Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit „Dann sagen wir einfach Danke"
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit „Dann sagen wir einfach Danke"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:22 09.11.2009
„Das Glück der Freiheit“: Kanzlerin Angela Merkel überquert mit Michail Gorbatschow (links) und Lech Walesa (Mitte) den ehemaligen Grenzübergang an der Bornholmer Straße. Quelle: ddp
Anzeige

Vom Bahnhof Friedrichstraße am Spreeufer entlang, über die Wilhelmstraße, dann noch ein Stück Spree, hinüber zum Reichstag und zum Brandenburger Tor. Man hat sich daran gewöhnt in Berlin, die Strecke zu gehen oder zu schlendern, je nach Anlass. Vor zwanzig Jahren ist das nicht möglich gewesen, weil da auf einmal eine Mauer stand und gestern am Montag auch nicht, weil da wieder eine Mauer stand.

Aber die Mauer hat diesmal nicht quergestanden, quer zu allem, quer zur Menschlichkeit, quer zu den Wegen der Menschen. Die Mauer hat diesmal auf Lücke gestanden, bunt bemalt in ihren Einzelteilen, und eigentlich zum Durchgehen geeignet. Aber man sollte es nicht, den ganzen Tag über nicht, weil „der Fall der Mauer“ diesmal kein geschichtliches Ereignis war, sondern ein Kunstereignis. Am Abend, ungefähr um die Stunde, da am 9. November 1989 der legendäre Halbsatz „sofort, unverzüglich“ ausgesprochen wurde, fiel die Mauer noch einmal, live übertragen in viele Länder der Erde, auf dekorative Weise.

Anzeige

Berlin ist eine Stadt, in der Pathos und Nüchternheit ganz nah beieinander liegen. An diesem Tag der Erinnerung hat, was kaum verwunderlich ist, das Pathos bei Weitem überwogen. Der Bundespräsident in seinem Amtssitz ist ebenso wenig ausgekommen ohne Gefühle wie die Kanzlerin bei ihrem Spaziergang über die Brücke an der Bornholmer Straße. Die Bundesregierung und der Berliner Senat hatten es sich fein ausgedacht, die Schwerpunkte der Feiern dorthin zu legen, wohin auch vor zwanzig Jahren die Menschen strömten. Eine Stadt ist scheinbar in eine Zeitschleife geraten.

„Macht das Tor auf!“, brüllt ein Enddreißiger voller Ungeduld über die Köpfe der Wartenden hinweg, die sich im Nieselregen vor dem Eingang zur S-Bahn-Station Bornholmer Straße drängen. Die Polizisten grinsen und halten das Absperrgitter noch ein wenig fester. Doch vor dem Bahnhof – aus Sicherheitsgründen gesperrt, weil kurz zuvor die politische Prominenz den Brückenschlag zwischen den Stadtteilen Wedding (West) und Prenzlauer Berg (Ost) gefeiert hatte – lässt sich, ohne dass es die polizeiliche Regie geplant hätte, durchaus etwas von der Stimmung an jenem Tag vor 20 Jahren erahnen.

Irgendwann gibt der Beamte nach. „So, nun könnt ihr passieren“, sagt er, und die Besucher schieben sich auf die Bahnsteige einer Station, die fast drei Stunden lang wieder in den Dämmerzustand jenes Geisterbahnhofs zurückfiel, der sie vom Mauerbau 1961 bis zu deren Fall 1989 war. Bundespolizisten bewachen die Bahnsteige; die S-Bahnen fahren ohne Halt durch. Oben drängen sich derweil weit mehr als 3000 Berliner im Novembernebel, um Bundeskanzlerin Angela Merkel, den früheren polnischen Staatspräsidenten und Solidarnosc-Mitbegründer Lech Walesa, den ehemaligen sowjetischen KP-Chef Michail Gorbatschow und etwa 100 ehemalige DDR-Bürgerrechtler wie Marianne Birthler, Wolf Biermann, Stephan Krawczyk und Joachim Gauck zu sehen.

