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Deutschland / Weltweit Die verunsicherte Supermacht
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18:12 10.09.2012
Von Stefan Koch
Vorbereitungen zum elften Jahrestag.
Vorbereitungen zum elften Jahrestag. Quelle: dpa
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Washington

Die Verunsicherung bleibt. Auch elf Jahre nach den Terroranschlägen auf New York City und Washington/DC findet Amerika nicht zu seiner alten Gelassenheit zurück. Die Sorge, überraschend angegriffen zu werden, hat sich tief ins allgemeine Bewusstsein eingebrannt. Weite Teile der Bevölkerung akzeptieren die verschärften Sicherheitsbestimmungen ebenso wie die enormen Kosten für Polizei und Militär.

Ende vergangenen Jahres unterzeichnete Präsident Barack Obama ein Gesetz, das in den USA vor dem 11. September 2001 wohl undenkbar gewesen wäre: Ausländer, die sich in Amerika aufhalten und von der Polizei als "Terrorverdächtige" eingestuft werden, können auf unbestimmte Zeit hinter Gittern verschwinden - auch wenn sich ihnen keine konkrete Straftat nachweisen lässt.

Als eine Selbstverständlichkeit gelten mittlerweile die verschärften Kontrollen an Flughäfen, Bahnhöfen und öffentlichen Einrichtungen. Selbst an den Schulen werden die Kinder darüber aufgeklärt, dass von herrenlosen Koffern und von Autos, die in unmittelbarer Nähe eines belebten Gebäudes falsch geparkt werden, eine Gefahr ausgehen kann.

Nur vor dem Hintergrund dieser permanenten Anspannung im Alltag lässt sich wohl ermessen, warum die gezielte Tötung des früheren Al-Qaida-Chefs Osama bin Laden im Frühjahr vergangenen Jahres so gefeiert wurde. Dass Präsident Obama persönlich den Befehl zu der heiklen Militärmission in Pakistan gab, gilt selbst unter Republikanern als sein größter Erfolg. Oder, wie es Vizepräsident Joe Biden vergangene Woche beim Parteitag der Demokraten in Charlotte/North Carolina ausdrückte: "Osama bin Laden ist tot, und General Motors lebt." Nun steht die Krise der amerikanischen Automobilindustrie in keinem direkten Zusammenhang mit den früheren Terroranschlägen. Doch bei vielen Amerikanern wächst der Eindruck, dass das schwierige vergangene Jahrzehnt letztendlich am 11. September 2001 begann. Und selbst seriöse Wirtschaftswissenschaftler erinnern daran, dass nach den Angriffen auf das World Trade Center und auf das Pentagon die Geldpolitik massiv gelockert wurde, um einen Absturz der Weltwirtschaft nach diesen schrecklichen Ereignissen zu verhindern. Diese Geldschwemme verursachte wiederum - zum Teil - die Immobilienblase, die 2007 platzte.

Wie sehr das Unglück nachhallt, lässt sich am deutlichsten am Tatort des Massenmordes ablesen: An dem Museum, das an die dramatischen Momente erinnern soll, hat sich ein scheinbar endloser Streit entfacht. Ein Baustopp nach dem anderen verzögert das Projekt. Und die vier Wolkenkratzer, die auf dem Gelände des früheren World Trade Centers entstehen, kommen aus den Negativschlagzeilen nicht heraus. Die Türme eins und vier eröffnen zwar voraussichtlich 2013, doch mangelt es so sehr an Interessenten für die riesigen Büroflächen, dass der Baubeginn der Türme zwei und drei auf sich warten lässt. Am heutigen Gedenktag mögen die Besucherzahlen am "Ground Zero" wieder steigen, ansonsten aber interessieren sich viele New Yorker mehr für die künftige Großbaustelle "Hudson Yards" im Westen von Manhattan. Dort soll für umgerechnet zehn Milliarden Euro ein geradezu spektakuläres neues Büro- und Geschäftszentrum entstehen.

Zu allem Übel stehen seit wenigen Tagen auch noch neue Klagen ins Haus. Die Gesellschaft "World Trade Center Properties", die den Gebäudekomplex kurz vor den Terroranschlägen für 99 Jahre von der New Yorker Hafengesellschaft gepachtet hatte, fordert von den Fluggesellschaften American Airlines und United Schadensersatz in Milliardenhöhe. Ihr Vorwurf: Nur wegen mangelhafter Sicherheitsvorkehrungen seien die Attentate überhaupt möglich gewesen.