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Deutschland / Weltweit La Ola der Politik
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00:15 05.09.2013
Von Imre Grimm
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Berlin

Am Ende, als die Schlacht geschlagen ist, als die Einflüsterer ausschwärmen, um ihren Kandidaten zum Sieger zu erklären, gibt es keinen Geldkoffer und kein Konfetti, stattdessen: Leere. Das soll’s also gewesen sein? Diese koffeinfreien 90 Minuten sollen die Basis bilden für eine Wahlentscheidung, die über den Kurs eines 80-Millionen-Volkes und die Statik eines Kontinents entscheidet? Die eine, Angela Merkel, sagt im Kern kaum mehr als: „Sie kennen mich, ich komme zurecht. Schönen Abend.“ Der andere, Peer Steinbrück, sagt sinngemäß: „Keine Bange, ich krieg’ das hin. Danke sehr.“

Und im Anschluss diskutieren Paul Breitner, Ingo Appelt, Rebecca Mir, Michel Friedman und Alice Schwarzer über – tja, was? Politik? Sport? Klatsch? „Herr Breitner“, fragt Günther Jauch in der ARD, „hatte dieses Duell Champions-League-Format?“ Es ist der Versuch der politischen Meinungsbildung mit den Mitteln der Fußballberichterstattung. Fehlte nur noch der Duell-Livereporter („0:0 nach 20 Minuten, Steinbrück kommt von links, aus der Mitte müsste Merkel parieren – und da kommt der Satz...!“)

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Worthäppchen wie welke Wurstbrötchen

Nein, das TV-Duell war keine Sternstunde der Demokratie. Nicht bloß, weil von 34 Parteien nur zwei vertreten waren. Nicht bloß, weil das Land 24 Stunden später über eine Halskette diskutiert statt über Rente, Bürgerrechte, Bildungsnotstand. Sondern weil keiner der beiden Kontrahenten auch nur den mickrigsten Versuch unternahm, freundlicherweise anzudeuten, mit welchen Mitteln genau er die Probleme der Gegenwart zu lösen gewillt ist. „Die Menschen machen sich Sorgen über X und Y“, zählte Steinbrück gewissenhaft auf. Korrekt. Und jetzt? „Es ist noch viel zu tun“, sagte Merkel. Das stimmt. Und was genau?

17,64 Millionen Zuschauer sahen zu – kein Rekordwert, aber eine stolze Zahl. Stellen wir uns kurz vor, diese 17,64 Millionen hätten die beiden Bewerber am Sonntag zum allerersten Mal gesehen. Es besteht kein Anlass zu der Annahme, sie wären mit dem personellen Angebot zufrieden gewesen. Merkel wirkte streckenweise so desinteressiert wie der FC Bayern in der ersten Pokalrunde. Und Steinbrück rettete sich über die ersten Minuten mit belegten Worthäppchen, unschön wie welke Mortadellabrötchen. Die Schwerblütigkeit der Sendung ist nicht allein den Kandidaten anzulasten. Sondern dem zähen Format und dem Konsensfetisch im deutschen Fernsehen.

Nur einer brachte Leben in die Bude. Stefan Raab erstaunte diejenigen, die den Mann zuletzt 1994 gesehen hatten. Nur er, der Quereinsteiger, traute sich, die Kanzlerin zu unterbrechen, die den Pro7-Mann stellenweise ansah, als wünsche sie ihm die GSG9 auf den Hals. Nur er gab Kontra, als sie bei der Pkw-Maut eierte („Endlich! Das hätten wir auch kürzer haben können“) und Steinbrück bei der Koalitionsfrage („Das ist doch keine Haltung zu sagen: Ich will nur gestalten, wenn ich ,King of Kotelett‘ bin!“). Nicht Raab war der Fremdkörper, sondern Peter Kloeppel. Nicht Maybrit Illner erwarb sich Fleißpunkte, sondern Anne Will, ebenfalls Duellneuling.

Rohmasse für Spaß auf zweitem Schirm

„Bild“ rief Erzfeind Raab prompt zum „Sieger“ aus. Was verrät das über die politische Kultur im Land? Es zeigt, dass Irritation not tut im politisch-medialen Alltag. Dass sich die Etablierten im Talkshow-Einerlei allzu kuschelig eingerichtet haben. Dass das Publikum Strenge und Disput nicht nur aushält, sondern verlangt. Dass es dankbar ist für jeden, der die sattsam bekannte Fernsehroutine durchbricht.

In ihrer Not haben sich die Zuschauer daran gewöhnt, selbst Funken zu schlagen aus dem kalten Stein des öffentlichen Medienangebots. Bei Twitter und auf Facebook war das Duell nur die Rohmasse, aus der sich Hunderttausende ihr eigenes Event schufen. Es ist wie beim Fußball, wenn das Publikum auch bei einem miesen 0:0-Kick im Nieselregen sich selbst mit „La Òla“-Wellen feiert. Twitter ist inzwischen mehr als die Raucherecke des Internets. Es ist die „La Òla“-Welle der politischen Öffentlichkeit.

Wahlkampf soll pointieren, soll Positionen betonen und Unterscheidungsmerkmale herauskitzeln. Das TV-Duell aber hat vor allem eines gezeigt: dass die Kuschelrepublik Deutschland, in der die Parteigrenzen verschwimmen, in der Politik und Entertainment sich derselben Mittel bedienen, in der „Bild“-Leute zum „Spiegel“ wechseln und Fußball und Wahlkampf mit dem gleichen Vokabular verhandelt werden, dringend den Mut zu Reibung, Zuspitzung und Trennschärfe braucht. Das Rezept könnte sein: mehr Raab wagen.

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