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Panorama Streit um Tanzverbot an Karfreitag
Nachrichten Panorama Streit um Tanzverbot an Karfreitag
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07:30 20.04.2011
An Karfreitrag bleiben viele Clubs wegen Feiertagsgesetzen geschlossen.
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Tanzverbot? Wo gibt’s denn sowas? Antwort: in Deutschland! Doch diese regional unterschiedliche Gesetzeslage an gewissen „stillen Feiertagen“ wie Karfreitag, Allerheiligen oder Totensonntag ist vielen Leuten nicht bewusst und wirkt auf sie wie ein Überbleibsel aus einem Land ohne Spaß.

„Der Taliban lässt grüßen“, polterte der Frankfurter Gastronom Ralf Scheffler vom Kulturzentrum Batschkapp kürzlich in einer Mitteilung: „Tanzverbot, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Solche Maßregelungen erwartet man heutzutage zu Recht nur noch in den Herrschaftsbereichen der Steinzeit-Islamisten.“

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Was war geschehen? Die Stadt Frankfurt hatte Mahnschreiben an Disco-Besitzer verschickt, weil Bürger gepetzt hatten, dass dort Veranstaltungen geplant seien, die möglicherweise verboten gehörten. Nach einem Landesgesetz von 1952 darf in Hessen am Karfreitag sowie den Osterfeiertagen von jeweils 4.00 Uhr morgens bis 12.00 Uhr mittags nicht öffentlich getanzt werden.

Das finden jetzt auch die Grünen falsch, obwohl sie das Gesetz während ihrer Regierungszeit in Hessen unverändert ließen. Die Landtagsabgeordnete Sarah Sorge findet das Verbot „nicht zeitgemäß“. Die Jugendorganisation der hessischen Grünen rief für Freitag zu einem „Flashmob“ in Frankfurt auf, also zu einem über Handy und E-Mails organisierten Protestauflauf. Auch die Jungen Liberalen sagen: „Niemand wird in seiner Glaubensausübung gehindert, wenn Menschen andernorts feiern.“

Das sieht Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) anders: Hessen sei ein „christlich-abendländisch geprägtes“ Land. Daher sei es „richtig und wichtig, dass es an den höchsten christlichen Feiertagen des Jahres nicht „Ramba Zamba“ rund um die Uhr“ gebe.

Auch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen gab es eine Diskussion: Ein Verbot von Unterhaltungsveranstaltungen an kirchlichen Feiertagen passe nicht mehr in die Zeit, sagte Grünen-Landeschef Sven Lehmann der „Rheinischen Post“. Doch dem Motto „Wer gackert, muss auch ein Ei legen“, das zu Ostern passen würde, will er dann doch nicht folgen.

Der dpa erläuterte Lehmann, die rot-grüne Regierung plane keine Änderung des Feiertagsgesetzes im Land. Die Grünen wollten aber eine Debatte anstoßen. Christen dürften den Anderen nicht vorschreiben, wie sie den Tag verbringen. „Unsere Gesellschaft ist nicht nur christlich geprägt, sondern vielseitig - auch jüdisch, muslimisch und säkular.“ Grün-gelbe Koalition: Die NRW-FDP teilte mit, sie sei offen „für moderate Veränderungen am Feiertagsgesetz“.

Die Kirchen, seit Jahren auf einem Rückzugsgefecht, wollen selbstverständlich ihre Bastion nicht aufgeben: „Wer die Aufhebung der besonderen Feiertagsruhe am Karfreitag propagiert, fordert nichts Anderes als mehr Werktage“, sagte Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Auslöser der NRW-Debatte waren umstrittene Aufführungen an einigen Bühnen, die für Karfreitag geplant gewesen waren. Nach einem Hinweis der Bezirksregierung verlegte zum Beispiel das Essener Aalto-Theater die Premiere einer Puccini-Oper auf Gründonnerstag vor.

Auch wenn in jedem Bundesland die Lage anders ist und in Berlin zum Beispiel besonders liberal - Hasser der partywütigen Hauptstadt würden es wohl verwahrlost nennen - äußerte sich auch Maria Flachsbarth. Die Beauftragte der Unions-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften sagte, der Verzicht auf öffentliche Sportveranstaltungen, Tanz oder Theater sei an Karfreitag richtig. „Für solche Veranstaltungen gibt es in unserer Gesellschaft nun wirklich ausreichend Gelegenheit.“ Der Karfreitag sei ein Tag der Stille und der Besinnung, der allen Menschen zugutekomme.

Stephan Büttner, der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Discotheken- und Tanzbetriebe (BDT im DEHOGA Bundesverband) glaubt das nicht. Er sieht stark veränderte Bedürfnisse in der Gesellschaft. Viele Menschen fragten am Vorabend und in den frühen Morgenstunden eines Feiertages Gastronomie, Musik und Tanz nach. Verbote sind deshalb für ihn „antiquierte Relikte aus vergangenen Zeiten“.

dpa

Margit Kautenburger 19.04.2011
19.04.2011