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Panorama Waffennarr richtet Blutbad in Lütticher Altstadt an
Nachrichten Panorama Waffennarr richtet Blutbad in Lütticher Altstadt an
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22:34 13.12.2011
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Lüttich

Um 16.45 Uhr gehen die Lichter an dem großen Weihnachtsbaum mitten auf der Place Saint-Lambert in Lüttich an. Doch statt der Dekoration auf dem umliegenden Weihnachtsmarkt blinken Blaulichter von etlichen Rettungs- und Polizeiwagen. Genau zehn Meter von dem Baum entfernt hat sich nur wenige Stunden zuvor ein Amokläufer selbst getötet.

Der vorbestrafte Waffennarr und Sexualstraftäter reißt drei Menschen mit in den Tod – ein 15-jähriges Mädchen, einen 17-Jährigen und eine 75 Jahre alte Rentnerin. Der 33-Jährige hatte am späten Vormittag mit dem Wagen seine Wohnung in Lüttich verlassen und einen Revolver, eine Kalaschnikow und Granaten in einem Rucksack dabeigehabt. An einer Bushaltestelle auf der Place Saint-Lambert – wenige Meter von einem gut besuchten Weihnachtsmarkt entfernt – eröffnete er dann gegen 12.30 Uhr das Feuer. Er schoss wahllos in die Menge.

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Konstantin Fischenich aus dem westfälischen Olpe schaut wenige Stunden nach dem Blutbad vom Justizpalast hinunter auf den Ort des Schreckens. Er zittert etwas und erinnert sich an das schreckliche Erlebnis in der Mittagszeit. Fischenich trägt eine Jacke und hat trotz kühler Temperaturen nur ein T-Shirt darunter. Als der Amoklauf begann, war er nur wenige Meter entfernt aus seinem Auto gestiegen. Die Wucht des Anschlags traf den jungen Mann ohne jede Vorwarnung. Sein Reisegepäck liegt unangetastet in seinem Wagen.

Der Student wollte wie im vergangenen Jahr mit zwei Freunden Bekannte in Lüttich besuchen. Er deutet hinunter auf den Baum. „Wir standen direkt dort, dann gab es einen Knall – und alle rannten auf mich zu“, erinnert sich der 20-Jährige. „Alle schrien, wir rannten einfach los.“ Bis zum Bahnhof ist er gestürmt, seine Freunde hat er unterwegs verloren. „Ich habe immer wieder versucht, in Geschäften Schutz zu suchen, die hatten aber alle die Rollos heruntergelassen.“ Was der Medienstudent nicht wusste: Die Polizei hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Häuser nicht zu verlassen. Manche Menschen waren gar über Stunden in Kneipen und Geschäften eingesperrt.

Auch am frühen Abend ist die Verwirrung und Aufregung in Lüttich groß. Die Polizeikräfte machen einen nervösen Eindruck. Ist da möglicherweise noch eine weitere Granate? Stundenlang kursierten Gerüchte über die Flucht eines möglichen Komplizen. Die Innenstadt wurde abgeriegelt. „Es ist alles so chaotisch“, sagt Fischenich. „Keiner kann einem helfen, jeder Polizist sagt etwas anderes.“ Am frühen Abend ist Fischenich noch immer auf der Suche nach seinen Begleitern. Ein Hubschrauber zieht seine Runden über Lüttich. Hin und wieder tönen Sirenen. Wann Fischenich die aufgewühlte Stadt endlich verlassen kann, ist offen. Sein Wagen steht in der Tiefgarage unterm Tatort – mitten im Sperrgebiet.

Der Anschlag hat die Menschen erschüttert. Auf eine kurze Frage sprudelt es aus einem Mann heraus: „Es hat eine Explosion gegeben. Menschen haben geschrien.“ Einen Moment lang entgleiten ihm die Gesichtszüge. Er holt Luft. „Es ist schrecklich.“ Wie ein Fünkchen Weihnachten wirkt die Geschichte von Sabine. Sie war mit ihrer Schwester einkaufen, hat sie im Gewühl verloren – wiedergefunden, unverletzt. Die Polizei schaffte sie in ein Café. Sie mussten warten, zwei lange Stunden. Dann durften sie gehen. 

Über das Motiv des 33-Jährigen gibt es bisher keine genauen Angaben. Er hatte einen Termin für eine Befragung durch die Justizbehörden, sagte Staatsanwältin Danielle Reynders. Der Mann war laut Staatsanwaltschaft wegen Sexualdelikten vorbestraft und hatte zuletzt 2008 eine Haftstrafe von 58 Monaten für illegalen Waffenbesitz und den Anbau von Cannabis erhalten. Damals waren bei ihm 9500 Waffenteile sowie Dutzende einsatzbereite Schusswaffen gefunden worden.

Elke Silberer und Michael Stürzenhofecker