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Deutschland / Weltweit Der Doktortitel bleibt, ein blaues Auge auch
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Der Doktortitel bleibt, ein blaues Auge auch
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21:48 01.12.2011
„Ich weiß noch nicht, ob ich mich selbst daranmachen und meine Arbeit verändern werde“: Bernd Althusmann stuft seine Doktorarbeit als verbesserungsbedürftig ein. Quelle: dpa
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Hannover/Potsdam

 Zur gleichen Zeit nämlich feilt im fernen Potsdam eine Kommission der dortigen Universität an den letzten Formulierungen zu der Frage, ob Althusmann seinen Doktortitel behalten darf. Das wenig später verkündete Ergebnis ist eine Entwarnung: Der Titel bleibt, und damit erledigen sich auch alle Debatten über einen Verbleib des CDU-Mannes im Ministeramt.

Eine quälend lange Zeit der Ungewissheit endet für Althusmann, der morgen seinen 45. Geburtstag feiert. Im Juli, kurz nach seinem großen Erfolg in der Haushaltsklausur des Kabinetts – er hatte Lehrerstellen und Investitionen für Bildung gerettet –, war der Verdacht der Täuschung in seiner Doktorarbeit erstmals geäußert worden. In einem Artikel in der „Zeit“, gefüttert durch anonyme Hinweisgeber. Der Minister wies die Vermutung zurück. „Handwerkliche Mängel“ gebe es in der 2007 verfassten Dissertation schon, das gestand er ein. Aber dass er aus anderen Werken abgekupfert und fremdes geistiges Eigentum als sein eigenes ausgegeben habe? Das sei bestimmt nicht der Fall gewesen. Die Uni Potsdam wollte damals, angesichts der seinerzeit noch frischen Fälle Karl-Theodor zu Guttenberg und Silvana Koch-Mehrin, die Angelegenheit nicht vorschnell entscheiden. Eine „Kommission zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ wurde mit dem Fall betraut. Und die brauchte bis jetzt, also fast fünf Monate. Eine erfreulich kurze Zeit, meinte Potsdams Uni-Präsident Thomas Grünwald in völligem Ernst. In Hannover klang das wie Hohn, denn das monatelange Warten hatte Althusmann sichtlich belastet, er wirkte zeitweise wie gelähmt, konnte nicht mehr so frei agieren wie vorher. Immer schwebte das Risiko über ihm, die Universität könnte den Titelentzug empfehlen und ihm damit in der Folgewirkung die Basis für das politische Amt entziehen.

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Nach dem für ihn dann doch positiven Ausgang gab sich Althusmann Nachmittag Mühe, seine Freude nicht zu deutlich zu zeigen. „Etwas erleichtert“ sei er, sagte der Minister. Eine Rufschädigung sehe er nicht, Konsequenzen für seine Ämter wolle er nicht ziehen. Dass seine Doktorarbeit gut sei, habe er „nie behauptet“, fügt Althusmann ein wenig kleinlaut hinzu – sie war mit „rite“, also: „genügend“, bewertet worden.

Der Politiker zeigt sich demütig. Das hat auch einen guten Grund. Denn aus Potsdam hat er keinen Freispruch erster Güte erhalten, sondern eher einen zweiter Klasse. Verbunden mit der klaren Feststellung, dass Althusmann in seiner Arbeit nicht getäuscht hat und deshalb Doktor bleiben darf, ist das Gutachten ein vernichtendes Urteil über seine Dissertation an sich. „Die Arbeit weist eine hohe Zahl von Verstößen gegen die gute wissenschaftliche Praxis auf“, sagte der Kommissionsvorsitzende Tobias Lettl. Die Verantwortung dafür weist er den beiden Doktorvätern zu, die als Gutachter hätten „genauer prüfen und weitere Maßnahmen ergreifen müssen“. Dies umso mehr, betonte Lettl, als Althusmanns Mängel „zumindest teilweise ohne weiteres erkennbar waren“.

Was genau hier gemeint ist, bezieht sich auf die Zitierweise in der Doktorarbeit. In Althusmanns wirtschaftswissenschaftlicher Dissertation mit dem Titel „Prozessorganisation und Prozesskooperation in der öffentlichen Verwaltung“ waren längere Passagen aus der Fachliteratur übernommen worden. Der Autor hatte zwar die Quelle angegeben, allerdings lediglich mit dem Hinweis „vgl.“ – also „vergleiche“. Das hatte für einige Leser den Eindruck erweckt, er habe lediglich auf ähnliche Gedanken in anderen Werken hingewiesen. Tatsächlich aber hatte Althusmann wortwörtliche Zitate übernommen, ohne diese aber als solche kenntlich zu machen. Es fehlten An- und Abführungszeichen. Die Kommission schrieb diesen Fehlern, die sich durch die Doktorarbeit des Ministers ziehen, ein „erhebliches Gewicht“ zu. Einen Grund, ihm deshalb den Titel streitig zu machen, sieht das Gremium gleichwohl nicht. Aber Althusmann muss fortan mit dem Vorwurf leben, eine sehr schlechte Arbeit abgeliefert zu haben.

Was folgt für ihn daraus? Wird er die Dissertation jetzt umschreiben – so wie ein Schüler nach einer schlechten Klassenarbeit eine Berichtigung verfassen muss? „Lassen Sie mir Zeit, diese Frage zu überlegen. Ich weiß noch nicht, ob ich mich selbst daranmachen und meine Arbeit verändern werde“, sagte er. Nachdenklich indes wirkt der CDU-Politiker schon, der Druck der vergangenen Monate lastet auf ihm: „So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei.“ Als am Donnerstag noch ein Fernsehteam in seiner früheren Schule auftauchte und Interviews führen wollte, sei ihm schon klar geworden: „Hier droht eine Grenze überschritten zu werden.“

Von der Opposition im Landtag kann der CDU-Mann auch künftig wenig Milde erwarten, vor allem jetzt nicht, da alle Seiten sich schon auf den bevorstehenden Landtagswahlkampf einstellen. „Wie kann er jetzt noch als Kultusminister Vorbild für die Schüler sein“, fragte die Linken-Fraktionschefin Kreszentia Flauger. Frauke Heiligenstadt (SPD) empfahl Althusmann, wegen der schweren Mängel in der Arbeit den Doktortitel nicht mehr zu führen: „Das ist eine Frage des Stils.“ Die Wissenschaftsexpertin der Grünen, Gabriele Heinen-Klajic, verwies auf die schlechte Qualität von Althusmanns wissenschaftlicher Arbeit – damit biete er Schülern wie Studenten ein schlechtes Beispiel, und dies sei verhängnisvoll für einen Kultusminister. „Der Titel ist gerettet, der Ruf ist ruiniert“, sagte die Abgeordnete.

Aus der CDU/FDP-Koalition allerdings erfährt Althusmann starke Rückendeckung. Die „Plagiatsaffäre“ sei im Sommer „voreilig ausgerufen worden“, sagte CDU-Fraktionschef Björn Thümler. Jetzt sei klar, dass man den Politiker zu Unrecht angegriffen habe – und nun solle die Landtagsopposition sich wenigstens für persönliche Angriffe entschuldigen.

Klaus Wallbaum und Saskia Döhner