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22:09 20.08.2009
„Wissen Sie, wie ich die Farbe wegbekomme?“, hat am Donnerstag in Afghanistan mancher Wähler ängstlich gefragt – denn die Taliban haben Wahlteilnehmern mit einem Fingerabhacken gedroht. Viele Afghanen ließen sich dadurch nicht vom Urnengang abhalten.
„Wissen Sie, wie ich die Farbe wegbekomme?“, hat am Donnerstag in Afghanistan mancher Wähler ängstlich gefragt – denn die Taliban haben Wahlteilnehmern mit einem Fingerabhacken gedroht. Viele Afghanen ließen sich dadurch nicht vom Urnengang abhalten. Quelle: BANARAS KHAN/AFP
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Der Zeigefinger ist blauviolett gefärbt, das Kreuz auf beiden Stimmzetteln gemacht. „Ich habe für mich gestimmt“, sagt der 47-jährige Mohammed Ehsan, der in Kandahar für einen Sitz im 15-sitzigen Provinzrat antritt, und grinst etwas verlegen, „bei der Präsidentschaftswahl für Ashraf Ghani. Das kann ich beweisen.“ Der Vater von vier Söhnen und zwei Töchtern zückt zum Beweis das hypermoderne Mobiltelefon, mit dessen Kamera er die Stimmabgabe dokumentiert hat. Da zischt es über den Köpfen seiner Gruppe unheilverkündend. Bevor Ehsan, seine fünf mit Kalaschnikows bewaffneten Leibwächter und rund 20 getreue Begleiter Zeit finden, um Deckung zu suchen, schlägt die Rakete ein paar Hundert Meter vom Wahllokal in der Ahmed-Shah-Baba-Schule auf einem Militärgelände nahe dem Zentrum der südafghanischen Stadt Kandahar ein, tötet eine Person und verletzt drei weitere.

„Ach, die Bomben ...“, hatte Ehsan gelassen abgewinkt, als im Morgengrauen eine Stunde vor Öffnung der Wahllokale ein halbes Dutzend Explosionen die Wiege der Taliban erschütterte. Die gewalttätigen Islamisten unterfütterten nach Tagen der Einschüchterung ihre Drohungen zum Wahltag.

Nun wäre dem Mann, der während der vergangenen vier Jahre als Vize von Ahmed Wali Karsai, dem Bruder von Präsident Hamid Karsai, im Provinzrat saß, ein solches Geschoss tatsächlich beinahe zum Verhängnis geworden. Aber Ehsan kehrt so schnell es geht zur Tagesordnung zurück – immerhin ist es der Tag, an dem Afghanistan nicht nur das Staatsoberhaupt, sondern auch die Provinzräte wählt.

In seiner weitläufigen, blassgrün getünchten Wahlkampfzentrale warten schon wieder Männer, um ihm Nachrichten aus den entlegenen Dörfern zu überbringen. Am frühen Morgen, die Sonne kletterte gerade über die Berggipfel an der Grenze zum Nachbarland Pakistan, war der Führer des Paschtunenstamms Noorzai noch die Ruhe selbst gewesen. „Ich bin zu 90 Prozent sicher, dass ich wiedergewählt werde“, sagte da noch Ehsan, der von 1981 bis 1987 als illegaler Einwanderer mehrere Asyllager in Deutschland kennengelernt hat.

Doch heute wird er immer nervöser. Denn die Wahlbeteiligung ist niedrig. Gegen Mittag liegen erst zwischen 60 und 130 abgegebene Stimmen in den durchsichtigen Plastikurnen, die 600 Wahlzettel aufnehmen sollen. „Das ist schlecht für mich“, sagt Ehsan. Die Zigaretten reichen nicht mehr aus, nun knabbert er auch noch am Fingernagel. Wütend hatte er vor zwei Wochen ein Angebot von Mitarbeitern der Wahlkommission ausgeschlagen. 1000 Euro, so eröffneten sie ihm unverblümt, koste es, eine Urne zu seinen Gunsten mit 600 Stimmzetteln zu füllen. 400 Euro billiger werde es, so die Offerte, wenn Ehsan die nötige Zahl von Wahlausweisen beisteuere. In Kandahar wurden diese Papiere zuletzt zum Stückpreis von einem Euro verschleudert.

Statt mit Stimmenkauf versuchte Ehsan seine Wiederwahl mit der Mobilisierung junger Wähler in der Provinz Kandahar zu bewerkstelligen. Doch viele von ihnen scheinen angesichts der Raketen, die in unregelmäßigen Abständen in der Stadt einschlagen, lieber zu Hause zu bleiben. „Die Sicherheit ist nicht gut“, sagt der 32-jährige Bari. Er hat in das Wahllokal Zahir Shahid gefunden, in dem am frühen Morgen schon bei der Eröffnung halb gefüllte Stimmurnen beschlagnahmt werden mussten.

