. Dort lebt sie jetzt, dort hat sie ihren schöpferischen Mittelpunkt gefunden, dort stellt sie ihr neuestes Werk der Öffentlichkeit vor.

Eine große Menschenmenge ist gekommen, siebzig Minuten vor Beginn der Lesung stehen die Leute in Viererreihen quer durch den Mittelgang einer großen Buchhandlung in der Friedrichstraße. Dreißig, vierzig Meter lang ist die Schlange, und es ist absehbar, dass der Raum für Lesungen nicht annähernd so viele Menschen fassen wird, wie gekommen sind. Politiker, Literaten sind hier regelmäßig zu Gast. Dieser Andrang ist wirklich außergewöhnlich.

Anzeige

Das Faszinosum Käßmann ist ungebrochen, ja fast noch gewachsen nach ihrer Rückkehr von einer Gastprofessur in den USA. „Sehnsucht nach Leben“ ist das dritte Buch innerhalb kürzester Zeit, das die ohnehin schon umfangreichen programmatischen Schriften der evangelischen Theologin erweitert. Es ist das Werk, in dem sie nach eigener Auskunft wirklich und ernsthaft „die eigene Beheimatung“ erkundet hat, indem sie in der Ferne „den Resonanzboden gesucht und gefunden hat für eigene Überlegungen und Sehnsüchte“. Um das Tagebuch und um die Kinderbibel, die ebenfalls in ihre jüngste Schaffensperiode fallen, will sie kein Aufheben machen, denn Tagebuch habe sie doch ohnehin geführt in Amerika, und die Kinderbibel, die habe sie schon immer mal machen wollen.

Nein, wehrt Margot Käßmann bescheiden ab, dieses Übermaß an Produktivität sei für sie nichts Außergewöhnliches. Ihre Mutter habe immer gesagt: „Keine Zeit verschwenden.“ Auch habe sie jetzt, in der neuen Phase ihres Lebens, viel mehr Zeit zum Schreiben. Früher war sie eine zeitweise alleinerziehende, aber immer voll verplante Bischöfin, jetzt könne sie schon in den Morgenstunden schreiben, „da habe ich früher den Hund ausgeführt oder das Frühstück für die Töchter bereitet“.

Das Buch ist keine leichte Lektüre, man muss geübt sein darin, Erbauliches und Ermunterndes in starken Dosen zu verkraften. Vielleicht sollte man das Buch besser nicht am Stück lesen, in dem Sinne, dass man auch nicht alle 52 Ausgaben eines Jahres vom „Wort zum Sonntag“ am Stück sehen möchte.

Zwölf Sehnsüchten des Menschen spürt die Autorin nach, sie schreibt von der Sehnsucht nach Heimat, von der Sehnsucht nach Frieden, von der Sehnsucht nach Liebe und von der Sehnsucht nach Geborgenheit. Sie schreibt „von dem Wunsch, dass Gott uns einen Engel schickt; dass wir inmitten des Trubels Zeiten der Stille und Oasen des Lebens finden“.

Jedem Kapitel ist ein Bild des Mainzer Malers Eberhard Münch beigegeben, alle abstrakt bis auf das Bild zum Thema Frieden, das eine abstürzende rote Taube zeigt. Die Bilder entfalten, je nach „Sehnsucht“, eine große Dynamik oder eine kontemplative Stille. Mancher Leser wird beim Betrachten der Bilder schon von alleine auf gute Gedanken kommen. Niemand sollte sich aber vorstellen, sie so eindrucksvoll formulieren zu können wie Altbischöfin Käßmann. Trotzdem hat noch niemand ein treffendes Markenzeichen, einen passenden Vergleich mit einem wortmächtigen Vorbild in der Literaturgeschichte gefunden für die Autorin. „Gottes Laber­tasche“, wie es die linken Schreiber von der „taz“ versucht haben, ist respektlos und unanständig.

Die Bühne Hannover hat Käßmann mit diesem Buch endgültig hinter sich gelassen – und mit ihrem bevorstehenden Auftritt als Talkmasterin an der Seite von Giovanni di Lorenzo, dem Intellektuellen unter den Fernsehplauderern, erschließt sie sich neue mediale Möglichkeiten. Ihre Bühne ist jetzt Berlin und mehr denn je die Welt. Am Abend zuvor war das wieder zu beobachten, bei „Beckmann“. Da erklärte sie die Einrichtung einer Flugverbotszone in Libyen für legitim – die Luftangriffe gegen Bodentruppen und Bunker des Diktators Gaddafi indes für theologisch nicht verantwortbar. Die Enthaltung der Bundesregierung im UN-Sicherheitsrat hat sie im Berliner „Tagesspiegel“ dennoch kritisiert: „War hier nicht eher ausschlaggebend, dass die Öllieferungen stabil bleiben, was das für die Flüchtlingsströme bedeutet, die Angst vor offenen Grenzen? Ich bezweifle, dass die Motive eindeutig offengelegt wurden.“

Den gewaltigen Zuspruch zu ihren Lesungen, Predigten, Interviews kann sie sich nicht erklären, aber sie findet ihn „sehr anrührend“. „Die Menschen suchen nach Halt“, überlegt Käßmann. Aber sie ist auch vorsichtig, ja fast demütig, wie eines ihrer Lieblingswörter lautet. Es könnte sein, fürchtet der Superstar der literarischen Gebrauchstheologie, „dass die Menschen etwas auf mich projizieren, das ich nicht leisten kann“.
Ein weiteres Buch, sagt sie noch, komme in absehbarer Zeit nicht, „ich geb’ auch Ruhe“.

Margot Käßmann: „Sehnsucht nach Leben“. adeo-Verlag. 175 Seiten, 17,99 Euro.

Panorama Hollywood-Diva - Liz Taylor ist tot
23.03.2011