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Deutschland / Weltweit Das Volk liebt die Bienen
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10:01 19.02.2019
Süß, fleißig, wohlgelitten: Die Biene wird zum neuen Symboltier der Deutschen. Quelle: iStock
München

Die Sonne blitzt auf die Bienenkisten im Garten von Claudio Casanova. Die ersten Tiere wagen hier im südlichen Münchner Stadtteil Forstenried einen kleinen In­spektionsflug, verkriechen sich gleich wieder. „Da drin schmiegen die sich eng aneinander“, sagt der Imker. Bienen sind empfindsame Tiere. Casanova übt sich in Geduld: „Bis Ende März mache ich keine Kiste auf, die brauchen noch Ruhe.“

Den Wirbel, der in den letzten Wochen in Bayern um sie gemacht wurde, haben die Bienen verschlafen. Sie haben Wintertrauben gebildet und gegen die Kälte angezittert. Die Menschen aber stellten sich bei Minusgraden und Eiseswind in langen Schlangen vor den Rathäusern an, um sich für das Volksbegehren mit dem Titel „Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern – Rettet die Bienen!“ einzutragen. Es ist eine Bienenmassenbewegung daraus geworden, die die Landesregierung mehr als nur irritiert.

„‚Rettet die Bienen‘ – der Slogan ist hervorragend“, meint Claudio Casanova. Auch wenn es gar nicht um seine Honigbienen geht. Den Honigbienen geht es nämlich so gut wie lange nicht. Das Wort vom „Bienensterben“ hat sie gerettet. Eine stetig wachsende Zahl von Freizeitimkern kümmert sich seit seinem Aufkommen um eine stetig wachsende Zahl von Bienenvölkern. Es geht um die anderen, all die wilden Bienen, die vom Aussterben bedroht sind.

“Biene ist ein Gefühl“: Hobbyimker Claudio Casanova versteht seine Völker. Quelle: Patrick Guyton

Mehr als die Hälfte der rund 580 Bienenarten in Deutschland steht auf der roten Liste. Damit ist auch das ökologische Gleichgewicht in Gefahr: Denn die wilden Bienen sind genauso wertvolle Arbeitstiere wie die Honigbienen. Nur zu anderen Zeiten, bei anderen Temperaturen, für andere Pflanzen. Im Obst- und Gemüsebau sind sie unersetzlich. Wie zig andere Arten, die das Volksbegehren bewahren will: Schmetterlinge, Libellen, Käfer, Hummeln. Aber hätte man einen ähnlichen Erfolg erzielt, wenn man zur Rettung der Schnarrschrecke oder des Eichenheldbocks aufgerufen hätte?

Casanova, bayerischer Halbitaliener, Programmierer und Hobbyimker mit zehn Völkern, bringt die deutsche Befindlichkeit auf den Punkt: „Biene ist ein Gefühl.“

Die summende Biene ist das Symboltier des heimischen Tierlebens, so wie der Pandabär das Symbol des Artensterbens ist, der Eisbär des Klimawandels, die Taube der Friedensbewegung.

18,4 Prozent der Wahlberechtigten haben sich in zwei Wochen in die Unterschriftenlisten des Volksbegehrens eingetragen. Wenn fast jeder fünfte Wahlberechtigte unterschreibt, ist ein Nerv getroffen.

Bienchen summ herum: Zu den großen Demonstrationen für das bayerische Volksbegehren zur Artenrettung erscheinen die ganz Eifrigen im Bienenkostüm. Quelle: imago

Diese Bürger – 29,6 Prozent, nur zum Vergleich, haben bei der letzten Landtagswahl CSU gewählt – lassen sich nicht ignorieren. Die Parteien der sogenannten bürgerlichen Mitte kommen um das Thema Artenvielfalt nicht mehr herum. Die Rettung der Biene und damit die Ökologie überhaupt ist fest verankert im politischen Bewusstsein.

Als historisch feiern die Macher des Volksbegehrens ihren Triumph. 1. 745 .383 haben unterschrieben – fast doppelt so viele wie nötig. Selbst im oberfränkischen Hof, wo es die wenigsten Unterschriften gab, wurde die Zehn-Prozent-Hürde übersprungen.

Noch nie hat ein Volksbegehren einen solchen Zulauf gehabt. Entsprechend überschlugen sich die Jubelrufe. „Wow“, „Hammere rgebnis“ „Wahnsinn“ oder „Gewonnen!“, twitterten die Unterstützer. Ludwig Hartmann, Fraktionschef der Grünen, schrieb: „Ich verneige mich vor den Bürgerinnen und Bürgern in Bayern.“ Selbst der britische „Guardian“ berichtete und zeigte bayerische Aktivisten im Bienenkleid.

