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Deutschland / Weltweit Abgehängt und abgeschrieben: Am Rande des Landes
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17:06 12.07.2019
Jedes Jahr 100 Menschen weniger: Tangerhütte kämpft mit Überalterung und Bevölkerungsschwund.
Tangerhütte/Wittenberge

Andreas Brohm gähnt, aber er nimmt den Fuß nicht vom Gas. Sein Ci­troën fliegt über die Landstraße zwischen Bittkau und Scheeren. Drei Stunden Schlaf hat der Bürgermeister von Tangerhütte vergangene Nacht bekommen. Bis 3 Uhr morgens kämpfte er mit der Feuerwehr gegen die Flammen, die in Bittkau ein Haus verschlangen. Um sechs musste er raus, die Pausenbrote für die Kinder schmieren, dann gleich ins Rathaus.

Brohm hatte einmal den Absprung geschafft aus Tangerhütte in der Altmark nördlich von Magdeburg. Für einen wie ihn war es hier zu langweilig. Eigentlich war es für fast alle aus seiner Generation zu langweilig. Einen Vorteil hat die Lage dieses stillen Landstrichs auf halbem Weg zwischen Berlin und Hannover, zwischen Leipzig und Hamburg: Man ist schnell weg. Andreas Brohm studierte Betriebswirtschaft in Leipzig, arbeitete europaweit als Musicalmanager, zog nach Berlin. Langweilte sich wieder – und kam mit Frau und Kindern zurück. Seit fünf Jahren ist der 42-Jährige parteiloser Bürgermeister der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte. 32 Ortsteile mit rund 10 000 Einwohnern auf einer Fläche so groß wie Frankfurt am Main. Im Osten die Elbe, im Westen die Baustelle der Autobahn 14, im Norden Stendal, im Süden Magdeburg.

„Wo bleiben denn die kulturellen Werte?“: Andreas Brohm, Bürgermeister von Tangerhütte. Quelle: Jan Sternberg

Der Landkreis Stendal, zu dem Tangerhütte gehört, belegt im aktuellen Prognos-Zukunftsatlas Platz 401 von 401. Der westliche Nachbarkreis Salzwedel Platz 400. Der südöstliche Nachbarkreis Jerichower Land Platz 399. In Berlin hat die Bund-Länder-Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ beschlossen, Strukturförderung nicht mehr nach Himmelsrichtung zu verteilen, sondern nach Bedürftigkeit. Eins aber ist auch klar: Die allermeisten Fördergebiete werden weiter im Osten liegen. Aber wer und was soll da gefördert werden? Die Bevölkerungsprognose für Tangerhütte zeichnet eine unaufhaltsam sinkende Kurve. Hier wird dauerhaft mehr gestorben als zur Welt gekommen.

Als Betriebswirt und Bürgermeister kennt Brohm all diese Zahlen. Er kennt die Forderungen anderer Wirtschaftswissenschaftler, Gegenden wie die Altmark und Dörfer wie diejenigen um Tangerhütte herum langfristig aufzugeben. Ein Betriebswirt, der nicht von hier kommt, würde von dem guten Geld reden, das man dem schlechten nicht hinterherwerfen dürfe.

Brohm aber findet, dass die Zahlen nicht alles sind, wenn von Dörfern, Städten, Heimat die Rede ist. „Da versagt unser kapitalistisches System“, sagt er. „Wo bleiben denn die kulturellen Werte?“ Und er nennt andere Zahlen. „Wir wohnen jetzt in einem 90-Seelen-Dorf. Jeden Morgen stehen dort sechs Kinder an der Bushaltestelle und warten auf den Schulbus. Es gab viele Jahre, da stand dort kein einziges Kind“, erzählt er. Eines Morgens habe er seinen Nachbarn gefragt: „Hättest du geglaubt, dass es mal wieder so kommt?“ Niemals, habe der Nachbar gesagt. Wer Jahr um Jahr erlebt, wie es abwärtsgeht, vergisst, dass es auch eine Gegenrichtung gibt.

„Es tut weh, das zu sehen“

Tangerhütte verliert jedes Jahr 100 Menschen. Nicht mehr durch Wegzug, sondern durch Überalterung. „Mein Ziel ist es, diese 100 aufzufangen durch Zuzug“, sagt Brohm. Stolz zeigt er ein Baugebiet am Rande des Dorfes Lüderitz, das in ein paar Jahren eine eigene Autobahnauffahrt bekommt. Alle Bauplätze wurden bereits verkauft, auf einigen stehen bereits neue Eigenheime. Auch eine Ärztin ist hergezogen, zurückgekehrt in die Landschaft ihrer Kindheit. Sie hat Kinder, öffnet ihre Praxis nur halbtags. Es rechnet sich für sie trotzdem.