Bari kam zu Fuß zum Wahllokal. Die Stadt ist aus Sicherheitsgründen für Autos ohne Passierscheine gesperrt. An jeder Straßenecke stehen Polizisten. Soldaten in Panzerfahrzeugen haben strategische Punkte besetzt. Aber sie können die Raketen nicht stoppen, die in unregelmäßigen Abständen einschlagen. Ein Geschoss explodiert in der Nähe des Hauses von Wali Karsai, dem Präsidentenbruder. Ein kleines Mädchen stirbt, die Mutter erleidet schwere Verletzungen.

Afghanistans Medien schweigen die gewaltsamen Zwischenfälle im gesamten Land tot. Die Regierung hat ihnen verboten, während der Wahl über den Krieg zu berichten, der auch am Donnerstag weiterging. Aber in Kandahar brauchen die Bewohner weder Radio noch Fernsehen, um zu wissen, dass es auf den Straßen gefährlich sei kann. Der Donner der Explosionen ist gut hörbar. Über Mobiltelefon spricht sich herum, dass ein Selbstmordattentäter bei der Mirwais-Schule festgenommen wurde. Ein weiterer sprengt sich in die Luft, verletzt aber niemanden.

Der 32-jährige Bari, der in Zahir Shahid gewählt hat, bekommt es mit der Furcht vor der eigenen Courage zu tun, kaum dass er das Wahllokal verlässt. „Wissen Sie, wie ich die Farbe wegbekomme?“, fragt der Lehrer und hält den mit unlöslicher Tinte markierten Zeigefinger hoch. „Ich habe Angst!“ Die Taliban-Milizen tauchten in den vergangenen Tagen im Zentrum von Kandahar auf und drohten, Wählern die markierten Finger abzuschneiden.

Mohammed Ehsan plant in seinem Büro das Mittagessen für seine Mannschaft. „Die Taliban können nicht mehr anstellen“, beruhigt er seine Mitarbeiter, „die Armee hat vor zwei Wochen einen Ring rund um Kandahar gezogen. Da kommt niemand durch.“ Das Mobiltelefon klingelt. Die aufgeregte Stimme eines seiner Wahlbeobachter ist zu hören. „Gran“ lautet dessen Spitzname, der „Süße“. „Wir haben Deckung in einer Schule gesucht“, brüllt es aus dem Telefon.

Gran verstummt, und dann ist nur das Stakkato von Schnellfeuergewehren zu hören. Etwa zwei Dutzend Polizisten verteidigen das Wahllokal gegen eine Gruppe Taliban-Kämpfer. „Schickt Hilfe!“, brüllt Gran, und wieder ist wieder das Hämmern von Schüssen zu hören. „Hilfe ist unterwegs“, versucht Ehsan den aufgeregten Gran zu beruhigen. Das Wahllokal, an dem geschossen wird, liegt nur einen Kilometer Luftlinie von Ehsans Büro entfernt, doch es dauert ein halbe Stunde, bis die Taliban angesichts der anrückenden Polizei Reißaus nehmen.

Später tritt im Garten seines Hauses Ahmed Wali Karsai vor die Kameras. „Wir haben ein paar Herausforderungen bei der Sicherheit“, sagt der Bruder des Präsidenten, „aber wir freuen uns über die hohe Wahlbeteiligung.“ Hohe Wahlbeteiligung? Wali Karsai verweist auf Zahlen aus den Distrikten. Es sind Orte, die Beobachter schon vor dem Wahlgang als Stätten möglichen Betrugs ausmachten. „Selbst in Maiwand“, sagt Wali Ahmed Karsai, „sind sehr viele Leute gekommen.“ Der von den Taliban infiltrierte Distrikt wurde schon bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2004 berühmt, weil dort viele Frauen ihre Stimmen abgaben, die nie im Stimmlokal erschienen.

Die Wiederwahl von Präsident Hamid Karsai gilt als ausgemacht, Mohammed Ehsan muss dagegen um seine Wiederwahl bangen. Er schüttelt den Kopf, während er Wali Karsais Worten im Fernsehen lauscht. Denn er ist dessen Gegenspieler. Wali Karsai soll die Finger im Opiumhandel haben, Ehsan gilt als sauber. Deshalb wählte er nicht den amtierenden Präsidenten, sondern den Gegenkandidaten Ashraf Ghani.

Ehsan schaut auf die Uhr. In wenigen Minuten werden die Wahllokale schließen, und dann geht das Bangen los. Wenn Ehsan Glück hat, wird er um Mitternacht wissen, ob er es geschafft hat – inoffiziell jedenfalls. Vielleicht aber wird er auch bis heute Abend warten müssen.

von Willi Germund

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