Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Panorama Wie die Vulkanasche Islands Bewohnern helfen kann
Nachrichten Panorama Wie die Vulkanasche Islands Bewohnern helfen kann
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:20 22.04.2010
„Wenn die Ascheschicht weniger als zehn Zentimeter ist, schadet sie nicht“, sagt der Vulkanologe Thorvaldur Thorardsson.
„Wenn die Ascheschicht weniger als zehn Zentimeter ist, schadet sie nicht“, sagt der Vulkanologe Thorvaldur Thorardsson. Quelle: Gamillscheg
Anzeige

Mehr als eine Woche lang haben die Menschen in Reykjavík den Vulkanausbruch am Eyjafjallajökull nur im Fernsehen miterlebt. In der Hauptstadt, 130 km von den Kratern entfernt, ging das Leben seinen gewohnten Gang. Selbst der Flughafen Keflavík war offen, als sonst in ganz Europa alles stillstand. Jetzt erst, da der Vulkan nur noch ein bisschen spuckt, blicken die Leute mit Sorge auf den sich drehenden Wind: bald kann die Asche auch auf Reykjavík niederregnen.

Katastrophenstimmung aber herrscht in Island nur in der unmittelbaren Umgebung des Gletschervulkans. Die Bewohner dort, die ihre Gehöfte nicht verlassen haben, können nur noch mit Schutzmaske und Brille ins Freie, die Schule ist geschlossen, die meisten Kinder sind zu Verwandten in die Hauptstadt gereist. Die Sicht beträgt oft nur ein paar Meter, die Tiere müssen in die Ställe. „Es ist wie heftiger Schneefall“, beschreibt Olafur Eggertsson den Ascheregen, „nur dass der Schnee schwarz und aus Stein ist und nicht schmilzt.“ Sein nur einen Kilometer vom Gletscher entfernter Hof Thorvaldseiri habe „Islands beste Erde“, sagt er. Jetzt sind die Äcker, auf denen er sonst Roggen und Weizen anbaut, von einer 15 cm dicken Ascheschicht bedeckt. Er wird sie wegschaufeln müssen, wenn sich die Lage beruhigt hat, und die Reste werden noch jahrzehntelang auf den Feldern liegen.

Zweimal am Tag kommt Eggertsson, der zu seiner Tochter geflohen ist, mit einem Militärfahrzeug zurück auf seinen Hof, um die Kühe und Schafe zu füttern. Mit einem normalen Auto ist die Straße unpassierbar. Die neu geborenen Lämmer sind nicht weiß, sondern grau von der Asche und hungrig, weil die Muttertiere Angst haben und keine Milch geben. Auch Johanna Thorallsdottir hat ihr Haus verlassen. „Überall dringt die Asche ein, und es riecht nach Schwefel“, sagt sie. Heim will sie erst wieder, wenn der Ausbruch so abflaut, dass Reinemachen Sinn macht.

Auch die Dächer müssen frei geschaufelt werden, damit sie unter der Last der Asche nicht einbrechen, und seit auch noch Schneeregen eingesetzt hat, verwandelt sich die Unterlage in eine glitschige Masse, die das Weiterkommen schwierig macht. Doch die Asche, die jetzt Plage ist, wird den Bewohnern später helfen. Gerade wegen der Nähe zum Vulkan ist hier die Erde so gut. „Wenn die Ascheschicht weniger als zehn Zentimeter ist, schadet sie nicht“, sagt der Vulkanologe Thorvaldur Thorardsson. „Im Gegenteil: die Vulkanasche wird zu Dünger und ist der Grund für die Fruchtbarkeit dieser Gegend.“ Nicht alle können oder wollen darauf warten. Ein paar Viehzüchter haben aufgegeben und ihre Tiere zum Schlachthaus gefahren, doch Agrarminister Jon Bjarnason fordert die Bauern auf auszuharren. Der Staat werde, obwohl am Rand der Pleite, für Kompensation sorgen.

Doch alle in Island wissen, dass die jetzige Eruption nur ein Vorgeschmack ist auf das, was droht, wenn der nahe gelegene Vulkan Katla aktiv werden sollte, dessen letzter Ausbruch 1918 etwa hundertmal so gewaltsam war wie jener, der nun ganz Europa lähmte. Bisher hat Katla immer reagiert, wenn der Eyjafjallajökull Lava und Asche spie. Dann ist das Dorf Vík in höchster Gefahr. „Wir sind darauf vorbereitet, in 30 Minuten können alle Häuser evakuiert sein“, sagt Bürgermeister Svenn Palsson. Doch bisher hat man an der vom enormen Myrdall-Gletscher bedeckten Katla keine erhöhte vulkanische Aktivität gemessen. „Sie kann morgen ausbrechen“, sagt Palsson, „oder in hundert Jahren.“

Bremen (afp). Bremer Umweltwissenschaftler haben nach dem Vulkanausbruch auf Island neben der riesigen Aschewolke auch eine potenziell klimawirksame Erhöhung der Konzentration von Schwefelverbindungen in der Atmosphäre beobachtet. Ein Beobachtungssatellit habe nachgewiesen, dass in der Luft mehr Schwefeldioxid auftrete als üblich, teilte das Institut für Umweltphysik an der Universität der Hansestadt mit. Bisher sei der Effekt allerdings noch zu gering, um weltweite Temperaturschwankungen zu erzeugen. Gelangen Schwefelverbindungen in die oberen Schichten der Atmosphäre, kann das dazu führen, dass dort mehr Sonnenlicht reflektiert wird und die Temperatur auf der Erde sinkt.

Hannes Gamillscheg

22.04.2010