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Deutschland / Weltweit Barack Obama erfindet sich neu
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16:16 07.09.2012
Barack Obama kämpft in Charlotte um die Wiederwahl zum Präsidenten. Quelle: dpa
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Charlotte

 Präsidententochter Malia Obama rutscht ein wenig gelangweilt auf ihrem unbequemen Klappstuhl in der ersten Reihe vor der Bühne hin und her. Kein Wunder: Gelegentlich mal abzuschalten, wenn Papa einen Vortrag hält, ist normal für eine 14-Jährige. Doch auch bei den anderen 20.000 in der Arena in Charlotte springt der Funke anfangs nicht richtig über, als Barack Obama eine der wichtigsten Reden seiner Karriere hält. Der Applaus klingt müde. Wo ist die Magie der zwei vorangegangenen Nächte hin, als First Lady Michelle Obama die Halle verzauberte, Bill Clinton die Menge aufwühlte?

Es dauert eine halbe Stunde, bis Obama plötzlich den Schalter umlegt - von seiner Standard-Wahlkampfrede zum leidenschaftlichen Appell. „Ich bin hoffnungsvoll wegen Euch", ruft er den Menschen zu. Der Jubel schwillt an. Er ist plötzlich wie ausgewechselt, schlägt die Hand aufs Rednerpult, bewegt seinen zuvor starren Oberkörper nun im Takt der Worte. „Wir kehren nicht um. Wir lassen niemanden zurück. Wie ziehen einander hoch", brüllt er mit voller Stimme gegen das begeisterte Gekreische seiner Anhänger an. Das ist der Obama, den sie 2008 euphorisch ins Weiße Haus geschickt haben.

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Diese kraftvollen fünf Minuten am Schluss müssen reichen, um den Amtsinhaber den entscheidenden Schub zum Wahlsieg zu geben. Sie haben die Zuschauer überzeugt. „Das war sehr inspirierend", jubelt Alex Zilka (30) aus Chicago unmittelbar nach der Ansprache. „Einfach super", sagt der 15-Jährige Patrick Grace aus Charlotte wie aus der Pistole geschossen. „Er will das Beste für die Menschen, das merkt man." Der Lieblingssatz von Nan Bernardo, einer älteren Dame aus New Jersey: „Wir schaffen das gemeinsam."

Vielleicht hätte alles viel besser gewirkt, wenn die geplante Choreographie geklappt hätte. Eigentlich war der Auftritt vor mehr als 70.000 Obama-Fans im Stadion vorgesehen, doch die Angst vor Gewitterstürmen verhinderte das kurzfristig. So bestand das Publikum fast nur aus Delegierten und Gästen, die nach drei Tagen Convention müde waren und in der überfüllten Arena an Frischluftmangel litten. Hier fehlten sogar die obligatorischen Luftballons, die sonst zu Tausenden von der Decke schweben und Partystimmung erzeugen.

Nach der Rede bleibt das Gefühl, dass Obama sich rechtzeitig vor der Wahl neu erfinden will. Er mag nicht mehr der Messias sein, zu dem er vor vier Jahren erklärt wurde. „Die Zeiten haben sich geändert - und ich mich auch", sagt er und gesteht, dass er es allein nicht schafft, „Hoffnung und Wandel" in die Welt zu bringen. Aber: „Ihr könnt es möglich machen", ruft er. Die Bürger hätten eine klare Wahl zwischen ihm, der die Tür dafür öffnen könne und Mitt Romney, der sie versperren wolle. Den hassen sie hier. Wann immer sein Name fällt beim Parteitag, wird die Stimmung im Saal aggressiv, wird laut gebuht und geschimpft. Letztlich ist es im November eine Anti-Romney-Wahl.

Obama nutzt die Stimmung und verknüpft seine Bitte um vier weitere Jahre mit der Warnung, dass der Republikaner die USA sozial wie außenpolitisch in dunkle Zeiten zurückwerfen würde: "Wenn Ihr Euch jetzt abwendet, wenn Ihr jetzt dem Zynismus nachgebt, dass der Wandel, für den wir gekämpft haben, nicht möglich ist, dann wird er auch nicht kommen." Es ist eines seiner stärksten Argumente für die Wiederwahl. In der Arena wirkt es: "Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit", findet die New Yorkerin Mazeda Uddin.

Doch ob die „leidenschaftliche Verteidigung" ausreicht, wie die „Washington Post" seine Rede für die Wahl bezeichnet, ob die „Verkleinerung des Traums von 2008" (Politico) auch bei unentschlossenen Wählern wirklich die richtige Strategie war, wird sich erst am 6. November zeigen. Schon Stunden später am Freitag zeigen die neuesten Jobzahlen, dass Tiefstapeln vielleicht die einzige Möglichkeit für Obama ist - die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, seine Angriffsfläche dadurch groß.

dpa