Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Schalom zusammen!
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Schalom zusammen!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:51 09.11.2013
Von Simon Benne
Leben ihren jüdischen Glauben (v.li.): Simone Konwisser, Marc Simon und Rebecca Seidler. Quelle: Surrey/Thomas
Anzeige
Hannover

Vor einiger Zeit waren sie zu einem Richtfest eingeladen, bei Freunden. Und es waren die Kinder, denen plötzlich etwas auffiel: „Sie fragten ganz verwundert, warum denn gar keine Polizisten da sind, wie bei anderen Festen. Sie kennen das ja nicht anders“, sagt Rebecca Seidler.

Ihre Söhne Samuel und Elias besuchen den Kindergarten der Liberalen Jüdischen Gemeinde. Sie spielen dort hinter schusssicheren Scheiben, in einem mit Videokameras gesicherten Gebäude. Sie wachsen auf mit einer Normalität, die alles andere als normal ist. Auch heute, 75 Jahre nach der Pogromnacht, stehen jüdische Schulen und Synagogen in Deutschland unter Polizeischutz.

Anzeige

Rebecca Seidler engagiert sich in ihrer Gemeinde; vor einigen Jahren hat sie den Verein „Jung und jüdisch“ gegründet, der Freizeiten organisiert oder Gottesdienste gestaltet. Freitagabends zündet sie daheim die Schabbat-Kerzen an, ihre ganze Familie kommt dann zusammen; zum Singen, zum Beten und zum Essen. „Ich bin hier geboren und fühle mich hier zuhause“, sagt die Sozialpädagogin. Selbstbewusst lebt sie jüdische Traditionen. Doch sie weiß auch, dass ihre Religion sie für viele Menschen zu etwas Besonderem macht. „Man kann eine Party schon sprengen, wenn man sich als Jüdin outet“, sagt die 33-Jährige.

Viele Juden können Geschichten erzählen von der Scheu der anderen, etwas Falsches zu sagen. Die Befangenheit ist groß: „Manche trauen sich gar nicht, das Wort Jude auszusprechen“, sagt Rebecca Seidler. Sie drucksen dann herum: Ju ... jüdische ... Mitbürger ... mit jüdischer Herkunft ... Wurzeln. Das Gefühl der Fremdheit ist dann oft auf beiden Seiten.

„Nicht alles ist perfekt, aber ich kann als Jude heute sehr gut in Deutschland leben“, sagt Salomon Finkelstein. Fast jeden Tag sitzt der 91-Jährige am selben Tisch in seinem Stammcafé, mit seinem Weggefährten Henry Korman. Oft kommt der Inhaber persönlich, um die alten Herren per Handschlag zu empfangen. Wenn ein Bürgermeister bei offiziellen Terminen eine Rede hält, begrüßt er die beiden gern namentlich. Henry Korman und Salomon Finkelstein zählen zu Hannovers Honoratioren, die Nachbarstadt Laatzen hat die Auschwitz-Überlebenden kürzlich sogar zu Ehrenbürgern erklärt.

In mehr als 50 Schulen haben die Zeitzeugen in den vergangenen Jahren ihre Geschichte erzählt. Sie berichten von Leichenbergen, vom Grauen der Lager und von ihren ermordeten Familien. „Wenn wir sprechen, sind die Schüler ganz still – und dann applaudieren sie uns stehend“, sagt Finkelstein lächelnd. Es ist, als trage er einen späten Sieg über Hitler davon, in einem Land, das nicht mehr so ist wie früher. „Nach dem Krieg, da spürte man noch, dass Polizisten und Richter teils alte Nazis waren“, sagt der 93-jährige Korman. „Aber die Zeiten sind vorbei – heute ist Deutschland die stärkste Demokratie Europas.“ Ist das so?

