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Panorama Rösler in der Lernkurve
Nachrichten Panorama Rösler in der Lernkurve
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13:55 04.03.2012
„Wer sich selbst zum Weißwürstchen macht, darf sich nicht wundern, dass er als solches verspeist wird“: Philipp Rösler, vor der Ernüchterung. Quelle: dpa
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Berlin

Er lässt seinen Blick übers Publikum schweifen. Jeder Platz der dicht gedrängten Stuhlreihen im großen Saal eines Berliner Hotels ist besetzt, auch auf der Empore. Dann reißt der Mann am Rednerpult seine Augen weit auf, setzt ein verzücktes Lächeln auf und guckt wie ein Hund, der einen Wurstvorrat entdeckt.

Die kabarettistische Einlage ist Programm. Ja, Philipp Rösler ist gierig. Gierig auf Sympathien, gierig auf Stimmen. 2700 Mittelständlern steht er auf dem Jahresempfang des Bundesverbandes der mittelständischem Wirtschaft gegenüber - Menschen, so darf der Bundeswirtschaftsminister und FDP-Chef vermuten, von denen eine erkleckliche Anzahl vor zweieinhalb Jahren FDP gewählt hat. Viele von ihnen haben den Liberalen seither enttäuscht den Rücken gekehrt. Rösler will sie wiedergewinnen. Und zum ersten Mal, seit er im Mai 2011 FDP-Chef wurde, scheint er dabei Fortüne zu haben.

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Bei der Kür des Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck vor zwei Wochen hat der "nette Herr Rösler" der Meisterin politischer Machtspiele, der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel, den Schneid abgekauft. Groll und Racheschwüre, die aus der CDU hochschwappen, unterstreichen den Erfolg. Im ARD-Deutschlandtrend wuchs die Zahl der Deutschen, die mit Rösler zufrieden sind, um drei Prozentpunkte auf 21 Prozent. Da bleibt viel Spielraum nach oben. Doch für die FDP, die an der Drei-Prozent-Schwelle verharrt, ist der Zuwachs bei den Sympathiewerten für den Chef ein Hoffnungsschimmer.

Philipp Rösler verbeugt sich vor seinen Zuhörern. Er wolle "einfach mal Danke sagen". Danke für das Wirtschaftswachstum, die Rekordbeschäftigung, die niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Es folgt eine schnörkellose Rede, in der Rösler liberale Zuversicht gegen Wachstumspessimismus stellt und sich bei der Regulierung der Finanzmärkte an politisches Neuland herantastet. Ungedeckte Leerverkäufe und Hochfrequenzhandel sind ihm ein Graus.

Über die Gauck-Kür verliert er kein Wort. Jede noch so kleine Geste des Triumphes verkneift sich der Vizekanzler. Nicht einmal eine Anspielung auf die Auseinandersetzung mit seiner Chefin erlaubt er sich. Der junge Mann übt sich in Loyalität. Die Lernkurve zeigt wieder steil nach oben.

Eine Woche zuvor, beim politischen Aschermittwoch im niederbayerischen Dingolfing, hatte er noch die Muskeln spielen lassen. "Wer uns droht, macht uns nur noch größer", verkündete er und spielte damit auf den Ärger von Unionsoberen an, die sich durch sein Vorpreschen in Sachen Bundespräsident vorgeführt fühlten. Er zog klare Linien: "Für uns als Mittelstandspartei sind nicht die Banken, nicht die Großkonzerne, nicht die Versicherungskonzerne systemrelevant - für uns ist der Mittelstand der einzige systemrelevante Teil unserer Marktwirtschaft." Und er impfte seine Parteifreunde mit Selbstbewusstsein: "Wer sich selbst zum Weißwürstchen macht, darf sich nicht wundern, dass er als solches verspeist wird."

Zwischen den beiden Reden liegt die Einladung des FDP-Chefs in die Talkshow "Markus Lanz". Es war ausweislich des Beifalls im Saal eine vergnügliche Plauderei. Der Liberale erzählte von seiner Herkunft aus einem Waisenhaus in Vietnam, seiner Kindheit beim Adoptivvater, einem Bundeswehr-Offizier, und seinem Wechsel vom Arztberuf in die Politik. "Meine Patienten haben meinen Weggang nicht bedauert", sagte Rösler.

