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Deutschland / Weltweit Diebstahl in Auschwitz „aus
 Profitgier“
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Diebstahl in Auschwitz „aus
 Profitgier“
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20:39 21.12.2009
Das Schild soll in den nächsten Tagen dem Museum zurückgegeben werden.
Das Schild soll in den nächsten Tagen dem Museum zurückgegeben werden. Quelle: ddp (Archiv)
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Zwei schwerbewaffnete Polizeibeamte drängen einen jungen Mann in Kapuzenjacke rüde aus einem roten Transporter und bugsieren ihn durch dunkle Flure ins Innere der Krakauer Polizeihauptwache. Dann werden eilends drei mit braunem Packpapier umwickelte Eisenprofile aus dem Lieferwagen gehievt und ebenfalls ins Innere getragen. Wenige Stunden später verkündet der Polizeikommandant der Wojwodschaft Kleinpolen, in der das einstige deutsche Konzentrationslager Auschwitz heute liegt, mit ernster Miene vor der Presse den Fahndungserfolg. Innerhalb von drei Tagen ist es gelungen, die entwendete Originalinschrift „Arbeit macht frei” sicherzustellen und fünf Diebe dingfest zu machen.

Die Männer im Alter zwischen 20 und 39 Jahren stammen allesamt aus der armen nordpolnischen Wojwodschaft Kujawien-Pommern und haben nach Angaben der Polizei „vor allem aus Profitgier” gehandelt. Vier der Verhafteten sind Arbeitslose, der fünfte soll eine Baufirma besitzen. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung wurden zwei Diebe am Sonntagabend in Gdynia/Gdingen, die anderen nahe der Stadt Innowroclaw festgenommen. Noch in der Nacht wurden sie mehrere hundert Kilometer über eisige Straßen nach Krakau transportiert. „Ihre Tat übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen”, sagte Polizeikommandant Andrzej Rokita zu der Tat, und die Fassungslosigkeit ist dem altgedienten Polizisten anzusehen.

Der schmiedeiserne Schriftzug über dem Haupteingang des einstigen Vernichtungslagers Auschwitz I war in der Nacht zum Freitag zwischen 3.30 und 5 Uhr in der Frühe aus etwa vier Metern Höhe entfernt und rund 400 Meter weit durch den Schnee zu einem Fahrzeug geschleppt worden. Die Diebe durchtrennten dabei den historischen doppelten Stacheldrahtzaun und schafften die 40 Kilogramm schwere Inschrift durch ein nur mit Maschendraht gesichertes Loch in der Außenmauer des Museumsgeländes.

Nach Polizeiangaben handelt es sich bei den Festgenommenen um Mitglieder einer Diebesbande, alle sollen vorbestraft sein. Der symbolträchtige Schriftzug über dem KZ-Haupttor von Auschwitz I war am Sonntag in einem Waldstück im Norden des Landes in drei Teile zersägt unter Zweigen und Schnee entdeckt worden. Nach einem Bericht eines Krakauer Privatradios entfernten die Tatverdächtigen die Inschrift auf Bestellung eines „verrückten Sammlers”. Der habe das Schild als Ganzes bestellt, aber die Diebe hätten es bereits in Oswiecim (Auschwitz) in drei Teile zerlegt, um es besser abtransportieren zu können. Der Diebeshandel soll übers Internet vereinbart worden sein. Die Polizei bestätigte diese Angaben zwar nicht, schloss aber ideologische Gründe als Motivation aus. Keiner der fünf sei mit einer polnischen Neonazigruppe verbunden, hieß es gestern bei einer Polizei-Pressekonferenz in Krakau.

Nach der ergebnislosen Durchsuchung von Altmetallaufkaufstellen nahe Auschwitz hatte die Polizei, unterstützt vom polnischen Geheimdienst sowie von Interpol, übers Wochenende drei mögliche Spuren verfolgt: Geprüft wurde zum einen eine Provokation von Neonazis, ein Auftragsdiebstahl für einen Sammler oder aber ein Racheakt eines ehemaligen Museumsangestellten. Seltsamerweise hatte die Wachmannschaft die Polizei erst eine Stunde nach Entdeckung des Diebstahls informiert und zunächst auf eigene Faust versucht, die Diebe zu finden. Die waren offenbar bestens über die Bewachung des Geländes informiert.

Auch stellte sich heraus, dass das Eingangstor aus Kostengründen nicht oder nur tagsüber von den Überwachungskameras erfasst wird. In jedem Falle gibt es keine Aufzeichnungen aus der Tatnacht. Museumsdirektor Piotr Cywinski hatte am Sonnabend eine sofortige Überprüfung der Überwachungsprozeduren angeordnet und die Installation einer modernen Video- und Wärmekameraüberwachung für spätestens 2013 in Aussicht gestellt. Wegen der dafür erforderlichen Rücksprachen mit dem Denkmalschutz sei keine schnellere Installation möglich.

Der bisher fast allein von Polen finanzierte Museumskomplex klagt seit Jahren über Geldmangel. Erst vor wenigen Tagen hatte Berlin einen Beitrag von 60 Millionen Euro für die Instandhaltung des weitläufigen Museumsgeländes zugesagt, nachdem ein Spendenaufruf des Stiftungsrats monatelang ungehört verhallt war. Der Unterhalt der rund 200 Hektar großen Gedächtnisstätte verschlingt jährlich bis zu fünf Millionen Euro.

Das Schild soll in den nächsten Tagen dem Museum zurückgegeben und dort für die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 2010 restauriert werden.

von Paul Flückiger

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