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Panorama Weihe statt Wirtschaftskarriere
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20:55 19.03.2010
Von Thorsten Fuchs
Bereit zu einem Leben für die Kirche: Die jungen katholischen Diakone Stefan Mispagel und Martin Tigges (von links) erhalten bald die Priesterweihe. Quelle: Blüher
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Es gab nicht viele Fragen im Leben von Stefan Mispagel, es gab nur klare Ziele. Karriere, Geld verdienen, Familie gründen. Das Größte: Als Unternehmensberater arbeiten. Er war 25, studierte an der Privatuni Witten/Herdecke, alles schien klar.

Heute ist Stefan Mispagel 33, statt in einem Büro mit Designermöbeln sitzt er an einem hölzernen runden Tisch in der Bibliothek des Priesterseminars in Hildesheim. Anstelle eines üppigen Managergehalts erhält er zurzeit knapp 600 Euro im Monat plus Kost und Logis. Und wenn er über Verliebtsein spricht, dann geht es nicht um Frauen, sondern um Gott.

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Was ist da geschehen? Mispagel, blond, leicht gegelte Haare, mit einem Hang zu kritischer Analyse und übertriebener Schwärmerei eher unverdächtig, ist einer von zwei jungen Männern, die sich in diesem Jahr im Bistum Hildesheim zu Priestern weihen lassen. Am Sonnabend vor Pfingsten soll es so weit sein. Die Frage nach der Motivation jedoch hat auf einmal eine andere Bedeutung, seit fast täglich neue Enthüllungen über Missbrauchsfälle die katholische Kirche erschüttern. Als Konsequenz fordern Kritiker wie Kirchenvertreter eine Reform der Priesterausbildung. Die Laienorganisation „Wir sind Kirche“ will, dass sich angehende Priester weit stärker und freier als bisher mit ihrer Sexualität auseinandersetzen.

Selbst Bischöfe wie der Hamburger Werner Thissen und der Trierer Stephan Ackermann dringen auf Veränderungen. Der Vertrauensverlust, den die katholische Kirche gerade erleidet, zehrt auch an dem Vertrauen in ihren Nachwuchs. Und dessen Motivation: Sie ist auf einmal keine Privatsache mehr.

Neben Mispagel sitzt Martin Tigges, der zweite Neupriester des Bistums in diesem Jahr, äußerlich das Gegenstück zu ihm. Die braunen Haare zur Seite gescheitelt, der Tonfall gefärbt vom melodischen Dialekt seiner Heimat Westfalen, das Gesicht geprägt von einer Vorliebe fürs Lächeln. Bei allem Trennenden jedoch überwiegt das Gemeinsame, trotz des ungewöhnlichen Wegs.

Da ist zum Beispiel das Wirtschaftsstudium, das beide zunächst absolvierten. Mispagel, aufgewachsen in Giesen bei Hildesheim, war als Junge Messdiener und Oberministrant, „die ganze klassische Laufbahn“, wie er sagt. Aber Theologie zu studieren kam ihm zunächst nicht in den Sinn, so unschlüssig er auch war nach dem Abitur. Gut in Mathe, also Banklehre, so vollzog sich seine Entscheidung, und das Wirtschaftsstudium stand genau in dieser Reihe.

Martin Tigges, dem Zweiten, ging es kaum anders: Als Junge im Kolpingwerk und im Chor, nach dem Abitur zumindest der Gedanke an ein Theologiestudium, den er verwarf, als nicht mal der Frommste des ganzen Jahrgangs sich dafür entschied, „wenn der es nicht macht, dann mach’ ich’s auch nicht“. Das Wirtschaftsstudium brach er ab, als er das Angebot eines Nahrungsmittelkonzerns bekam. Tigges fuhr zu Supermärkten durch die ganze Republik, um den Marktleitern zu sagen, wann sie wo welche Waren aufstellen und zu welchem Preis sie sie verkaufen sollten. Er verdiente gut, sehr gut. „Ich hatte ausgesorgt“, sagt er, das genoss er.

Nein, engherzige religiöse Streber sind sie nicht gewesen, das ist ihnen wichtig. Vielleicht auch, weil es ihren Wandel umso nachvollziehbarer erscheinen lässt.

Bei Mispagel war am Anfang die Begegnung mit einer begeisterten Religionspädagogikstudentin, auf einer Rucksacktour durch Neuseeland. Dann die Entscheidung, das halbjährige Praktikum während des Studiums nicht bei Investmentbankern, sondern bei einem Missionsprojekt zu machen, das in Indien neue Schulen baute. Mispagel erlebte einen Priester, dessen Entschlossenheit, vermeintliche Zwänge zu ignorieren, ihn beeindruckte. „Als ich einmal mit meinem vollen Aufgabenzettel kam, betete er trotz aller Hektik zuerst das Vaterunser und sagte: ,Ohne ihn machen wir hier gar nichts‘“, erzählt er. „Dieser Mann strahlte eine tiefe Zufriedenheit aus.“ Mispagel dachte zunächst noch, er werde mit dem Theologiestudium dennoch Unternehmensberater. Es war ein langsamer Abschied von seinen alten Zielen.

Tigges war 29, als er sein Managerdasein aufgab. „Ich kam in eine wirkliche Krise“, sagt er. „Das war einfach nicht das Leben, das ich führen wollte.“ Um das für ihn Richtige zu finden, absolvierte er Praktika bei sozialen Institutionen, zog sich zwei Wochen in ein Holzhaus in Finnland zurück. Anschließend stand für ihn fest, dass ihn wohl vor allem Mutlosigkeit früher von seinem Weg abgehalten hatte. „Ich will Priester werden“, antwortete er Mitreisenden auf der Fähre zurück.

