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Deutschland / Weltweit New York und der Triumph des Radikalen
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00:15 08.11.2013
Von Stefan Koch
Bill de Blasio bejubelt seinen Sieg in New York. Quelle: dpa
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New York

Wer in New York lebt, der lebt radikal. Und wählt radikal. Radikal „law and order“, als die Stadt im Sumpf der Kriminalität zu versinken drohte. Radikal „business“, als der Koloss am Hudson wie ein marodes Unternehmen wirtschaftlich unterzugehen drohte. Und jetzt, wo die Stadt weitgehend befriedet und weitgehend saniert ist, wählt New York radikal liberal. Bill de Blasio, ein Linker, ein politischer Außenseiter, vor drei Monaten wenig mehr als eine interessante Randerscheinung, ist der neue Bürgermeister von New York. Haushoch hat er diese Wahl gewonnen. Mit einem Wahlprogramm, dass eine, ja, radikale Abkehr von der Wall-Street-Mentalität seines Vorgängers Michael Bloomberg verspricht.

Und mit einer Familie, die in sich schon eine Botschaft ist. Sohn Dante mit der Afrofrisur der 70er Jahre, die hochbegabte Tochter Chiara, Ehefrau Chirlane McCray, die sich als Schriftstellerin und Aktivistin der afroamerikanischen Gemeinde einen Namen gemacht hat, und schließlich Bill selbst, der Mann mit dem sozialen Gewissen, Enkel deutscher und italienischer Einwanderer  – gemeinsam steht die multiethnische Familie für den Anspruch, dass die Metropole am Hudson River mehr ist als die Herzkammer des Kapitalismus. Dafür, dass sie Herz hat und Herz zeigt.

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Bill die Blasio hat seinen republikanischen Rivalen Joe Lhota mit sensationellen 73 zu 24 Prozent geschlagen.
Aus den Lautsprechern im „Park Slope Armory“ hallt in dieser Nacht zum Mittwoch der Popsong „Royal“, die aktuelle Nummer eins der US-Charts. Der klassenkämpferische Text ist Programm: „Wir stehen hier zusammen in dem Glauben, dass kein New Yorker zurückgelassen wird“, ruft de Blasio in die Menge. Seine Stimme ist rau und lässt die Härte der zurückliegenden Wochen erahnen. Es war ein langer Weg. Und noch vor wenigen Wochen hat kaum einer erwartet, dass ausgerechnet der bisherige Ombudsmann der Stadt 20 Jahre Republikanerherrschaft im „Big Apple“ brechen würde.

De Blasio beschreibt sich selbst als „progressiv-liberal“, im politischen Spektrum gilt er als stramm-links; selbst viele Demokraten halten ihn für zu radikal. Nicht ohne Grund: In Anlehnung an den Roman „A Tale of Two Cities“ von Charles Dickens schimpft de Blasio über die zwei Städte, die sich in Manhattan gebildet hätten. „Fast 400 000 Millionäre sind in New York zuhause, und viele Milliardäre“, sagt er. „Aber die Hälfte unserer Bevölkerung lebt nahe der Armutsgrenze.“ De Blasios Gegenprogramm lautet in Kurzform: höherer Mindestlohn, 200 000 neue Sozialwohnungen und eine Reichensteuer ab einem Jahreseinkommen von 500 000 Dollar. Die zusätzlichen Steuern sollen hauptsächlich in das öffentliche Bildungswesen investiert werden – Forderungen, die bislang  undenkbar erschienen, aber: „Es ist nicht leicht, Ungleichheit auszurotten – es war noch nie leicht und wird es nie sein.“

Im Wahlkampf warfen die Republikaner dem hochgewachsenen 52-Jährigen vor, zum Klassenkampf aufzurufen. De Blasio kontert kühl: „Das ist nicht Klassenkampf, das ist Mathematik.“ In Manhattan geboren, wurde er im Lauf seines Lebens Zeuge des Verfalls einer Mittelklasse, „die nicht nur schrumpft, sonder Gefahr läuft, ganz zu verschwinden“. Das Drama will er allmorgendlich im Nahverkehr beobachten: Sogar für gut verdienende Angehörige der Mittelschicht sind die Wohnungen in der City unbezahlbar, sie müssen pendeln. Das glitzernde Meer aus Hochhäusern bleibt  den Reichen und Touristen vorbehalten.

