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Panorama Sexualaufklärer Oswalt Kolle stirbt mit 81 Jahren
Nachrichten Panorama Sexualaufklärer Oswalt Kolle stirbt mit 81 Jahren
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17:57 01.10.2010
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„Sexpapst“ wollte Oswalt Kolle nie genannt werden. „Was habe ich denn mit einem Papst gemein?“, wetterte der große alte Aufklärer einmal im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Ich bin doch nicht lustfeindlich, ganz im Gegenteil.“ Kurz vor seinem 82. Geburtstag an diesem Samstag ist Deutschlands Vorkämpfer für mehr Spaß im Bett am 24. September in seiner Wahlheimat Amsterdam gestorben. Das bestätigte seine Familie der dpa am Freitag.

Kolle lebte zuletzt im ruhigen und vornehmen Beethovenviertel der niederländischen Metropole. Doch Ruhestand kam für den einstigen „Bürgerschreck“, der in den Sechzigern die Revolution in die Schlafzimmer trug, nicht infrage. Noch mit über 80 Jahren sah er für sich eine Mission: „Sex im Alter - und zwar als Auftrag, nicht als Frage“, wie er sagte. Dass bei dem Thema noch viel zu tun und allerlei Aufklärungsarbeit zu leisten war, konnte er schon an einer Kneipentheke in seiner Nachbarschaft ablesen: „Sex über 50 ist wie Billardspielen mit einem Tau“, steht da auf einer Spruchtafel. „Was für ein blanker Unsinn“, schimpfte Kolle, wenn er darauf angesprochen wurde. Um gegen derartige Vorurteile anzukämpfen, zog er rastlos weiter durch die Lande: „Ich sage den Alten: Keine Angst vor dem Sex! Seid zärtlich, streichelt euch, bis die Flammen in euch aufsteigen. Und wenn es nicht mehr so geht, wozu gibt es Viagra?“

Manchmal fragten ihn weißhaarige Damen, ob solche Mittel nicht „aus Opas Potenzteufel“ machten, erzählte er schmunzelnd. Da war er schon 80, konnte aber noch gut und gern für 60 durchgehen. „Ich erkläre ihnen, dass diese Erektionshilfen nur bei Stimulanz funktionieren.“ Und mit Schalk in den Augen fügte der stets humorvolle Aufklärungsentertainer hinzu: „Wenn Opi so eine Pille nimmt und dann sein Auto wäscht, passiert dabei nur dann etwas, wenn er in seinen Wagen auf eine Art verliebt ist, dass dies schon wieder in eine andere Abteilung der Sexualität gehört.“

Keine andere Persönlichkeit hat den Umgang der Menschen mit Sexualität in der noch jungen Bundesrepublik stärker geprägt und verändert als er. Kolle war der Sexpionier der Westdeutschen. Der aus Kiel stammende Journalist und Filmemacher wollte die körperliche Liebe von Zwängen, Verboten und Verunglimpfungen befreien. Dafür sagte er dem „Muff des christlichen Adenauerstaates“ den Kampf an. Am Anfang stand eine Zeitschriftenreihe über Kinder, Frauen und Männer als „unbekannte Wesen“. Es folgten Bücher und Filme mit Titeln wie „Das Wunder der Liebe“, „Sexuelle Partnerschaft“ oder „Liebe als Gesellschaftsspiel“.

Das Echo war geteilt. Millionen sahen Kolle als weltlichen Erlöser. Konservative Tugendwächter schimpften ihn „Perverser“. Die Filmzensur stufte mehrere seiner Nacktfilme als jugendgefährd

end ein. Doch spätestens Mitte der 90er Jahre sah er seine Mission - „ein Klima mitzuschaffen, in dem Anti-Sexualität nicht mehr gedeiht“ - als erfüllt an. Die Bundesrepublik sei ähnlich tolerant geworden wie seine Wahlheimat, die Niederlande.

Amsterdam erschien Kolle Anfang der Siebziger angesichts der Aufregung, die seine Veröffentlichungen in Deutschland stets auslösten, wie eine Insel der Ruhe. Zudem fand er die deutschen „Achtundsechziger“ in Sachen Sexualität eher langweilig: „Die glaubten, man kann hundert Jahre sexuelle Unterdrückung mit ein paar nackten Ärschen auf dem Tisch des Bürgermeisters beseitigen.“

In Holland hingegen erlebte Kolle „eine enorme Freiheit und Toleranz, Offenheit und Ehrlichkeit beim Thema Sexualität“. Die Amsterdamer begegneten dem „Sex-Guru“ aus dem Nachbarland, der Niederländisch fließend, aber stets mit Akzent sprach, mit Toleranz und Freundlichkeit. So wurde der deutsche Sexualpionier „ein treuer Untertan der niederländischen Königin“.

„Treu“ klang bei Kolle früher eher wie ein Witz, doch in seinen späteren Lebensjahren stimmte es auch im wahrsten Sinne des Wortes: Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau Marlies, mit der Kolle „Freiräume in der Ehe“ vereinbart hatte, verliebte er sich 2002 in die verwitwete Sprachtherapeutin Josee del Ferro. Die inzwischen 70- Jährige machte ihm seinerzeit klar, dass sie nichts von häufigem Partnerwechsel hält. Das hatte Kolle bei einem Gespräch zu seinem 80. Geburtstag freimütig berichtet. Deshalb, fügte er damals hinzu, werde er bis an sein Lebensende „absolut monogam bleiben, was ich wirklich wunderbar finde“.

dpa