Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Panorama Was trieb Mircos Mörder? Die Tat wirft wieder Rätsel auf
Nachrichten Panorama Was trieb Mircos Mörder? Die Tat wirft wieder Rätsel auf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:09 07.02.2011
Was trieb den geständigen Kindermörder wirklich?
Was trieb den geständigen Kindermörder wirklich? Quelle: dpa
Anzeige

Das Geständnis war beängstigend: Als Ventil für Stress im Beruf musste Mirco sterben, behauptete sein Mörder, bis dahin ein völlig unauffälliger, treu sorgender Familienvater. Damit hätten Millionen Menschen in Deutschland ein Mordmotiv. Doch nun kam heraus: Den „Anpfiff“ vom Chef, der laut Olaf H. (45) Auslöser der Tat war, hat es gar nicht gegeben. Der angeblich so despotische Vorgesetzte weilte friedlich im Urlaub.

Damit hat Olaf H. Zweifel an seinem Motiv genährt: Was trieb den geständigen Kindermörder wirklich? Warum musste Mirco sterben? Die Obduktion von Mircos Leiche hat nicht aufklären können, was dem Jungen widerfuhr. Nach fünf Monaten im Wald war die Todesursache nicht mehr zu klären.

Nun hat Olaf H. angedeutet, als Kind selbst sexuell missbraucht worden zu sein. „Das kann wahr sein oder eine Schutzbehauptung. Er könnte ja konkreter werden“, sagt der Kriminalist und Autor Stephan Harbort der dpa. „Solche Täter suchen selbst nach Erklärungen für ihr Verhalten. Bei Serienmördern hat sich herausgestellt, dass die eigene Opferrolle als Kind mitunter gelogen war.“ Viele dieser Täter seien „Meister der Verstellung“.

Deswegen müsse das Geständnis aber nicht insgesamt falsch sein: „Ich kenne kein Geständnis, bei dem sofort immer alles gestimmt hat“, sagt Harbort, der mehrere Bücher über Serienmörder publiziert hat.

Der Verteidiger von Olaf H., Gerd Meister, sagte, sein Mandant habe den Missbrauch nur angedeutet und sich noch nicht näher dazu eingelassen. Grundsätzlich sei Olaf H. aber bereit, sich dazu gegenüber einem Psychologen zu äußern. Ein Abgleich mit der bundesweiten DNA-Datenbank hat den aufkeimenden Verdacht, Olaf H. könnte ein Serienmörder sein, nicht erhärtet. Zu keinem weiteren Fall passt sein genetischer Fingerabdruck.

Auch wenn Olaf H. vor der Tat nicht von seinem Chef „zusammengefaltet“ wurde, könnten Probleme im Beruf oder in der Ehe dennoch der Auslöser des Mordes an Mirco gewesen sein, sagt Harbort. „Menschen, die Probleme beim Umgang mit Konflikten haben, reagieren ihre Minderwertigkeitsgefühle manchmal an einem Zufallsopfer ab.“ Dieser Tätertyp sei sogar häufiger als der pädophile oder sadistische Täter.

Demzufolge wäre Mirco Opfer geworden, weil er praktisch wehrlos und leicht kontrollierbar war und damit besonders geeignet für die Macht- und Tötungsfantasien seines Peinigers. Dass es dabei offenbar auch zu sexuellen Handlungen kam, ist für die Experten kein Widerspruch. „Es handelt sich dann um sexualisierte Gewalt und nicht um pervertierte Sexualität. Dem Täter geht es also nicht um sexuelle Befriedigung, sondern in erster Linie um Machtausübung.“

Dass Olaf H. als Bereichsleiter beruflich selbst in einer Machtposition war, muss ebenfalls kein Widerspruch sein. “Über jedem Chef steht noch ein Chef. So eine Sandwich-Position kann sehr unangenehm und konfliktträchtig sein, wenn man damit nicht umgehen kann“, sagte Harbort. So könnte sich Olaf H. in seiner Position subjektiv durchaus ohnmächtig gefühlt haben.

Dass H. zweimal geschieden worden sei, sei ein Indiz dafür, „dass er bestimmte Konfliktsituationen nicht so lösen konnte wie vielleicht andere“. Taten wie der Mord an Mirco hätten meist eine jahrelange Vorgeschichte von bis zu 15 Jahren. Meist habe der Täter in dieser Zeit „einen Hinweis gesetzt“ auf das, was in ihm brodelt. Oft sei dies für das Umfeld aber nicht erkennbar.

Und dass Olaf H. zu dem, was er konkret mit Mirco gemacht hat, schweigt, sei dabei typisch. „Viele Täter bekommen es nicht hin, sich zu ihren eigenen Perversionen zu bekennen. Diese Stigmatisierung will man sich und seinen Angehörigen nicht zumuten.“ Als Ersttäter sei H. mit 45 Jahren allerdings recht alt. „Mehrheitlich sind solche Täter bei der ersten Tat 16 bis 35 Jahre alt.“

Ein psychiatrischer Gutachter könnte dennoch aufklären, aus welchem Grund Mirco sterben musste. „Kennt man die Persönlichkeitsstruktur des Täters, kann man das relativ sicher nachvollziehen.“ Aber selbst wenn dies am Ende offen bliebe: Dem Beschuldigten droht lebenslange Haft.

dpa

Mehr zum Thema

Zunächst hatte Olaf H. „Berufsstress“ als Tatmotiv für den Mord an Mirco aus Grefrath angegeben. Nun deutet der mutmaßliche Mörder an, als Kind selbst missbraucht worden zu sein. Die Polizei bewertet diese Aussage jedoch als „äußerst fraglich“.

07.02.2011

In einem Trauergottesdienst gedenken Nachbarn, Freunde und Mitschüler dem ermordeten Mirco aus Grefrath. In den Fürbitten sollte auch der Familie des mutmaßlichen Mörders gedacht werden.

03.02.2011

Eigentlich wollte sie den mutmaßlichen Mörder des zehnjährigen Mirco aus Grefrath vor Gericht vertreten - nun hat die Verteidigerin des Familienvaters ihr Mandat niedergelegt. Andere Anwälte haben allerdings die Übernahme des Falls bereits angeboten.

01.02.2011