Sicherlich, es gibt Ausnahmen. Auch de Blasio fand für seine Familie eine Insel. Der langjährige Stadtangestellte wohnt dort, wo es recht europäisch zugeht – in Park Slope. Das Viertel im Stadtteil Brooklyn ist geprägt von stilvollen Reihenhäusern und bekannt für seine Kunst- und Kulturszene. Die „New York Times“ schreibt regelmäßig über die „Intelligentsia“, die hier ansässig ist. Park Slope ist jedoch mehr ein Glücksfall als die Regel.

Die Regel ist dies: In New York weitet sich die Kluft zwischen Arm und Reich  dramatisch. Mit seiner schonungslosen Bestandsaufnahme spricht der künftige Bürgermeister vielen New Yorkern aus dem Herzen. Die unzähligen Menschen, die sich morgens und abends in den Bussen und U-Bahnen aufwärmen, weil sie kein Dach über dem Kopf haben, sollen nicht länger ignoriert werden. Es soll nicht länger akzeptiert werden, dass jedes 100. Kind der Stadt obdachlos ist.

De Blasio spricht viel über Gerechtigkeit. Auf seiner Wahlparty kritisiert er, dass sein Vorgänger Michael Bloomberg nur deshalb zwei Mal wiedergewählt wurde, weil er die Angst vor einer unsicheren Stadt geschürt habe. Nun aber sei es an der Zeit, die drängenderen Probleme in den Griff zu bekommen.

Die Kandidatur indes war über lange Zeit alles andere als ein Selbstläufer. Zu Beginn stand de Blasio im Ruf, ein typischer Vertreter der weißen Linken zu sein, der sich nach einer rebellischen Jugend mit Abstechern ins sandinistische Nicaragua im Establishment bequem eingerichtet hat. Dann aber war es seine Familie, die den Außenseiter auf den vordersten Platz katapultierte. Als Werbeträgerin entwickelte sich zunächst Ehefrau Chirlane, die sich in früheren Jahren als „Lesbe“ bezeichnete und als Journalistin für die Rechte von Minderheiten streitet.

Der entscheidende  Coup gelang schließlich Sohn Dante. Anfang August wurde erstmals ein TV-Werbespot mit dem 16-Jährigen ausgestrahlt, der die Stimmung in der Stadt drehen sollte. „Lassen Sie mich über Bill de Blasio erzählen. Er ist der einzige Demokrat, der den Mumm hat, mit der Ära Bloomberg absolut zu brechen“, sagt er in dem Video. Und ganz trocken fügt er hinzu: „Ich würde Ihnen das auch sagen, wenn er nicht mein Vater wäre.“

Die Botschaft ist eindeutig: Als junger Farbiger wisse er genau, wie es sich in einer Stadt lebt, in der die Polizei nach Belieben junge Leute kontrolliert. „Stop and Frisk“ – eine umstrittene Polizeimethode, die viele Afro- und Lateinamerikaner mit dem Gefühl aufwachsen lässt, unter Generalverdacht zu stehen. Und wenn de Blasio davon spricht, dass diese Willkür auf Jugendliche wie angewandter Rassismus wirke, spricht auch ein besorgter Vater.

Diese Glaubwürdigkeit kommt an. „Big Apple“ steht vor einem Kulturbruch. Über ein Jahrzehnt residierte der Multi-Milliardär Bloomberg im Rathaus. Der Mann, der nach drei Amtsperioden nicht wieder antreten durfte, kann für sich verbuchen, die Stadt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 aus dem Tal der Tränen herausgeführt und nach der Finanzkrise 2008 vor dem Schlimmsten bewahrt zu haben. Bloomberg mobilisierte privates Kapital, um New York wieder lebenswerter zu machen.

In der Bloomberg-Dekade entwickelte sich die Millionen-Metropole zu einer der sichersten Großstädte des Landes. Doch das Geld, das auch dank seiner guten Kontakte in die Geschäftswelt in die Kommune floss, änderte nichts an der gesellschaftlichen Spaltung.
Vom 1. Januar an will die Stadtspitze die Reichen in „Big Apple“ zur Kasse bitten. Eine Zeitenwende, die ganz Amerika mit Spannung beobachtet.

dpa

08.11.2013