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Panorama Eine Design-Ikone wird 100
Nachrichten Panorama Eine Design-Ikone wird 100
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00:19 20.11.2015
Von Heike Manssen
Foto: Getränkeflaschen der Marke Coca-Cola
Anfangs war die Colaflasche zu bauchig. In der Produktion machte das allerdings Schwierig
keiten. Quelle: Tobias Hase/dpa
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Hannover.

So alt sieht sie gar nicht aus. Doch sie feiert tatsächlich ihren 100-jährigen Geburtstag und hat sich in dieser Zeit kaum verändert: Die Rede ist von der Coca-Cola-Flasche. Diesem schmal taillierten, längs gerippten Glasbehälter, in dem die berühmte braune Brause abgefüllt wird.

Die bekannteste Verpackung der Welt

Die Designikone ist die bekannteste Verpackung der Welt, eine, die zeigt, dass Schönheit nicht vergänglich sein muss. Dabei ist anfangs von einer Verpackung gar keine Rede. Als Cola-Erfinder John Stith Pemberton 1886 in Atlanta seinen Sirup aus Kokablättern und Kolanüssen erstmals herstellt, denkt er gar nicht daran, sie überhaupt in Flaschen abzufüllen. Vom Fass soll sie verkauft werden, mehr Bedarf gebe es wohl nicht. Doch die Cola sprudelt unaufhörlich, immer weiter, immer mehr.

Joseph Biedenharn, Sohn deutscher Einwanderer, beginnt 1894 die Limonade in Flaschen abzufüllen – ohne Wissen der Mutterfirma. Der Erfolg ist so groß, dass Coca-Cola selbst das Geschäft übernimmt. Und wie immer, wenn jemand eine gute Idee hat, gibt es Nachahmer. Die nennen ihre Brause fortan Coca-Ola, Sola-Cola, Noka-Cola oder Cold-Cola und füllen sie ebenfalls in die damals standardisierten glatten Flaschen, die auch für Bier oder Medizin genutzt werden, ab.

Etwas Unverwechselbares muss her

Original von Fälschung zu erkennen – das ist fortan schwierig. Auch für die von Cola angeheuerten Detektive, die in den Soda-Bars der Stadt kontrollieren, ob Brause unter falschem Namen ausgeschenkt wird. Etwas Unverwechselbares muss her. Und so schreibt das Unternehmen einen nationalen Wettbewerb aus, an dem rund zehn Glasfabriken teilnehmen. Sie sollen eine Flasche entwickeln, die man sofort erkennt, "selbst wenn man sie im Dunkeln ertastet oder nur kaputt in Scherben sieht". Die Root Glass Company aus Indiana macht schließlich das Rennen.

Norman L. Dean will diese Version allerdings so nicht stehen lassen. In seinem 2010 erschienenen Buch "The Man behind the Bottle" schreibt er, dass sein Vater Earl R. Dean die Flasche 1915 entworfen hat und eben nicht der als Erfinder in die Geschichte eingegangene damalige Betriebsleiter der Root Glass Company Alexander Samuelson.

Nette, aber nicht belegte Geschichte

Dieser habe die sogenannte Konturflasche lediglich beim US-Patentamt in seinem Namen angemeldet, am 16. November wurde sie dann patentiert. "Deans Rolle wird inzwischen auch von Coca-Cola anerkannt", sagt Phil Mooney, bis 2013 Archivar und Historiker von Coca-Cola in Atlanta, "selbst wenn nicht das gesamte Design von ihm stammen sollte, ist es größtenteils sein Werk."

Und es gibt noch eine andere Geschichte, die sich nett erzählen, aber eben nicht 100-prozentig belegen lässt: So haben sich dem Coca-Cola-Unternehmen zufolge die Designer die Form der Hauptinhaltsstoffe, der Kolanuss und des Kokablattes, als Vorbild für ihren Entwurf genommen – aber die Männer (welche genau auch immer) haben keine Ahnung, wie Nuss und Blatt aussehen. Selbst in der Bibliothek finden sie kein Bild davon – dafür das einer Kakaopflanze. Die hat zwar nichts mit Cola zu tun, sieht aber toll aus.

Der Prototyp ist zu dick

Die Rillen in der Flasche sollen denen einer Kakaopflanze nachempfunden sein. Künstlerisches Vorbild für den schwungvollen Flaschenkörper soll eine gläserne Tiffany-Vase gewesen sein, deren Rundungen und fließende Linien damals populär waren. In die Produktion gelangt der Prototyp jedoch nie, da ihr Durchmesser größer ist als der Boden und damit nicht für die Laufbänder in den Abfüllanlagen geeignet ist. Also muss der Bau weg – die Flasche wird schlanker.