„Ganz so ordentlich wie sonst auf diplomatischen Empfängen geht es ja hier nicht zu“, scherzt die Kanzlerin, die auch am 9. November 1989 im Strom ihrer Landsleute den damaligen Grenzübergang Bornholmer Straße nutzte, um etwas vom Westen zu sehen. „Bevor das Glück der Freiheit kam, haben viele gelitten“, sagt Merkel. Walesa, der dem Regen mit wollener Schiebermütze trotzt, dankt sie dafür, dass er gerade die Arbeiter, „für die die Kommunisten meinten zu sprechen“, in die Opposition zum Regime geführt habe. Und Gorbatschow lobt sie dafür, dass er „etwas geändert hat, damit sich bei uns etwas ändern konnte“. „Gorbi!, Gorbi!“-Rufe schallen über die Brücke, andere rufen „Solidarnosc!, Solidarnosc!“. Der 9. November sei nicht nur ein Feiertag für Deutschland, sondern für ganz Europa, merkt Merkel noch an. „Dann sagen wir einfach Danke, dass viele uns auf diesem Weg geholfen haben.“

Im S-Bahnhof Bornholmer Straße erinnert eine kleine Fotoausstellung an die Grenze zwischen Ost und West. Merkel und ihre Gäste werfen einen Blick auf die Schwarz-Weiß-Fotos. Heute fährt die Straßenbahn wieder über die stählerne Brücke. Erinnerungen an die Mauer drängen sich ansonsten nicht mehr auf; wo der Osten aufhört und der Westen beginnt, ist nicht mehr auszumachen. Zwei Gedenktafeln aus Bronze finden sich dort, wo einst die DDR-Wachhäuser standen. Die Mauer selbst ist auch noch da. Überwuchert von Gestrüpp und besprüht mit Graffiti duckt sie sich als kleiner Rest am Fuße der Brücke weg. Bereits nach etwa 30 Minuten eilt die Regierungschefin zum nächsten Termin, dem Empfang beim Bundespräsidenten. Auch vor 20 Jahren hatte sich Merkel nicht der ausgelassenen Freude hingegeben. Am Montagmittag, bei der „Falling Walls Conference“ der Einstein-Stiftung hatte sie berichtet, es bei einer Stippvisite in den Westen belassen zu haben. Sie habe damals im Zentralinstitut für Physikalische Chemie gearbeitet. Und da wollte sie doch „ordentlich“ am nächsten Tag in aller Frühe mit ihrer Arbeit beginnen und „nicht gleich mit dem Kopf auf den Schreibtisch sinken“.

Mit Regenschirmen bewehrt drängeln sich Tausende rund um Reichstag und Brandenburger Tor, um den Fall der bunten Domino-Mauer zu verfolgen. Fernsehleinwände ziehen die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich, die hier auch US-Außenministerin Hillary Clinton zu sehen bekommen, die von Merkel schon am Morgen im Kanzleramt empfangen worden war. Der Prominentenauftrieb ist beträchtlich, Dmitri Medwedew ist da, auch Nicolas Sarkozy. Nur wenige können sich der Bilderflut entziehen und finden den Weg zu ruhigeren Plätzen. Dort, wo kleine weiße Holzkreuze an Marinetta Jirkowski erinnern, die am 20. November 1980 an der innerstädtischen Grenze zu Tode kam. Oder an Chris Geoffroy, den am 5. Februar 1989 die Kugel eines NVA-Schützen traf.

Der Jahrestag des Mauerfalls hat auch eine melancholische Note. Zwei 40-jährige Männer aus Dresden stehen mit einem frisch gezapften Bier an der Außenmauer des Reichstags und blicken mit ernster Miene auf das turbulente Treiben direkt an der Spree. Die beiden Tischler arbeiten auf einer kleinen Baustelle am nahegelegenen Potsdamer Platz und haben sich eine Stunde freigenommen, um die Feier aus nächster Nähe zu beobachten. „Damals am 9. November“, erzählt der eine Geselle, „haben wir uns in den Armen gelegen und gejubelt.“ Später habe er mit einer gewissen Traurigkeit auf den DDR-Zusammenbruch geblickt. Nicht, weil er der DDR hinterhergetrauert habe. „Nein“, sagt der Handwerker, „aber damals ist auch ein Teil unseres Lebens zu Ende gegangen.“

Von Alexander Dahl
 und Stefan Koch

Reinhard Urschel 10.11.2009
Deutschland / Weltweit Wachstumsbeschleunigungsgesetz - Zustimmung bei Unions-Fraktion
09.11.2009