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Deutschland / Weltweit „Ich habe genug Zugeständnisse gemacht“
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08:30 19.06.2014
Von Stefan Koch
„Ich bin an einem komischen Ort“: Bergdahl bei seiner Freilassung in Afghanistan. Quelle: Handout
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Washington

Den Brief der Schwester hat er nie beantwortet. Bowe Bergdahl ist wieder zu Hause. Im Militärkrankenhaus Brooke Army Medical Center im texanischen San Antonio soll er sich erholen. „Ich fühle mich zu schwach für eine Begegnung oder auch nur ein Telefonat mit meiner Familie“, hat er ausrichten lassen. Er weiß offenbar auch nicht so recht, was er auf den Brief der Schwester antworten soll. Bis auf Weiteres bleibt Bowe Bergdahl abgeschirmt.

Fünf Jahre Geiselhaft in den Händen afghanischer Taliban liegen hinter dem Soldaten. Äußerlich ist der 28-Jährige unverletzt. Doch die Rückkehr in die bürgerliche Normalität ist ein sehr weiter Weg. Und nur langsam gewinnt das Bild von diesem Menschen, der von der Welt vergessen schien und jetzt in aller Welt bekannt ist, Konturen.

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Sicher ist: Das Bergdahl-Drama lässt sich noch nicht vollständig erzählen. Und er hat ein fürchterliches Martyrium hinter sich. Die Geiselnehmer gehören nach Auskunft der US-Behörden dem Haqqani-Netzwerk an, einer radikalen Gruppe, die auch für afghanische Verhältnisse als überaus brutal gilt. Dieses Schicksal soll es letztendlich gewesen sein, das die Spitzen der US-Regierung zum Einlenken bewegte. Fünf hochkarätige Führungskräfte der Aufständischen wurden als Gegenleistung aus dem Gefangenenlager Guantanamo an das Emirat Katar übergeben, das den Austausch eingefädelt hatte. Eine Entscheidung, die Politik und Öffentlichkeit in Amerika immer noch spaltet.

Vor allem aber häufen sich die persönlichen Angriffe gegen Bergdahl, gegen seine Familie, bis hin zu Morddrohungen per E-Mail. Der Verdacht steht im Raum, der Soldat sei unmittelbar vor seiner Gefangennahme desertiert, sei zu den Taliban übergelaufen. Würde es passen zu seinem Wesen, zu seiner Weltsicht? Tagebuchnotizen zeugen von seelischer Not und von Zweifeln.

Nach seinem Verschwinden im Juni 2009 hat die Armee Bergdahls persönliche Gegenstände, unter anderem Laptop und Tagebuch, an seine Freundin und Vertraute Kim Harrison geschickt. Harrison wiederum hat das Kriegstagebuch an die „Washington Post“ weitergegeben. Jetzt, nach fünf Jahren. Sie wolle nicht, sagt sie, dass Bergdahl in der Öffentlichkeit als „berechnender Deserteur“ dastehe. Empfindsam sei er, verletzlich und ein Mensch, „der sich zu etwas hat hinreißen lassen“.

23 Jahre ist Bowe Bergdahl alt, als er nach Afghanistan geschickt wird. Seine Freunde haben ihm, dem sensiblen, fröhlichen Träumer, abgeraten. Kurz vor seinem Abflug schreibt er, dass er abhauen will, „in ein von einem Künstler gemaltes Bild der Welt hineinlaufen, versteckt vor den Feldern aus Blut und Schreien, versteckt vor dem Monster in mir“. Und dann, als er im afghanischen Paktika angekommen ist: „Ich bin an einem komischen Ort.“

Einmal füllt er zwei Seiten mit „Klettverschluss oder Reißverschluss/ Klettverschluss oder Reißverschluss/ Klettverschluss oder Reißverschluss“. Ein anderes Mal schreibt er: „Ich will mich so gerne ändern, aber dann verschließt sich mein Geist einfach, als ob mir eine Tür vor der Nase zugeschlagen wird.“ Schließlich, am 6. Juni 2009: „Dieses Leben ist zu kurz, um denen zu dienen, die bei Werten und Ethik Kompromisse eingehen. Ich habe genug Zugeständnisse gemacht.“ Drei Tage später verlässt der Soldat Bergdahl seinen Posten.

Seine früheren Kameraden werden mit den unterschiedlichsten Aussagen über diesen Tag zitiert. Einem offiziellen Armeebericht zufolge wurde seine Einheit im Mai in ein schweres Gefecht verwickelt: Eine halbe Stunde lang schossen Aufständische auf die Soldaten, bevor sie zum Gegenangriff übergingen. Mehrere Taliban verloren ihr Leben, die Amerikaner kamen unverletzt davon. War diese Schießerei ein so einschneidendes Erlebnis, dass Bergdahl sich absetzte? Einige seiner Kameraden vermuten eher, dass er nur wenige Hundert Meter vom Lager entfernt war und gekidnappt wurde. „Er hatte immer so großes Interesse, mit den Afghanen ins Gespräch zu kommen“, sagt ein Veteran der „New York Times“. Er habe wohl nur mit einheimischen Sicherheitskräften Tee trinken wollen. Kontaktaufnahmen auf eigene Faust seien allerdings hochgefährlich: „Vielleicht wäre er besser zum Friedenskorps als zur Armee gegangen.“ In dieses Bild passt Bergdahls Familie. Die Eltern wollten ihren Kindern hohe moralische Ansprüche vermitteln, heißt es. So sei der junge Bowe zumeist von seiner Mutter Jani unterrichtet worden, die stets Toleranz im Umgang mit fremden Kulturen forderte.

Im März 2013, in Gefangenschaft, hat Bergdahl offenbar einen Brief an seine Eltern geschrieben, in dem er zu erklären versucht, warum er seinen Stützpunkt verlassen hat. „Die Führung war mangelhaft, oder überhaupt nicht vorhanden. Die Bedingungen waren schlecht und schienen sich für die Männer weiter zu verschlechtern, die ihr Leben tatsächlich bei Angriffen aufs Spiel setzten“, zitiert das Onlinemagazin „The Daily Beast“ aus dem Brief. Und er bittet, ihn nicht vorschnell zu verurteilen. „Falls dieser Brief es in die USA schafft, sagt den an der Untersuchung Beteiligten, dass die Situation mehrere Seiten hat. Bitte sagt (Washington) D.C., dass sie auf sämtliche Beweise warten sollen.“

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