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Deutschland / Weltweit Diskussion über EM-Verlegung nimmt Fahrt auf
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Diskussion über EM-Verlegung nimmt Fahrt auf
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10:52 02.05.2012
Von Reinhard Urschel
Foto: Straßenhändler in Kiew haben sich bereits auf die Fußball-EM vorbereitet. Sogar die Kanzlerin gibt es als Matruschka.
Straßenhändler in Kiew haben sich bereits auf die Fußball-EM vorbereitet. Sogar die Kanzlerin gibt es als Matruschka. Quelle: dpa
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Berlin

Der Präsident wirft einen Blick auf sein Land, in dem in Kürze ein bedeutendes Fußballereignis stattfinden soll, und er befindet, das Land sei nicht würdig, als Gastgeber aufzutreten. Er zieht sein Land als Veranstalter zurück, ein anderes kann gerade noch rechtzeitig einspringen. Das ist nicht die vorauserfundene Geschichte der Ukraine als Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft 2012, das ist die wahre Geschichte der WM in Kolumbien 1986. Kolumbien, zunächst zum Austragungsort bestimmt, lag darnieder. Ein Sumpf von Korruption und Bürgerkrieg. Das Land wurde als Gastgeber durch Mexiko ersetzt.

Das hat es also tatsächlich gegeben, dass ein fußballerisches Großereignis von einem Land in ein anderes wanderte. Zur Diskussion stand es noch viel öfter: Von Chile 1962 über Argentinien 1978 bis zu Südafrika 2010 hat sich die Geschichte fortgesetzt, ohne dass es noch einmal so weit gekommen wäre. In allen Fällen hat die Fußballwelt vor den Turnieren aus den unterschiedlichsten Gründen teils monatelange Diskussionen geführt, ob im jeweiligen Gastgeberland überhaupt Fußball gespielt werden könne. Die argentinische Junta galt ebenso als Hinderungsgrund wie die Vorstellung, die Südafrikaner seien doch schon vorab Weltmeister im „Nichts-auf-die-Reihe-Bekommen“, im „Immer-noch-afrikanisch-Sein“ und im „Westlichen-Standards-nicht-Genügen“.

In solchen Fällen soll stets, so ist die überwiegende Mehrheit hierzulande der Auffassung, Deutschland Gastgeber sein. Zumal das Land seit der WM 2006, dem Sommermärchen,  über phantastische Stadien verfügt und über eine unübertreffliche Infrastruktur sowieso. Als vor zwei, drei Jahren der EM-Mitgastgeber Polen aus deutscher Sicht zu langsam in die Gänge kam mit dem Stadionbau, flüsterten in Berlin und Leipzig schon die lokalen Funktionäre, man habe Spielorte vom Feinsten, praktisch vor der Haustür, quasi in Polen.

Jetzt ist nicht Polen das Problem, sondern die Ukraine. Und nicht das Nicht-fertig-Werden ist das Problem, sondern die Menschenrechtspolitik des Landes, das eine schwer kranke Politikerin nach einem fragwürdigen Prozess in Haft hält. Und die Sicherheitslage in einem Land, in dem seit neuestem Bomben auf Marktplätzen und an Bushaltestellen explodieren, tut ihr Übriges.


Im Fall der Ukraine hat der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, die ohnehin schon köchelnden Spekulationen über die Verlegungen der EM-Spiele aus der Ukraine nach Deutschland kräftig angeheizt. „Bereits vor mehr als einem Jahr haben sich Vertreter von UEFA, DFB und Bundesinnenministerium an einen Tisch gesetzt, um ein Krisenszenario zu entwickeln“, sagte Witthaut der „Bild“-Zeitung. Er sprach sogar davon, dass bereits ein „Alternativplan“ in der Schublade liege.

Sowohl beim DFB als auch im Bundesinnenministerium sind solche Pläne freilich offiziell nicht bekannt. Der Turnierdirektor des Europäischen Fußballverbandes UEFA, Martin Kallen, verwies darauf, dass ein kurzfristiger Wechsel von Spielen nach Deutschland oder in andere Länder ohnehin nicht möglich sei. „Das bekäme man in so kurzer Zeit nicht hin“, stellte er klar. Sollte die EM generell nicht durchführbar sein, „gäbe es nur eine Möglichkeit: Dann müsste man an eine Verschiebung des Turniers denken, in ein anderes Jahr.“

Den Besonnenen unter den deutschen Sportfunktionären schwant derweil, dass die ewige Neuauflage der Debatte um „Deutschland als Ersatzausrichter“ dem Land nicht gut tut. Die pausbäckige „Wir können alles zu jeder Zeit“-Haltung kann auf das Land zurückfallen, wenn es sich in späteren Jahren ernsthaft um die Austragung eines sportlichen Großereignisses bewirbt. Dass die Welt oder auch Europa nicht unbedingt darauf warten, dass schon wieder die Deutschen ein Festival bekommen, zeigen die zum Teil ernüchternden Niederlagen bei Olympia-Bewerbungen (Berlin, Leipzig und München).

