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Deutschland / Weltweit 30 Massenmördern auf der Spur
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00:15 06.09.2013
Von Alexander Dahl
Das undatierte Archivbild zeigt weibliche Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz, die zum Arbeitseinsatz abtransportiert werden. Quelle: dpa
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Hannover

Es ist eines der mysteriösesten Dokumente im Archivkeller der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Etwa 6000 Namen finden sich zwischen den Deckeln des alten Leitz-Ordners – Namen jener Täter, die als Mitglieder der SS den Holocaust im Vernichtungslager Auschwitz organisierten. Die Originaldokumente des Lagers haben die Nazis vernichtet, um die Spuren des Massenmordes an 1,1 Millionen Juden zu verwischen. Doch während der Auschwitz-Prozesse in Frankfurt 1963/64 fertigte ein Unbekannter aus Zeugenaussagen und Gerichtsunterlagen die Liste an. „Ohne sie wäre es jetzt nicht möglich gewesen, noch Täter zu finden“, sagt Kurt Schrimm, Leitender Oberstaatsanwalt der Zentralstelle im baden-württembergischen Ludwigsburg.

39 SS-Angehörige, die in Auschwitz eingesetzt waren, haben Schrimm und seine Mitarbeiter nun ermittelt, wie am Dienstag bekannt wurde. 30 von ihnen leben in Deutschland; gegen sie werden die zuständigen Staatsanwaltschaften Verfahren einleiten. Sieben weitere leben im Ausland; einer sogar in Israel. Bei zwei Beschuldigten verliert sich die Spur.

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Der älteste NS-Verbrecher ist heute 97 Jahre alt; der jüngste 87. Auch Frauen stehen auf der Liste. Drei frühere SS-Leute wohnen in Niedersachsen: Ein 88-Jähriger in Braunschweig; ein 92-Jähriger in der Nähe von Lüneburg und ein 89-Jähriger unweit von Celle. Laut Schrimm handelt es sich um rangniedere SS-Leute; Wärter, die aber für das Funktionieren der Mordmaschinerie im Lager genauso unverzichtbar waren wie die Leitung.

Dass sie sich erst jetzt, mehr als 68 Jahre nach Kriegsende, staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen stellen müssen, liegt in einer neuen Rechtsauffassung begründet. 1969 hatte der Bundesgerichtshof geurteilt, auch dem Personal osteuropäischer Vernichtungslager müsse ein Mord oder die Beihilfe dazu individuell nachgewiesen werden. Dies war kaum möglich. Die Opfer, Juden aus ganz Europa, waren in den Gaskammern ermordet worden, und die Täter schwiegen, um sich nicht selbst zu belasten, oder behaupteten, sie seien als Koch, Schreibstubenbediensteter oder Wachmann nicht direkt am Morden in den Gaskammern beteiligt gewesen.

Erst der Prozess gegen John Demjanjuk, Wärter im Vernichtungslager Sobibor, brachte die Wende. Schrimm hatte im Vorfeld der Gerichtsverhandlung 2011 argumentiert, dass jeder für den Holocaust verantwortlich ist, der als SS-Mitglied im Lager Dienst tat und damit das Räderwerk des Tötens am Laufen hielt – eine Auffassung, der sich das Münchener Gericht im Fall Demjanjuk anschloss und ihn als „Teil der Vernichtungsmaschinerie“ wegen Beihilfe zum Mord in 28 000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilte.
Auch bei den 30 deutschen Beschuldigten wird nun ähnlich vorgegangen. Die Zentralstelle prüft derzeit anhand der Transportlisten der Reichsbahn, wie viele Juden während der Einsatzzeit des SS-Angehörigen ins Vernichtungslager deportiert wurden. Diese Zahl ist dann Basis für eine mögliche Anklage wegen Beihilfe zum Massenmord. „Dennoch wird die Zahl der Gerichtsverfahren am Ende wohl niedrig sein, denn etliche der Beschuldigten sind wegen ihres hohen Alters wohl verhandlungsunfähig“, sagt Schrimm. Er verweist aber auch auf den früheren Fall des SS-Mannes Josef Schwammberger, der 1992 im Alter von 80 Jahren wegen 650-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Das Landgericht Stuttgart ordnete Haft bis zum 102. Lebensjahr an; Schwammberger starb mit 95 im Gefängnis in Mannheim. „Haft im hohen Alter ist also möglich“, so Schrimm.

Ein Schlusspunkt ist die neue Auschwitz-Akte für die Arbeit der Zentralstelle nicht. Auch die SS-Mannschaften in den anderen Vernichtungslagern in Osteuropa, wie etwa Majdanek oder Treblinka, sollen überprüft und noch lebende Täter ermittelt werden. Das Gleiche gilt für die Angehörigen der Einsatzgruppen der SS, die als Nachhut der vorrückenden Wehrmacht auf dem Gebiet der Sowjetunion Massenmorde an den Juden verübten. „Die Erfolgsaussichten sind aber gering, denn deren Mitglieder waren ältere, nicht mehr fronttaugliche Männer, die wohl längst tot sind“, sagt Schrimm.

Dennoch reisen die Ludwigsburger Experten in die Archive nach Russland, Weißrussland und Brasilien, um neues, belastendes Material zu finden. Nicht immer mit Erfolg, denn in Südamerika, nach 1945 Zufluchtsort für viele Nazis, wird der Zentralstelle oft mitgeteilt, man habe gerade andere Probleme als die Aufarbeitung der deutschen Geschichte.

In Israel wird dies anders gesehen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem zeigte sich gestern „tief befriedigt“ über die aktuellen Ermittlungen. Sie seien ein „Meilenstein bei den Bemühungen, Nazi-Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen“, sagte dessen Direktor Efraim Zuroff. Besser wäre es aber gewesen, wenn der bloße Einsatz im Vernichtungslager schon viel früher Grundlage von NS-Prozessen gewesen wäre. „Dann wären in den vergangenen 50 Jahren nicht so viele Mörder straffrei ausgegangen.“

55 Jahre NS-Verbrechen im Visier

Die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen wurde durch Beschluss der Länder und des Bundes 1958 gegründet. Anlass war die alte Zuständigkeitsordnung der Staatsanwaltschaften, die oft nur dann ermittelten, wenn sich eine Straftat in ihrem Bezirk ereignet hatte.

Die NS-Verbrechen wurden aber in ihrer Mehrzahl außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik verübt. Außerdem war in dem „Ulmer Einsatzgruppen-Prozess“ im Frühjahr 1958 klar geworden, dass es eine Vielzahl noch nicht aufgeklärter Massenmorde des Dritten Reiches in Osteuropa gab. In den 55 Jahren ihrer Existenz hat die Zentralstelle fast 18.100 Verfahren gegen NS-Verbrecher eingeleitet. Seit 1945 wurden von der westdeutschen Justiz rund 172.300 Beschuldigte angeklagt und fast 6500 davon verurteilt.

Der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) sicherte am Dienstag zu, dass die Zentralstelle „ihre Ermittlungstätigkeit fortsetzen wird, damit die NS-Taten nicht verblassen“.

dl

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