An ihrem Umriss, so wie er vor 100 Jahren entstanden ist, hat sich bis heute nicht viel geändert. 1956 kam der Markenname im weißen Siebdruck auf die Flasche, später das rot-weiße Logo. Dann wurde sie noch etwas schmaler, damit sie besser in die gängigen Flaschenkisten passt. Mittlerweile werden jedes Jahr Milliarden Cola-Flaschen abgefüllt – es gibt sie in jedem Land der Erde, nur in Nordkorea sucht man sie – zumindest offiziell – vergebens.

Eine Flasche als Kunstobjekt

Die unverwechselbare Flaschenform samt Logo wurde früh zum Kunstobjekt. Schon im Hollywood der Dreißigerjahre tritt die Coca-Cola-Flasche neben Stars wie Cary Grant auf. Dalí malt sie zum ersten Mal 1943 und Künstler wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein sichern ihr einen festen Platz in der Pop-Art-Kultur. Auch Plakatkünstler Klaus Staeck oder der Aktionskünstler Joseph Beuys haben sich die Flasche künstlerisch zur Brust genommen.

Mittlerweile wird zwar längst mehr Coca-Cola aus Aluminium und Plastik getrunken, doch der wahre Kenner steht weiterhin auf Glas.

Interview

"Gutes Design ist der bestmögliche Kompromiss"

Wie gefällt Ihnen die Coca-Cola-Flasche?
Sie hat auch heute noch ein hervorragendes Design – mit dieser Taillierung, die für jede Handgröße passt. Die vertikale Struktur sorgt dafür, dass die Flasche beim Anfassen nicht durchdreht. Mit ihrer fließenden, wellenförmigen Kontur und dem rot-weißen Schriftzug symbolisiert sie ein starkes Markenbild und hebt sich von anderen ab. Die Flasche ist ein toller Wurf gewesen.

Und das vor 100 Jahren.
Genau, man hat damals sicher gar nicht so genau gewusst, dass eine Identität der Marke so wichtig ist. Das kam viel später mit der Entwicklung der Aktienmärkte in den Neunzigerjahren, als Unternehmen verstärkt auf Corporate Identity gesetzt haben.

Die Flasche ist ein Designklassiker. Was macht einen solchen Klassiker aus?
Zunächst einmal trifft der Klassiker den Nerv der Zeit. Und dann wird er zu einem lieb gewonnenen Begleiter. Während sich um einen herum alles ändert, bleibt der Klassiker und hält damit – wie bei Coca-Cola – ein bestimmtes Leistungsversprechen.

Es gibt zahlreiche Designklassiker – wer wird der nächste, vielleicht die Nespresso Kapsel?
Zumindest ist die Kapsel zeitgemäß, da sich bedauerlicherweise kaum jemand Zeit nimmt, um sich in Ruhe einen Kaffee aufzubrühen. Der hohe Preis und die ökologische Seite dürften die Chance, ein Klassiker zu werden, minimieren. Die Identität einer Marke lässt sich beeinflussen, das Image aber entsteht in der Öffentlichkeit. Marken wie VW sollten deshalb aus ihrer Identität heraus versuchen, das Image zu beeinflussen. Dann kann eine Marke aus einer Krise auch gestärkt herausgehen.

Haben Sie noch ein Beispiel für einen Klassiker jüngeren Datums?
Das iPhone ist erst acht Jahre alt und schon jetzt ein Klassiker. Und damit meine ich nicht nur das Produkt an sich, sondern das Gesamtsystem, das eine zentrale Bedeutung im Leben der Käufer bekommt. Apple ist gestalterisch zurückhaltend, symbolisiert Verständlichkeit und damit Nutzerfreundlichkeit.

Wie lässt sich gutes Design beschreiben?
Es ist ein bestmöglicher Kompromiss zwischen zehn verschiedenen Kriterien. Design ist eine Synthese aus Funktion und Form, wobei der Verbraucher im Vordergrund steht. Das Produkt sollte intuitiv einfach zu bedienen sein. Eine Vorgabe, die südlich der Alpen eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Wieso?
Dort ist die Emotionalität, die Poesie eines Produktes wichtiger – wie beispielsweise Dinge der italienischen Firma Alessi zeigen. Und während ein VW die Ausgeburt von Neutralität ist, kommt ein Fiat emotionaler daher. Die Autos haben oft etwas Schräges.

Interview: Heike Manssen

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