Viele Juden „outen“ sich nicht

Die Ablehnung des NS-Regimes ist das Fundament der Bundesrepublik, ein gemeinsamer Nenner aller Demokraten – und trotzdem verzichten viele Juden vorsichtshalber darauf, sich zu „outen“, wie Rebecca Seidler es nennt. Nach einer aktuellen Untersuchung der EU-Agentur für Grundrechte gaben 63 Prozent der deutschen Juden an, in der Öffentlichkeit aus Angst vor Angriffen keine Symbole wie die Kippa zu zeigen, die jüdische Kopfbedeckung. In Berlin wurde ein Rabbiner vor einigen Monaten auf offener Straße zusammengeschlagen. Muslimische Judenhasser, linke Israel-Kritiker und fremdenfeindliche Nazis haben teils identische Feindbilder. Als besonders kränkend erleben viele Juden pauschale Diffamierungen des Staates Israel. Jeder vierte Befragte gab an, er habe schon darüber nachgedacht, Deutschland zu verlassen.

„Auch mir haben Jugendliche auf der Straße schon ,Jude!’ nachgerufen, doch eigentlich sind offene Anfeindungen selten“, sagt Benjamin Wolff. Der orthodoxe Rabbiner entspricht mit Bart und Kippa exakt dem Bild, das viele von einem orthodoxen Rabbiner im Kopf haben. Vor acht Jahren kam der 37-Jährige aus Israel nach Hannover. Es war eine Rückkehr in die Heimat seiner Vorfahren, die 1935 aus Nürnberg fliehen mussten. Im Supermarkt wird er schon mal von wildfremden Menschen umarmt: „Schön, dass Sie hier sind.“ Oder Leute sprechen ihn auf den kanadischen Liedermacher Leonard Cohen an, weil der „doch auch Jude ist“. Lauter gut gemeinte Gesten. Doch ungewollt zeigen sie: Ein Jude ist in den Augen der meisten Deutschen vor allem ein Jude. Wolff wendet es ins Positive: „Ich kenne diesen Leonard Cohen zwar nicht, aber es ist besser, mit Leuten über Leonard Cohen zu sprechen, als gar nicht mit ihnen zu sprechen“, sagt er und lacht.

Der junge Rabbiner gehört zur weltweiten Chabad-Bewegung; sein Bildungszentrum in Hannover hat es sich zum Ziel gesetzt, die jüdische Identität der Juden in der Stadt zu stärken. Er gibt Hebräisch-Kurse, versorgt andere mit koscheren Lebensmitteln und er ist dabei, wenn am 1. Dezember auf dem Opernplatz ein riesiger Chanukka-Leuchter aufgestellt wird, zur Feier des jüdischen Lichterfestes. „Wir wollen in der Öffentlichkeit zeigen, dass das jüdische Volk lebt“, sagt er. „Und wir wollen Juden das Gefühl geben, dass sie auf ihr Judentum stolz sein können.“

Die Frage nach ihrer Identität treibt viele Juden in Deutschland um. Inzwischen gibt es hier wieder 108 Gemeinden mit rund 120.000 Mitgliedern. Die Zahl hat sich durch Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion nach der Wende vervielfacht. Ob liberale oder orthodoxe – die meisten Gemeinden bestehen heute zu 90 Prozent aus russischsprachigen Juden. „Ohne sie würden unsere Gemeinden aussterben“, sagt Rebecca Seidler.

Wenig Wissen über den eigenen Glauben

In kaum einem Land der Welt hat sich jüdisches Leben in den vergangenen Jahren so dynamisch entwickelt wie in Deutschland. Zugleich fragen sich in kaum einem Land so viele Juden, wer sie eigentlich sind. In der Sowjetunion, wo der Atheismus eine Art Staatsreligion war, mussten sie Nachteile fürchten, wenn sie sich zum Judentum bekannten. Heute müssen sie sich nicht nur im fremden Deutschland einleben – sie wissen oft auch kaum noch etwas über den eigenen Glauben. „Viele von ihnen suchen das Judentum“, sagt Rabbiner Wolff. Und einige finden es in seinem eher traditionell ausgerichteten Chabad-Bildungszentrum.