Mit seinem Citroën kurvt Brohm jetzt durch Tangerhütte. Hinter Wildwuchs verfällt sein altes Gymnasium, 1981 erbaut, als Tangerhütte eine aufstrebende Kreisstadt mit 8000 Einwohnern war. Heute sind es 3000 weniger. Am Altmärkischen Gymnasium machte Brohm Abitur. Seit zwölf Jahren steht seine alte Schule leer. Eine Nachnutzung für den DDR-Typenbau ist nicht in Sicht. „Es tut weh, das zu sehen“, sagt Brohm.

Raus aus den „überhitzten Metropolregionen“

Gestern haben drei Bundesminister in Berlin die Ergebnisse der Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ vorgelegt. Innenminister Horst Seehofer (CSU), Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) haben versprochen, die Struktur- und Förderpolitik in Deutschland „neu zu justieren“. Unternehmen sollen besonders in Regionen gelockt werden, aus denen junge Menschen abwandern. Auch Bundeseinrichtungen und Forschungsinstitute sollen gezielt abseits der „überhitzten Metropolregionen“ angesiedelt werden, wie Seehofer sagte. Viele Förderprogramme, etwa für Busverbindungen oder bessere Internetversorgung, bleiben allerdings vage – genau wie deren Finanzierung.

Brohm hat zwei Arbeitsgruppensitzungen der Kommission mitgemacht. Er will keine Förderprogramme. Er will Geld.

Es geht auch ums Image

Brohm wünscht sich, dass der Bund Gemeinden wie Tangerhütte eine pauschale Summe zur Verfügung stellt, über deren Verwendung vor Ort entschieden werden kann. Er kann ziemlich radikal werden, wenn er diesen Wunsch skizziert. Aber er hat gute Argumente. Gerne hätte er rasch seine Schulen saniert. „Auch das gehört zur Imagepflege. Da kommen die Verwandten zur Einschulung und würden sehen, wie schick die Schule jetzt aussieht.“ Dieses Jahr aber bekommt Tangerhütte eine halbe Million für Schulsanierungen, damit kann er eine Etage sanieren. Fast eine ganze Million gibt es aus Hochwasserschutzmitteln zum Wegebau. Was hilft dem Image mehr, fragt Brohm. Eine schicke Schule oder ein neuer Weg draußen auf den Wiesen?

„Was willst du denn in Tangerhütte?“, haben Brohms Berliner Freunde gefragt, als er aufbrach, um zurückzukehren. „Außer Nazis ist da doch nichts.“ Die Arbeit am Image ist mühselig. Doch langsam dreht es sich. Stendal, direkt nördlich von Tangerhütte, erlebt einen kleinen Immobilienboom, die Lage an der ICE-Strecke macht die Kreisstadt attraktiv für Stadtflüchtige, die ortsungebunden arbeiten können.

Wissen die Laptoparbeiter, wo Wittenberge ist? Die schrumpfende Stadt lockt junge Menschen zum Probewohnen. Quelle: Arne Immanuel Bänsch/dpa

Von ihnen will auch Wittenberge profitieren, 90 Kilometer elbabwärts, Landkreis Prignitz in Brandenburg, Rang 395 im Prognos-Zukunftsatlas. Wittenberge war stolze Textil- und Nähmaschinenstadt und ist immer noch Eisenbahnknotenpunkt zwischen Hamburg und Berlin. Seit den 1980er-Jahren hat die Stadt die Hälfte ihrer Bewohner verloren, 17 000 sind es noch. Vor einem halben Jahr stellte sich Bürgermeister Oliver Hermann zwei Fragen: Wissen Berliner und Hamburger Laptoparbeiter, wo Wittenberge liegt? Würden digitale Nomaden aus den Metropolen Interesse zeigen, für ein halbes Jahr in der Elbestadt zu leben und zu arbeiten?

Er stellte sich die Fragen, weil ein junger Mann vorbeikam, der Fördergeld wollte. „Summer of Pioneers“ heißt das Projekt, das Frederik Fischer vorstellte. 20 Kreativarbeiter aus den Großstädten sollten ein halbes Jahr nach Wittenberge ziehen, zum Probewohnen und Arbeiten. Für 150 Euro monatlich bekommen sie eine Wohnung und einen Platz im Coworking Space mit spektakulärem Elbblick.

