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Panorama Tsunami war schneller als das Warnsignal
Nachrichten Panorama Tsunami war schneller als das Warnsignal
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08:13 29.10.2010
Die Überlebenden bemühen sich bereits um den Wiederaufbau.
Die Überlebenden bemühen sich bereits um den Wiederaufbau.
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Indonesien kommt nicht zur Ruhe. Am Donnerstag schleuderte der wiedererwachte Vulkan Merapi erneut eine glühend heiße Aschefontäne in die Luft. Ob es neue Opfer gab, ist noch unklar. Von den Mentawai-Inseln westlich von Sumatra berichteten unterdessen die ersten Helfer drei Tage nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami vom Ausmaß der Tragödie. Sie fanden Tausende verstörte Menschen, die in den zerstörten Dörfern nach Angehörigen suchten. Die US-Geologiebehörde korrigierte die Stärke des Bebens von 7,5 auf 7,7. Die Naturkatastrophen der letzten Tage forderten mindestens 370 Menschenleben, 340 Einwohner werden noch vermisst.

Die jüngsten Erlebnisse der Mentawai-Bewohner wecken Erinnerungen an den verheerenden Tsunami, der Weihnachten 2004 rund um den Indischen Ozean mehr als 230 000 Menschenleben forderte. „Wir haben nichts mehr“, jammerte der Dorfvorsteher von Montei Baru-Baru, Jersanius Sanaloisa. Er hatte sich, als am Montag die Killerwellen kamen, an einen Baum geklammert und überlebte mit seinem Kind. Seine Frau kam ums Leben.

Tausende Menschen brachten sich auf den wenigen Anhöhen hinter dem Strand in Sicherheit. Sie kampieren unter freiem Himmel und trauen sich nicht in die Dörfer zurück. „Die Hilfe ist unterwegs, aber es dauert alles“, sagt Bambang Suharjo, ein Mitarbeiter der Katastrophenschutzbehörde. Fähren brauchen von Sumatra aus zehn Stunden bis zu den Inseln. Einige Dörfer auf der Insel Pagai sind noch von der Außenwelt abgeschnitten. „Wir wissen nicht, wie es den 1945 Einwohnern dort geht“, sagte ein Mitarbeiter des Vizepräsidenten der Zeitung „Kompas“.

Zwei deutsche Bojen, die im Rahmen des Tsunamifrühwarnsystems vor Mentawai installiert worden waren, seien am Montag defekt gewesen, als das Unglück passierte, sagte Erdbebenexperte Danny Hilman Natawidjaja. Sie hätten aber ohnehin nichts genützt, die Flutwellen hätten die Küsten viel zu schnell erreicht. Sämtliche Komponenten des Frühwarnsystems hätten funktioniert, Meldungen über durch defekte oder gar mutwillig zerstörte Einheiten entbehrten jeglicher Grundlage, teilte dagegen das Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) mit, wo das System entwickelt wurde. Doch habe die Warnung die Bewohner der Mentawai-Inseln zu spät erreicht. „Das Epizentrum des Bebens lag nur 25 Kilometer westlich der Insel Pagai“, sagte ein Sprecher des GFZ am Donnerstag. Knapp fünf Minuten nach dem Beben habe das Lagezentrum in Jakarta die Tsunamiwarnung herausgeschickt, zu diesem Zeitpunkt hatte die Welle die Inselgruppe bereits erreicht. „Eine Warnung nach 4,45 Minuten liegt im Rahmen dessen, was wir technisch leisten können“, sagte der Sprecher.

Dass das Epizentrum so nah an der Inselgruppe lag, sei ein großes Unglück. Andererseits habe die Inselkette als eine Art Wellenbrecher gewirkt, sodass die Küste von Sumatra mit der Millionenstadt Padang von Zerstörungen verschont geblieben sei. Hier hätten die Pegel lediglich einen Anstieg des Meeresspiegels um 30 Zentimeter registriert, sagte Nils Goseberg vom Franzius-Institut der Leibniz Universität Hannover, das ebenfalls an der Entwicklung des deutsch-indonesischen Frühwarnsystems beteiligt war.

Rüdiger Meise und Christian Oelrich