Ist das Thema bei der CSU angekommen?

Die Zeiten, in denen man sich in konservativen Kreisen über die, die Kröten über die Straße tragen, lustig gemacht hat, sind vorbei. Aber hat das Umweltthema auch die regierende CSU wirklich erreicht?

„Das ist mir noch nicht klar“, sagt Josef Göppel. Der 68-jährige ehemalige Bundestagsabgeordnete und ausgebildete Förster – heute im Entwicklungsministerium Energiebeauftragter für Afrika – ist so etwas wie der grüne Widerhaken der Partei. Der Mittelfranke war Schirmherr des Volksbegehrens. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nimmt er ab, dass dieser beim Umweltschutz umdenkt – ob dies aber Überzeugung oder politischem Kalkül entspringe, sei eine andere Frage.

„Die Landtagsfraktion stellt sich tot“

Einige CSU-Lokalpolitiker haben sich in die Liste eingetragen, der Ortsverband München-Bogenhausen hat sich öffentlich dahintergestellt. Doch der „Mittelbau“ der Partei, wie es Göppel nennt, habe weiterhin eine „ideologische Sperre“. Und die Landtagsfraktion „hat sich totgestellt“.

Aus seiner CSU hat Göppel für seinen Einsatz keine Rückmeldung erhalten. Weder Lob noch Kritik, einfach gar nichts. Das Thema sei für die Partei aber überlebenswichtig: „Wenn die CSU den Umweltschutz jetzt nicht ernst nimmt, werden die Grünen in Bayern die neue Volkspartei sein.“

Göppel sitzt mit am von Söder für diesen Mittwoch einberufenen Runden Tisch. Da will er eine Lösung für die Landwirte erreichen, damit diese für neue Umweltmaßnahmen genauso viel Geld bekommen wie zuvor. Söder will angesichts der verhärteten Fronten zwischen den Organisatoren des Volksbegehrens und dem größten Gegner, dem Bauernverband, vermitteln. „Wir brauchen am Ende ein Ergebnis, das den Artenschutz verbessert, ein Höfesterben verhindert und alle versöhnt“, sagt Söder.

Bayern macht Bienen-Schule – auch im Bund

Was die Bayern können, können wir auch – denken sich Naturschützer in der ganzen Republik. In vielen Bundesländern starten Initiativen, die alle ein Ziel haben: Bienen retten. Und andere nützliche Insekten gleich mit.

Der Naturschutzbund Nordrhein-Westfalen erwägt ein Volksbegehren nach bayerischem Muster. In Brandenburg kündigen die Umwelt- und Naturschutzverbände BUND und Nabu eine Volksinitiative an. Noch im Frühjahr soll sie auf den Weg gebracht werden. In Mecklenburg-Vorpommern hat Agrarminister Till Backhaus (SPD) Landwirte und Imker aufgefordert, besser zusammenzuarbeiten; Landnutzer müssten mehr für den Schutz der Insekten tun.

Sogar Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat jüngst in Münster angekündigt, „umfassend dafür zu sorgen, den Insektenrückgang aufzuhalten und neue Lebensräume zu schaffen“. Sie will ein Insektenschutzgesetz auf den Weg bringen, als Teil des „Aktionsprogramms Insektenschutz“ des Umweltministeriums, das am Freitag zur Abstimmung ins Agrarministerium gegangen ist. Die Bundesregierung soll sich mit dem Aktionsprogramm für die Verbesserung der EU-Naturschutzfinanzierung einsetzen. In der „BamS“ forderte Schulze zudem, die Forschung zum Insektenschutz mit zusätzlichen 100 Millionen Euro im Jahr zu fördern.

Streitpunkt
mit dem CDU-geführten Agrarministerium werden womöglich die von der Sozialdemokratin geforderten „klaren Vorgaben für eine umwelt- und naturverträgliche Anwendung von Pestiziden“ und für eine „deutliche Reduzierung“ von Pestiziden und anderen Schadstoffen sein. Im April will die Ministerin das Programm im Kabinett vorlegen.

Das Thema ist kein exklusiv bayerisches, auch wenn der Bayer in besonderem Maße zum Stolz auf seine Natur neigt und der Landwirtschaft hier ein besonderer Nimbus zukommt. „Nicht nur in Bayern, sondern auch auf Bundesebene müssen die agrarpolitischen Rahmensetzungen so erfolgen, dass die landwirtschaftlichen Betriebe umweltverträglich Nahrungsmittel und nachwachsende Rohstoffe erzeugen können“, fordert BUND-Chef Hubert Weiger.

