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Panorama Wird es auf Deutschlands Straßen wieder gefährlicher?
Nachrichten Panorama Wird es auf Deutschlands Straßen wieder gefährlicher?
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17:24 21.11.2011
Bei einer Massen-Karambolage auf der Autobahn 5 zwischen Homberg/Ohm und Grünberg sind am Montag zwei Menschen getötet und mehrere verletzt worden. Quelle: dpa
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Berlin

Erst am Wochenende krachte es wieder fürchterlich. Bei Nebel verkeilten sich 50 Wagen auf einer Autobahn im Münsterland, drei Menschen starben. Auch wenn solche Massenkollisionen eher selten sind, blicken Experten mit Sorge auf die jüngste Unfallbilanz. Die seit zwei Jahrzehnten immer weiter gesunkene Zahl der Verkehrstoten steigt auf einmal an, wie das Statistische Bundesamt am Montag bekanntgab. Wird es wieder gefährlicher auf Deutschlands Straßen?

Was genau ist in diesem Jahr passiert?
Von Januar bis Ende September verloren 2938 Menschen bei Unfällen ihr Leben, das waren 164 Opfer oder 5,9 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2010. Gleich in sieben von neun Monaten dieses Jahres war die Zahl der Verkehrstoten damit höher als im Vorjahr. „Das ist keine Momentaufnahme wie bei einzelnen Monaten mehr“, sagt Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VCD).

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Warum steigt die Opferzahl nun wieder?
Über die genauen Ursachen können Experten vorerst nur vorsichtige Aussagen machen, solange noch keine detaillierten Erkenntnisse für das Gesamtjahr vorliegen. Es könne sich um Hinweise auf eine Tendenz zum Schlechteren handeln, sagt VCD-Mann Lottsiepen. Möglicherweise hätten sich die Behörden, aber auch die Verkehrsteilnehmer selbst angesichts der immer geringeren Verkehrstotenzahlen der vergangenen Jahre in einer trügerischen Sicherheit gewogen. Fachleute verweisen zudem auf das Wetter als typischem Einflussfaktor. Im milden und trockenen Frühling dürfte es mehr Radler und Motorradfahrer auf die Straßen gezogen haben - sie schützt bei Unfällen keine Karosserie.

Wie hat sich die Zahl der Verkehrstoten bisher entwickelt?
Das plötzliche Plus kommt einigermaßen überraschend. Denn die traurige Statistik der Verkehrstoten kannte - nach einem kurzen Anstieg direkt nach der Deutschen Einheit - zuletzt nur eine erfreuliche Richtung: nach unten. Erst im vergangenen Jahr war mit 3648 Opfern der tiefste Stand seit Bestehen der Erfassung 1953 verzeichnet worden. Das ist weit entfernt vom dramatischen Höchstwert von 21 332 Toten aus dem Jahr 1970 (zusammengerechnet in Bundesrepublik und DDR). Amtlich registriert werden Menschen, die innerhalb von 30 Tagen an den Unfallfolgen sterben.

Droht jetzt ein Ende der positiven Entwicklung?
Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat, der unter anderem Projekte für eine bessere Aufklärung koordiniert, rechnet jedenfalls für 2011 mit einer höheren Opferzahl als 2010. Dazu dürfte auch beitragen, dass wegen der robusten Konjunktur mehr Menschen im Auto zur Arbeit fahren. Allerdings wirken die großen Trends, die den Straßenverkehr über Jahrzehnte sicherer gemacht haben, nach wie vor: Technische Hilfsmittel wie das Anti-Blockier-System (ABS), immer mehr separate Wege für Radfahrer und Fußgänger, neue Systeme zur Verkehrssteuerung, eine schnellere medizinische Versorgung direkt an den Unfallstellen. Doch neben der Technik und den Straßen kommt es auf die Fahrer an.

Was wird für mehr Sicherheit getan?
„Jeder Tote ist einer zu viel“, sagt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Gerade erst hat er ein „Verkehrssicherheitsprogramm“ präsentiert. Das Ziel: 40 Prozent weniger Verkehrstote bis zum Jahr 2020, also eine Reduzierung auf etwa 2300 Opfer. Dafür sollen diverse Ideen gebündelt werden - etwa mehr Blitzer gegen Raser, zusätzliche Rüttelstreifen als Mittel gegen unachtsames Abkommen von der Fahrbahn oder 5500 Extraparkplätze, auf denen müde Lkw-Fahrer ausruhen können. Wenn nicht deutlich mehr Radfahrer Helme tragen, ist für Ramsauer auch eine Pflicht zum Kopfschutz kein Tabu.

Was fordern Autoverbände?
Die Ankündigungen der Politik reichten nicht aus, monieren etwa der VCD und der Autoclub Europa (ACE). Zu Dauerforderungen gehören seit Jahren ein Tempolimit auf Autobahnen, das die Bundesregierung aber ablehnt, und eine Null-Promille-Grenze für Alkohol am Steuer. Auf Landstraßen, die ein gefährlicher Crash-Schwerpunkt sind, dürfe höchstens 80 oder 90 gefahren werden, meint VCD-Experte Lottsiepen. Und innerorts, wo besonders viele Fußgänger unterwegs sind, sei eine Umkehrung nötig: Tempo 30 als Regel, Tempo 50 als Ausnahme.

dpa/frs