Die 17-jährige Simone Konwisser, deren Eltern einst auch aus der Sowjetunion kamen, ist regelmäßig hier. „Hier lerne ich viel über unsere Traditionen und den Sinn die Gesetze“, sagt die Schülerin. Sie selbst lebt nach dem „kosher style“: Sie isst beispielsweise kein Schweinefleisch, hält aber nicht alle Speisevorschriften bis ins Detail ein. „An den Fastentage faste ich“, sagt sie. „Jedenfalls, wenn ich’s nicht vergesse.“ Im Gymnasium besucht sie den jüdischen Religionsunterricht, den es seit einiger Zeit als ordentliches Lehrfach gibt. Und mit einer Kindergruppe ihrer Gemeinde probt sie zum Chanukka-Fest ein Theaterstück ein. „Da gebe ich etwas von dem weiter, was ich selbst gelernt habe“, sagt sie. So begründet ihre Generation jüdisches Leben in Deutschland neu – ohne nahtlos an das anzuknüpfen, was es hier einst gab.

„Das klassische deutsche Judentum, das Einstein und Heine und Mendelssohn hervorgebracht hat, gibt es nicht mehr“, sagt Marc Simon. „Nach den Erfahrungen der Geschichte setzen viele nicht mehr so sehr auf Assimilation – dafür ist ihnen die religiöse Bindung wichtiger“, glaubt der 33-Jährige, der regelmäßig in die Synagoge geht. „Der Gottesdienst ist für mich ein Höhepunkt in der Woche“, sagt der Bankangestellte. „Viele wissen gar nicht, dass das Judentum vor allem eine schöne Religion ist, mit wunderbaren Gebeten und Gesängen. Sie denken immer nur an den Holocaust, wenn es um Juden geht. Dabei ist das Judentum auch ein geballtes Stück Lebensfreude.“

Natürlich kennt auch er die Scheu vieler Menschen vor allem Jüdischen. Zur Feier seiner Bar Mitzwa, dem Tag, an dem er in der Synagoge seiner Heimatstadt Köln zum ersten Mal aus der Tora vorlas, hat er daher bewusst Mitschüler eingeladen. Und manchmal nimmt er Bekannte mit in den Gottesdienst, die selbst keine Juden sind. „Damit sie sehen, dass wir ganz normale Menschen sind.“

„Es gibt pädagogische Defizite“

Nachgefragt: Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung im HAZ-Interview.

Frau Wetzel, Sie beschäftigen sich mit Antisemitismus in Deutschland. Ist der nicht längst geächtet und passé?

Öffentliche antisemitische Äußerungen sind zwar tabuisiert, und das Tabu wird meist akzeptiert. Doch Untersuchungen belegen, dass konstant 15 bis 20 Prozent der Deutschen eine latent antisemitische Haltung haben. Und jährlich gibt es in Deutschland rund 1400 antisemitisch motivierte Straftaten, von Friedhofsschändungen bis zu tätlichen Angriffen auf Menschen. Seit einigen Jahren stehen antisemitische Aktionen junger Muslime im Fokus der Aufmerksamkeit, doch etwa 90 Prozent der Straftaten haben einen rechtsextremistischen Hintergrund.

Antisemitische Straftaten werden nur von einer kleinen Minderheit verübt ...

... doch das Problem Antisemitismus ist auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft virulent. Das zeigte sich etwa an den Reaktionen, als Günter Grass 2012 in einem Gedicht Israel angriff. Oder im vergangenen Jahr in der Debatte um Beschneidungen: Oft war dabei zu hören, der Staat sei gegenüber einer archaischen Religion doch nur wegen der NS-Vergangenheit weich geworden. Dass Juden vom Holocaust profitierten, zählt zu den klassischen antisemitischen Stereotypen. In solchen Debatten werden der Nahostkonflikt oder der vermeintliche Einsatz für Kinder- und Menschenrechte schnell zu einer Plattform für Antisemitismus. Da werden dann auch Stellungnahmen vorgebracht und akzeptiert, die sonst tabu sind.

Lehrer berichten, dass „Jude“ auf manchen Schulhöfen als Schimpfwort gebraucht wird.

Teils wird der Begriff „Jude“ dabei analog zum Begriff „Opfer“ verwendet. Da zeigt sich auch ein pädagogisches Defizit. Wenn es im Unterricht um Juden geht, kommen diese meist als Opfer von Pogromen oder Völkermord vor. Wie jüdisches Leben im Alltag aussieht, wird selten thematisiert.

Interview: Simon Benne

Deutschland / Weltweit Arbeitgeberpräsident Hundt im Interview - „Mindestlohn schadet den Schwächsten“
09.11.2013
Stefan Koch 08.11.2013