Es gibt mehrere Untersuchungen, die Ausmaß und Konsequenzen des Insektensterbens deutlich machen. Die sogenannte Krefeld-Studie etwa hat Ende 2017 belegt, dass die Masse der Fluginsekten in Deutschland über 27 Jahre hinweg um 75 Prozent zurückgegangen ist. Der WWF kam zu dem Ergebnis, dass wir gerade das „größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier“ erleben. Die Bienen als Bestäuber gelten als drittwichtigstes Nutztier nach Rind und Schwein. Und: Mit den Insekten verschwinden auch andere Arten; heute leben in Bayern nur noch halb so viele Vögel wie vor 30 Jahren.

Wer die Bienen retten will, kann schon viel im eigenen Garten und auf dem eigenen Balkon tun. Ein Notfallplan:

Die wichtigsten Änderungen des Naturschutzgesetzes, wie sie das Volksbegehren vorsieht, zielen auf Verpflichtungen, wo man bisher auf Freiwilligkeit baut. So sollen etwa blühende Uferstreifen an allen Bächen frei gehalten werden. Ein Biotopverbund soll entstehen, Hecken und Bäume sollen erhalten und zehn Prozent aller Wiesen in Blühwiesen umgewandelt werden. Den Naturschutz wollen die Unterstützer in die Ausbildung von Land- und Forstwirten mit aufnehmen. Und schließlich soll der Anteil des Öko-landbaus bis 2030 auf 30 Prozent steigen, eine Verdreifachung gegenüber heute.

Mit dem Volksbegehren sind die Bürger zu Experten geworden. Sie diskutieren über Gewässerrandstreifen, das Walzen von Wiesen im Frühjahr oder Beleuchtungsanlagen in der Nähe von Biotopen. Auch in Starnberg und Umgebung, bekannt für eine hohe Dichte an Millionären, SUV-Fahrern und FDP-Wählern. Protestiert wird hier normalerweise nur, wenn etwas gegen das ganz eigene Interesse steht. Etwa Windräder, die den Blick auf den See verschandeln. Doch nun ist der Landkreis Starnberg beim Volksbegehren bayernweit spitze – 27,7 Prozent der Bürger haben sich eingetragen, so viele wie sonst nirgends.

Auch blaublütige Unterstützung haben sie bekommen. Auguste von Bayern aus der Familie der Wittelsbacher, dem einstigen Herrschergeschlecht, verlangt, für den Artenschutz „endlich alle gemeinsam stärkere Maßnahmen zu ergreifen“. Die 39-jährige promovierte Vogelforscherin, wohnhaft in einem Schloss bei Starnberg, fragt: „Wie sollen wir dem massiven Artensterben auf der Welt begegnen, wenn wir nicht zu Hause mit gutem Beispiel vorangehen?“

Eine winzige Öko-Partei mit Siegererfahrung

Es passt, dass die winzige Ökologisch-Demokratische Partei dieses Volksbegehren angestoßen und mit zum Erfolg gebracht hat. Als „bürgerliche Ökos“ bezeichnet die bayerische Vizevorsitzende ihre Partei, für die 1,6 Prozent bei der Landtagswahl stimmten. „Wenn wir was können, dann ist es Volksbegehren“, sagt Agnes Becker, Tierärztin und Nebenerwerbslandwirtin aus dem Bayerischen Wald. Schon zwei Mal hat die Partei so etwas organisiert: Der Senat in Bayern hat deshalb seine kostspielige zweite Parlamentskammer verloren – und ein rigides Nichtrauchergesetz trat in Kraft. „Wir sind im besten Sinne konservativ“, behauptet Becker jetzt, „uns geht es um das Bewahren der Natur.“

Über die Natur der Bienen macht sich Hobbyimker Claudio Casanova in München seine eigenen Gedanken. Dass ausgerechnet seine Tierchen zum Maskottchen wurden, macht ihn schon stolz, auch wenn er „keine große emotionale Beziehung“ zu ihnen aufbauen will. Sommerbienen leben sechs Wochen, erzählt er, Winterbienen sechs Monate, Königinnen bis zu sechs Jahre. Männchen sterben direkt nach der Paarung oder werden von den Weibchen rausgeworfen und dem Tode ausgeliefert. Und wenn die Königin nicht mehr genug Nachwuchs produziert, jagt das Volk sie davon.

Die Republik entdeckt ihre Liebe für die Bienen, der Imker sagt: „Es ist schon ein ziemlich raues Pack.“

Lesen Sie auch: Bauernverband fordert Beteiligung der Landwirte beim Bienenschutz

Von Dominik Baur und Patrick Guyton/RND

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