Beide wissen, worauf sie verzichten. Martin Tigges hatte Freundinnen, auch kurz vor seiner Entscheidung, „ich wollte immer fünf Kinder“. Auch Mispagel erzählt von Beziehungen, vom Verliebtsein während des Studiums. Wenn es einen Generalverdacht gibt, Priesterkandidaten könnten recht lebensferne Gesellen sein, dann entsprechen die beiden diesem Klischee jedenfalls ganz und gar nicht. „Schräge Typen“ hat sie eine Kirchenzeitung einmal – durchaus lobend – genannt. „Glücksfälle“ für die Kirche nennt sie der Leiter des Priesterseminars, Christian Hennecke.

In der katholischen Kirche ist die Einsicht mittlerweile weit verbreitet, dass man bei der Auswahl der Kandidaten genauer hinsehen muss. „Wir müssen die Persönlichkeiten der jungen Männer noch genauer in den Blick nehmen“, erklärt Hennecke. Beziehungsfähigkeit, sittliche Reife, sexuelle Reife, alles das seien Kriterien, auf die die Seminare noch stärker achten müssten.

Nur gerät die katholische Kirche damit in ein Dilemma, denn schon jetzt gibt es in Deutschland viel zu wenige junge Priester. Im vergangenen Jahr ließen sich bundesweit nur noch 93 junge Männer zu Priestern weihen, ein Negativrekord. 1962, zu besten Zeiten, waren es 557. Kann es sich die katholische Kirche überhaupt leisten, Kandidaten abzuweisen? Bei ihm werde stets allein die Frage der Eignung entscheidend sein, versichert Hennecke. Der Priestermangel spiele dabei keine Rolle. „Schon jetzt weise ich mehr Bewerber ab, als ich akzeptiere.“ Der wichtigste Grund: Zweifel an der charakterlichen Eignung, die er in notfalls auch mehreren einstündigen Gesprächen feststelle.

Aber wie findet man heraus, ob sich hinter der eloquenten und intelligenten Fassade eines Kandidaten nicht eine fatale sexuelle Neigung verbirgt? Wie testet man, ob sich die Entscheidung für das frauenlose Leben als Priester nicht auch aus einer Vorliebe für hübsche Knaben speist? Bereits jetzt spielten Fragen nach der Sexualität eine weit größere Rolle in der Ausbildung als noch vor 20 Jahren, versichert Hennecke. Tigges und Mispagel absolvieren ihre theologische Ausbildung an der Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt. Es gibt dort einen verpflichtenden Teil aus Vorträgen über sexuelle Fragen und Neigungen, es werde dort in aller Offenheit geredet. Die anschließenden Gesprächskreise mit dem Ausbildungsleiter seien freiwillig. Man braucht also nicht hinzugehen? Alle Seminaristen nähmen teil, betonen Tigges und Mispagel, aus dem eigenem Bedürfnis heraus ebenso wie aus einer Art sozialem Druck. „Man kann sich nicht verstecken“, sagt Tigges.

Sein Kommilitone ist da kritischer. Mispagel plädiert für psychologische Tests, eingehende Untersuchungen von Experten, um Pädophilie möglichst auszuschließen. Mit dem Hildesheimer Regens, Christian Hennecke, ist er sich da einig. Und es gehört zu den manchmal überraschenden Frontverläufen dieser Tage, dass sie damit über die Vorschläge der kritischen Initiative „Wir sind Kirche“ noch hinausgehen. Deren Sprecher Christian Weisner ist gegenüber den psychologischen Tests skeptisch, da ihre Aussagekraft umstritten sei.
Ähnlich ist es mit dem Zölibat. Könnte dessen Abschaffung ein Weg sein? Der Theologe Hans Küng sieht einen Zusammenhang zwischen der rigiden Sexualmoral der katholischen Kirche und der erzwungenen Ehelosigkeit auf der einen und den Missbrauchsfällen auf der anderen Seite. „Ich kann mir vorstellen, dass es verheiratete Priester gibt“, sagt der angehende Priester Martin Tigges in Hildesheim vorsichtig. Ein Mittel gegen den Missbrauch sieht er in der Abschaffung des Zölibats jedoch nicht, eher einen Weg zu behutsamer Liberalisierung, wie sie auch Mispagel befürwortet. Es ist bei ihm eine gewisse Zerrissenheit herauszuhören. Auf der einen Seite der Ärger über die Leitung der Kirche, das Unverständnis, die Enttäuschung über das lange Verschweigen der Missbrauchsfälle.

Aber auf der anderen Seite stellt er seinen Entschluss für die Institution nicht infrage, so wenig wie den Zölibat für sich selbst. „Ich habe mich freiwillig dazu entschieden“, sagt Tigges, und so, wie er darüber redet, klingt es nicht nach Verzicht, eher nach Vorfreude. Es gebe etwas, das größer sei als die körperliche Liebe. „Und ich wünsche mir, dass es immer Menschen gibt, die den Zölibat ablegen für Gott.“

Es ist nun still in der Bibliothek des Priesterseminars, an diesem Tisch, an dem ein Dutzend Menschen Platz fänden, aber nur sie beide sitzen. Die Sphäre der Berufungen ist mit den Mitteln der Sprache nur schwer zu fassen. Wahrscheinlich ist dies der Bereich, der Außenstehenden, Nicht-Berufenen, immer rätselhaft bleibt.

Und Zweifel? Haben sie keine Zweifel, dass sie ihren eigenen Ansprüchen auf ewig werden genügen können? „Sicher sein kann man sich nie“, sagt Stefan Mis–pagel. „Es ist wie bei einer Ehe, man muss sie pflegen und um ihr Gelingen beten.“ Und diese Ehe ist er entschlossen einzugehen. Trotz allem.