„Interessant für digitale Nomaden“: Summer-of-Pioneers-Erdenker Frederik Fischer und Oliver Hermann, Bürgermeister von Wittenberge, wollen in ihrer Stadt gemeinsam „die Provinz umdeuten“. Quelle: Jan Sternberg

Hermann fand die Idee super. Aber würde sich jemand bewerben? 60 Bewerbungen gab es, darunter sind Social-Media-Spezialisten, Dokumentarfilmerinnen, eine Märchenerzählerin und eine Psychologin. Alle sollten auch Ideen angeben, was sie in diesem halben Jahr für die Menschen in Wittenberge anbieten wollen. 20 von ihnen wurden ausgewählt, die ersten sind am 1. Juli eingezogen.

„Wir erhoffen uns von dem Projekt einen Imagegewinn für Wittenberge und nicht zuletzt auch neue Ideen für die Elbestadt“, sagte Bürgermeister Hermann bei der Vorstellung des mit 80 000 Euro aus Landesmitteln geförderten Projekts. „Es muss aufhören, dass der ländliche Raum schlechtgeredet wird. Es geht auch darum, Provinz umzudeuten“, fordert er. Natürlich würde er sich wünschen, dass sich einige der 20 Probe-Wittenberger nach Ablauf des Projekts für einen Umzug in die Stadt entscheiden. Wichtiger aber sei, die Stadt im Gespräch zu halten.

Leere als Chance

Der Coworking Space am Elbufer soll nicht nur den Projektteilnehmern, sondern auch den Wittenbergern offenstehen, kündigte Fischer an. Und Hermann sieht ihn als Testlauf für ein ähnliches Projekt an anderer Stelle: die Wiederbelebung des Bahnhofsgebäudes. Die riesige Halle des alten Mitropa-Bahnhofsrestaurants böte genug Platz für großstadtmüde Digital-Arbeiter in der Mitte zwischen Hamburg und Berlin. In der Mitte des leeren Landes, das neue Chancen sucht.

Einen noch stärkeren Wandel als Wittenberge haben nur ganz wenige Städte in den vergangenen 30 Jahren erfahren. Weißwasser in der Oberlausitz gehört dazu. In der DDR war Weißwasser eine Boomstadt, verdoppelte seine Einwohnerzahl binnen 20 Jahren auf 37 000. Glasindustrie und Braunkohle-Tagebaue waren die Hauptindustriezweige. Nach 1990 ging es dann noch steiler abwärts, ganze Stadtviertel wurden abgerissen. Heute ist Weißwasser wieder bei 16 000 Einwohnern angekommen.

Einst Boomstadt, heute stark geschrumpft: Weißwasser in der Oberlausitz Quelle: Sean Gallup/Getty

Sebastian Krüger ist einer, der zurückgekommen ist. Er hat in China gearbeitet und in Halle studiert, nun leitet er das soziokulturelle Zentrum in den ehemaligen Telux-Werken. Er bietet in den weitläufigen Industriehallen Kurse für alle Altersstufen, und als Nächstes soll auch hier ein Coworking Space hinzukommen.

Im Hof des Telux haben sie Sitzbänke und Schaukeln zum Chillen aufgestellt. Krüger, mit Jeansjacke, Basecap und Hipsterbart, setzt sich, schaukelt sanft und umreißt sehr ernsthaft, wie groß die Aufgabe ist. Früher war Weißwasser eine Glasmacherstadt, es wird nur noch kurze Zeit eine Kohlestadt bleiben – aber was kommt dann? „Wofür wird Weißwasser in 100 Jahren stehen? Diesen Prozess möchte ich positiv begleiten.“ Es geht Sebastian Krüger um neues Selbstbewusstsein für eine unklare Zukunft.

Aber dass seine Stadt eine Zukunft hat, da ist er sich eigentlich sicher.

Von Jan Sternberg

Und wieder gibt es neue Modelle und Ideen zu einer CO2-Bepreisung. Der Handlungsdruck beim Klimaschutz ist groß – die Umsicht der Politiker sollte es auch sein, kommentiert Marina Kormbaki.

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Acosta gibt seinen Posten als US-Arbeitsminister freiwillig auf. Der Politiker war in die Kritik geraten, weil er 2008 als Bundesstaatsanwalt einen umstrittenen Deal im Missbrauchsfall um den Top-Banker Jeffrey Epstein ausgehandelt hatte.

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Die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel hat einem Bericht des „Spiegel“ widersprochen: Es gebe kein Nichtangriffs-Bündnis mit dem „Flügel“ von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke. „Das ist völliger Unsinn“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Diverse Treffen räumt sie jedoch ein.

16:34 Uhr