Auch außerhalb des Studios kam das an. Serkan Tören zum Beispiel, FDP-Bundestagsabgeordneter aus Stade, erzählt voll Stolz von zwei Leuten, die ausdrücklich unter Verweis auf Röslers Auftritt in der Talkshow bei der FDP mitmachen wollen.

Die Reaktion im politischen Berlin allerdings war katastrophal. Ein Halbsatz aus "Lanz" fand ein erregtes Echo - der vom Frosch und Frau Merkel.

Der Moderator Lanz hatte an Röslers erste Parteitagsrede im Mai 2011 erinnert. Der frisch gekürte Parteichef warnte vor dem Eindruck des angeblich "netten Herrn Rösler": "Wenn Sie einen Frosch in kaltes Wasser setzen und langsam die Temperatur erhöhen, wird er zuerst nichts merken und nichts machen. Und wenn er etwas merkt, dann ist es zu spät für den Frosch." Nun fragte Lanz in der Sendung: "Wann hat Frau Merkel gemerkt: Ich bin der Frosch?" Und Rösler, wie aus der Pistole geschossen, antwortete: "Schätzungsweise bei der Telefonschaltkonferenz des CDU-Präsidiums."

Da war er, der schnelle, spöttische, amüsante Rösler. Für den Moment war’s nicht mehr als ein putziger kleiner Austausch. Aber es ist ein Riesenkrach daraus geworden. Die Kanzlerin grollte öffentlich. Intern vermerkte sie, dass sich der FDP-Chef habe kalt erwischen lassen. Man müsse zum "professionellen Umgang" zurückkehren und den Fall "beiseitelegen". Beiseite aber heißt nicht zu den Akten, sondern auf Wiedervorlage.

Am Ende ärgerte sich der vorwitzige Rösler selbst. Als Könner hätte er beide Bühnen im Blick behalten müssen, das Echo im Land wie in der engen politischen Szene in Berlin vorausberechnen. Er hätte nach dem Gauck-Coup den Erfolg schweigend genießen müssen, bekannte er im engen Kreis. Gelobt worden wäre er so oder so. Rösler hatte früh das Motto ausgegeben, man möge "nun den Ball flach halten" - aber er selbst verhielt sich nicht danach. Auch FDP-Abgeordnete sind verärgert. "Das wäre nicht nötig gewesen"; "Das war ein Tacken zu viel", lauteten Kommentare auf dem Medientreff der Fraktion Anfang der Woche. Mag sein, dass der Politikbetrieb dem Parteichef selbst im Moment "einen Tacken zu viel" abverlangt.

Monatelang befand sich der 39-Jährige im politischen Sinkflug. Nichts wollte gelingen. Selbst das Drei-Königstreffen der FDP wurde Rösler durch die Koalitionskrise an der Saar verhagelt. Die drei Ämter Minister, Vizekanzler, Parteichef fordern ihn mehr, als ihm lieb ist. Gedrängt hatte er sich nicht nach dem Vorsitz. Er fiel ihm in der Krise der FDP zu. Der "Familienmensch Rösler" kommt bei allem zu kurz. Das Wochenende ist oft durch Parteitermine belegt. Wie wichtig ihm seine Frau Wiebke ist, bekannte Rösler ebenfalls bei "Lanz". Auf diese Frau höre er. Aber er sehe sie halt kaum.

Als FDP-Chef muss Rösler über den Wahlabend im September 2013 hinausdenken. Dann könnte sich die FDP in der Opposition wiederfinden, inner- oder außerhalb des Parlamentes. Trotz aller koalitionären Irritationen herrscht bei Rösler eine gewisse Gelassenheit vor. Beide Koalitionspartner seien bis zur Wahl aufeinander angewiesen, heißt es in der FDP-Führung. Da bleibe wenig Spielraum für Strafaktionen. Doch Rösler ist klar, dass er sich in einer Situationen voller Tücken und Fallen jetzt bewähren muss.

"Eine echte Krise" habe der FDP-Chef zuvor noch nicht durchgemacht, analysierte vor Monaten sein Biograph Michael Bröcker. Er sei immer nach oben gespült worden. Die Kanzlerin sieht ihren Vize ein bisschen anders. "Nettigkeit", sagte Merkel einmal, sei für einen Mann wie Rösler "die völlig falsche Kategorie". Er sei ein "homo politicus". Für ihn gelte der Satz: "Wer Rösler unterschätzt, der hat schon verloren."

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