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Deutschland / Weltweit Deutsche fühlen sich noch immer nicht als ein Volk
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16:42 13.09.2010
Gemeinsam jubeln, aber noch nicht ein Volk: Die Deutschen unterscheiden noch immer zwischen Ossi und Wessi.
Gemeinsam jubeln, aber noch nicht ein Volk: Die Deutschen unterscheiden noch immer zwischen Ossi und Wessi. Quelle: dpa
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Auch 20 Jahre deutsche Wiedervereinigung haben es laut einer Studie nicht vermocht, das Gefühl von einem Volk zu schaffen. Im Gegenteil: Heute mehr denn vor vier Jahren fehlt es Ost- und Westdeutschen an einer gemeinsamen Identität. Im Vergleich zu 2006 - der gemeinsamen Euphorie über die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land - seien 2010 die gegenseitigen Vorurteile und damit die mangelnde Anerkennung der Lebensleistungen wieder angestiegen, sagte der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin, Klaus Schroeder, am Montag bei der Vorstellung einer neuen Studie. Deshalb wachse nicht so zusammen, was zusammengehöre.

Das ist die Schlussfolgerung Schroeders aus mehr als 20 Jahren Forschungsarbeit zum geteilten und vereinigten Deutschland. Die Ursache sei, dass Ost wie West zu wenig zwischen den früher unterschiedlichen Systemen und der eigenen Lebenswelt differenzierten und sich Anerkennung verweigerten, betonte der Zeithistoriker.

Dabei hätten die Deutschen allen Grund, stolz auf das Geschaffte nach 20 Jahren Wiedervereinigung zu sein: „Deutschland hat sich friedlich und in Freiheit vereint und bisher keine Großmachtallüren gezeigt.“ Dafür habe es historisch kein Beispiel gegeben.

Doch die Geister schieden sich besonders in der Beurteilung der DDR. Die breite Mehrheit der Westdeutschen sehe wegen ihres antitotalitären Grundverständnisses die DDR vor allem als Diktatur. Die Mehrheit der Ostdeutschen neige dagegen zu einer wohlwollenden Betrachtung, die das Schwergewicht auf das eigene Leben im Alltag lege. Der Zeithistoriker wies darauf hin, dass sich in den Köpfen vieler Ostdeutscher dabei eine nicht reale DDR gebildet habe: „Die Konstruktion einer sozial idealisierten DDR, die es nie gegeben hat.“ Die eigene Lebensleistung werde so „zum Schutzschild für das System, die sozialistische Diktatur“.

Als äußerst bedenklich wertete der Politologe, dass sich 2010 nur eine Minderheit der Ostdeutschen wirklich als Bundesbürger fühle. Aus dem Gefühl der Zweitklassigkeit „geht die Mehrheit der Ostdeutschen auf Distanz zum Demokratiemodell und zur sozialen Marktwirtschaft.“

So zeigten sich in der Beurteilung der grundlegenden Werte auch bis heute Unterschiede. „Im Westen wird die Freiheit großgeschrieben, der Osten will zu Zweidritteln in erster Linie Gleichheit und Sicherheit“, sagte Schroeder. Trotz der negativen Erfahrung mit dem gescheiterten Staatssozialismusmodell der DDR seien „die Ostdeutschen in der Mehrheit bis heute viel obrigkeits- und staatsgläubiger und erwarteten viel vom Staat“.

Daraus resultiere auch ihre passive Haltung zum System und ihre Enttäuschung, dass der Osten bis heute nicht vollkommen das Wohlstandsniveau des Westens erreicht habe. „Dabei vergessen sie, dass die ostdeutschen Haushalte in den letzten 20 Jahren - gemessen an der Ausgangssituation - eine historisch beispiellose Wohlstandsexplosion erlebt haben. Die durchschnittlichen Haushaltseinkommen stiegen in den neuen Ländern real von 40 auf 85 Prozent“, betonte Schroeder. Seit 1990 seien etwa 1,6 Billionen Euro netto von West nach Ost geflossen.

Sein Fazit: „Die Deutschen in Ost und West müssen sich besser kennenlernen und gegenseitig akzeptieren, auch andere Meinungen.“ Denn zusammenwachsen könnten Ost und West in Deutschland nur, wenn sie es auch wirklich wollten.

dpa