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Deutschland / Weltweit Ägypten feiert die historische Wende
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09:34 12.02.2011
Mit Feuerwerk feiern die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz die Nachricht von Mubaraks Rücktritt.
Mit Feuerwerk feiern die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz die Nachricht von Mubaraks Rücktritt. Quelle: dpa
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In Ägypten hat am Freitag eine neue Ära begonnen. Unter dem Druck der seit Wochen andauernden Massenproteste auf den Straßen von Kairo legte Präsident Hosni Mubarak sein Amt nieder – und zog damit einen Schlussstrich unter eine zuletzt nur noch durch Wahlfälschungen aufrechterhaltene 30-jährige Alleinherrschaft.

Mubaraks Stellvertreter Omar Suleiman verlas mit unbewegter Miene im ägyptischen Fernsehen eine Erklärung ans Volk: „Präsident Mubarak hat sich entschieden, als Präsident der Republik zurückzutreten. Er hat die Macht an das Oberkommando der Armee übergeben. Möge Gott uns helfen!“

Jubelnd fielen auf dem Tahrir-Platz tausende Ägypter einander in die Arme, viele weinten vor Glück. Westliche Beobachter sprachen von Szenen wie am 9. November 1989 in Berlin, dem Tag des Mauerfalls. Menschen zeigten sich gerührt darüber, dass sie diesen historischen Moment miterleben dürfen.

„Ich kann es nicht fassen, das ägyptische Volk hat sein Joch abgeschüttelt“, rief eine Aktivistin mit sich überschlagender Stimme. In anderen Teilen Kairos gaben viele Menschen Freudenschüsse ab. Auf den Boulevards ertönten Hupkonzerte.

Der prominente Oppositionspolitiker Mohammed el-Baradei sagte: „Das Leben fängt für uns von vorne an.“ Der zeitweilig inhaftierte Internetaktivist und Google-Manager Wael Ghonim schrieb im Internet-Kurzbotschaftendienst Twitter: „Glückwunsch Ägypten! Der Verbrecher hat den Palast verlassen.“

In Berlin sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer am Abend kurzfristig angesetzten Pressekonferenz von einem Tag der Freude: „Wir sind alle Zeugen eines historischen Wandels.“ Sie wünsche den Ägyptern eine Gesellschaft „ohne Korruption, Zensur, Verhaftung und Folter“. Auffallend deutlich markierte Merkel zugleich die Erwartung, dass auch eine neue ägyptische Führung das Existenzrecht Israels unmissverständlich anerkennen werde.

„Die Friedensverträge zwischen Israel und Ägypten müssen eingehalten werden“, sagte Merkel. „Auch eine künftige ägyptische Regierung muss die Bemühungen um Frieden im Nahen Osten unterstützen.“
Ägypten hatte 1979 als erstes und lange Zeit einziges arabisches Land das Existenzrecht Israels in einem Friedensvertrag anerkannt.

Jordanien folgte als einziges weiteres Land im Jahr 1994. Radikalislamische Kräfte in der bislang oppositionellen ägyptischen Muslimbruderschaft hatten den Abschluss dieser Verträge stets kritisiert.

Nach Mubaraks Rücktritt übernahm am Abend bis auf Weiteres der Oberste Militärrat unter dem bisherigen Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi die Macht. Dass zunächst die Armee die Regie übernehmen werde, war allseits erwartet worden; dies wird vom größten Teil der Opposition akzeptiert.

Der 82 Jahre alte Mubarak hatte noch am Donnerstag einen völligen Rückzug aus allen Ämtern vermeiden wollen und in einer Fernsehrede an die Nation angekündigt, lediglich Teile seiner Macht aufzugeben. Dies löste jedoch neuen Zorn bei den Demonstranten auf den Straßen von Kairo aus.

Augenzeugen berichteten, am Freitag sei ein Hubschrauber vom Präsidentenpalast im Kairoer Stadtteil Heliopolis aus abgeflogen. Wenig später landete Mubarak offenbar im ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich. In seiner Rede am Donnerstagabend hatte er gesagt, er werde „Ägypten nicht verlassen, bis ich auf seinem Boden sterbe“.

Martin Gehlen und Stefan Koch