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Deutschland / Weltweit Ein Jahr Schulstreik fürs Klima: Wie aus Schülerin Greta Thunberg eine Anführerin wurde
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14:18 19.08.2019
Anführerin einer ganzen Generation: Greta Thunberg kurz vor dem Start ihrer Atlantiküberquerung in Plymouth.

Da steht Greta Thunberg, im schwarzen Blazer mit weißem Hemd. Anklagend hält sie den Zeigefinger in die Kamera. „Can you hear me?“, fragt sie. Das hier ist nicht mehr das bezopfte Schulmädchen im Kapuzenshirt, das die Welt mit großen Augen und bohrenden Fragen rührte. Diese junge Frau auf dem Titel des britischen Magazins „GQ“ ist eine Anklägerin, die sich ihrer Wirkung voll bewusst ist. Ein PR-Profi, angetan mit der Uniform ihrer Gegner. Und für viele auch dies: eine Provokation.

Das britische Männermagazin "GQ" ehrt Greta Thunberg mit einem Preis: Auf dem Titel der Oktoberausgabe wird sie zum "Game Changer of the Year" ernannt. Quelle: Christopher Hunt/GQ Magazine/Pre

„Skolstrejk för klimatet“: Greta Thunbergs Plakat entfaltet ikonische Kraft

Was für eine Geschichte: Vor einem Jahr, am 20. August 2018, sollte für Thunberg das neunte und letzte Schuljahr beginnen. Statt ins Stockholmer Klassenzimmer setzte sie sich, damals 15-jährig, mit jenem Plakat neben den Reichstag, das heute ikonische Kraft hat: „Skolstrejk för klimatet“. Schulstreik fürs Klima. Sie sei verzweifelt an der Ignoranz der Erwachsenen, sagte sie mal.

Zwölf Monate später ist die Tochter einer Opernsängerin und eines Schauspielers eines der bekanntesten Gesichter der Erde. Trump. Obama. Merkel. Thunberg. Der Papst. Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Galionsfigur einer globalen Bewegung. Ein Superstar, der Bewunderung, Zorn, Skepsis, Hass und Rührung auf sich zieht – und dessen Agenda dicht gefüllt ist mit Interviews, Fototerminen, Reden.

Streit um Reise auf Segeljacht Malizia II

Ihre Reise per Hochseejacht in die USA ist der meistbeachtete Segeltörn einer Minderjährigen seit Laura Dekkers Weltumsegelung. Mit an Bord: Pierre Casiraghi, der jüngste Sohn von Prinzessin Caroline von Monaco. Natürlich ist sich ihr Team der Wirkmacht dieser Märchenbilder bewusst: ein Mädchen auf hoher See, begleitet von einem jungen Adeligen, umtänzelt von Delphinen, das drüben auf der anderen Seite des Atlantiks beim UN-Klimagipfel in New York im September und bei der Weltklimakonferenz in Chile die Rettung des Planeten voranzutreiben gedenkt. Manchmal braucht die Welt solche Bilder, um die ganz großen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Aber irgendwann nervte eben auch Knut der Eisbär.

Greta Thunberg und ihre Anhänger sind für einige längst Hassfiguren

Anfang August besuchte Greta den Braunkohletagebau und den Hambacher Forst. Dass sie sich mit einem vermummten Demonstranten zeigte, sorgte für Unmut. Quelle: Oliver Berg/dpa

Alles, was Greta tut, ist Politik. Jedes Bild hat symbolische Kraft. Sie isst Salat aus einer Plastikschale? Skandal. Sie lässt sich beraten? Marionette. Sie steht neben einer vermummten Person im Hambacher Forst? Anarchistin. Sie will den Braunkohleabbau stoppen? Sie muss doch auch an die Arbeitsplätze denken! Heilige und Hassfigur: Beides ist überdreht. Ihr selbst ist die Gretamania unheimlich: „Es ist wirklich schwer zu verstehen, was gerade alles um mich herum passiert“, sagte sie selbst.

Wie wichtig Gretas Rolle für die Motivation der globalen Klimaaktivisten ist, unterstreicht auch Luisa Neubauer, deutsche Mitorganisatorin der „Fridays for Future“-Proteste. „Greta hat losgelegt und gezeigt, wie es funktionieren kann - dieses Nicht-Aufhalten-Lassen“, sagte Neubauer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Das war ein entscheidender Impuls für mich und andere anzufangen – und später eine Inspiration für Zehntausende, die sich angeschlossen haben."

CO₂-Ausstoß: Warum fliegt Greta nicht einfach?

Schadenfroh stürzten sich viele Medien auf die Meldung, ihre Seereise verbrauche mehr Kohlendioxid als eine Flugreise, weil sechs Flüge nötig seien, damit die Crew die Segelyacht „Malizia II“ wieder zurückholen könne. Das Team konterte: Es seien nur vier Flüge notwendig – genauso viele also, als wenn Thunberg und ihr Vater in die USA und zurück geflogen seien. Im Übrigen würden alle Klimasünden durch Spenden an Umweltinitiativen kompensiert.

Ich bin nicht wie alle. Ich denke auf eine andere Weise.

Greta Thunberg

Mit dem Ruhm kommt eben die Skepsis. Und die Häme. Und der Hass. Es ist ein Gesetz des öffentlichen Wirkens. Aufklärerin oder Angstmacherin, kritischer Geist oder ein vom Klimathema besessenes Geschöpf gewiefter Profis – kann es wirklich sein, dass eine 16-Jährige derart beharrlich eine eigene politische Agenda verfolgt? „Ich bin nicht wie alle“, sagte sie in einem Interview. „Ich denke auf eine andere Weise.“ Es ist die Fallhöhe, die sie zu einem faszinierenden Phänomen machte: Eine kühl argumentierende, kindlich wirkende Expertin, die den Politprofis in den Parlamenten die Leviten liest und das Schwarz-Weiß-Denken, das ihre Asperger-Erkrankung begünstigt, nicht als Schwäche versteht, sondern als Stärke.

Die Bewegung Fridays for Future wächst

Dass Häme und Kritik an ihr abzuperlen scheinen wie Brackwasser an einem Schwan, macht ihre Kritiker nur noch aggressiver. „Greta und Fridays for Future haben die Politik und Öffentlichkeit aufgeweckt“, sagt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf. „Die Debatte in Deutschland hat sich verändert, viele nehmen das Thema jetzt erstmals ernst.“

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Freilich trägt das Thunberg-Team eine Mitschuld daran, dass sie mit Maßstäben gemessen wird, die kein normaler Mensch erfüllen kann. Auch die idealistische Unerbittlichkeit, für die sie gleichzeitig bewundert wird, macht sie zur Reizfigur. In einem schwedischen Podcast erklärte sie, warum die Welle der Kritik sie nicht aus der Ruhe bringt: weil sie letztlich nur zeige, dass ihren Gegnern die Argumente fehlten. PR? Natürlich macht sie PR. Ein politisches Amt hat sie nicht. Auch wenn sie den richtigen Blazer dafür inzwischen hätte.

Von Imre Grimm/RND

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