„Deutschland steht nicht zur Verfügung.“

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zieht es vielleicht auch deshalb vor, klare Kante zu zeigen: „Deutschland steht nicht zur Verfügung.“ DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagte am Dienstag: „Mit dem Gedanken einer Verlegung nach Deutschland beschäftigen wir uns keine Sekunde. Die Menschen in der Ukraine haben diese EM verdient.“ Niersbach sieht in der Austragung in der Ukraine sogar eine Chance, die Situation der Menschenrechte in dem osteuropäischen Land zu verbessern. „Das Medienereignis Euro 2012 bietet die einmalige Chance, neben der Berichterstattung über den Fußball auch die Missstände in der Ukraine anzuprangern.“ 

Richtig garstig reagierte Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB): „Die Forderung nach Boykott zeugt von großer internationaler Respekt- und Instinktlosigkeit, weil sie über die Köpfe selbst des Mitgastgeberlandes Polen, aber auch der anderen europäischen Nationen und des Veranstalters UEFA hinweg erhoben wird“, schimpfte Bach, auch Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Bereits in der vergangenen Woche hatte der deutsche Chef-Olympier auch einem Boykott der EM in der Ukraine eine deutliche Absage erteilt und auf negative Beispiele in der Vergangenheit verwiesen. „Die Geschichte zeigt, wie sinn- und erfolglos Boykotte sind. Diese Einschätzung wird zwischenzeitlich allgemein geteilt.“ Niersbach schloss sich dem an. „Eine Absage der EM bringt ebenso wenig wie der Boykott vergangener Sportveranstaltungen.“ Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger will der Ukraine trotzdem fernbleiben. „Ich selbst habe entschieden, keine Spiele in der Ukraine zu besuchen, weil ich es nicht gut finde, was dort politisch passiert“, sagte Zwanziger, auch Mitglied der UEFA-Exekutive.

Im politischen Berlin richten sich derweil alle Blicke auf die Kanzlerin. Im Bundeskabinett wird es eine einheitliche Linie geben, die so aussieht: Reist die Kanzler nicht, reisen auch die Minister nicht.

Dürfen Fans auf EM-Spiele in Deutschland hoffen?

Realistischerweise derzeit eher nicht. Die ausrichtende Europäische Fußball-Union UEFA schließt trotz der fragwürdigen Menschenrechtssituation im Fall Timoschenko und trotz der Bombenanschläge von Dnjepropetrowsk vor dem Turnierstart in fünf Wochen eine Verlegung von Partien von der Ukraine nach Deutschland offiziell als „unmöglich“ aus. Allein die Logistik des Turniers, für das unter anderem Hotelkapazitäten und Transporte von Millionen Fans organisiert werden müssen, würde einen Last-Minute-Tausch wohl verhindern.
Könnte das Turnier auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden?

Die UEFA sieht für Änderungen aktuell keinen Grund. Als letzte Maßnahme sei eine Verschiebung aber möglich: Sollte es keine andere Chance geben, „müsste man an eine Verschiebung des Turniers denken, in ein anderes Jahr“. Das wäre allerdings frühestens 2015 vorstellbar. Kommendes Jahr steht im Sommer in Brasilien der Confederations Cup an, Spanien als Weltmeister ist dabei. 2014 folgt die WM in Brasilien. Eine Verlegung in den Winter ist ausgeschlossen.

Welche Konsequenzen hätte eine Verlegung für die Sponsoren?

Die Sponsoren haben einen Vertrag mit der UEFA und könnten Regressansprüche geltend machen. Wobei Ausrüster adidas erklärt, man wolle sich nicht „in interne Regierungsangelegenheiten“ einmischen: „Das ist eine Sache, die die Politik klären muss, nicht die UEFA und schon gar nicht die Sponsoren“, sagt ein Sprecher.
Dürfen Fans wegen der Lage in der Ukraine ihre Reisen stornieren?

Wer seine Reise zur EM wegen der aktuellen politischen Ereignisse in der Ukraine absagen will, bleibt auf den Kosten sitzen. „Eine kostenlose Stornierung wegen der angespannten Sicherheitslage ist nicht möglich“, erklärt Reiserechtler Paul Degott. Ein Rücktritt von der Reise mit kompletter Rückerstattung sei nur aus wichtigen Gründen möglich, die den Trip konkret behinderten. Dazu zählen Menschenrechtsverletzungen nicht.

Gibt es bei den Reiseveranstaltern Stornierungen wegen der Bombenanschläge?

Den Unternehmen zufolge nicht. Dertour, der für Deutschland lizenzierte Reiseveranstalter für die EM, hat davon noch nichts gemerkt. „Bei uns gibt es keine Stornierungen, und wir erwarten das auch nicht“, sagte Sprecherin Angela de Sando. Auch der Deutsche Reiseverband (DRV) hat laut Sprecherin Sibylle Zeuch noch keine Meldungen über Stornierungen.

Welche Forderungen werden sonst noch laut?

CDU-Umweltminister Norbert Röttgen, Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, SPD-Chef Sigmar Gabriel oder auch Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) –  sie alle unterstützen einen politischen Boykott. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast aber wendet sich direkt an die Fußballfans. Sie wünscht sich in den Stadien sichtbare Zeichen der Solidarität mit Timoschenko: „Der orange Schal war ein Zeichen für die demokratischen Ziele der Revolution in der Ukraine. Ein solches Zeichen sollten Funktionäre und Sportler deutlich sichtbar tragen.“ Und der schleswig-holsteinische FDP-Chef Wolfgang Kubicki forderte in der „Bild am Feiertag“ alle reisenden Fußballfans zum Boykott auf: „Schickt eure Karten zurück oder fahrt erst gar nicht zur EM in die Ukraine.“

mit dpa

02.05.2012
02.05.2012