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Deutschland / Weltweit Die Wächter des Atomschlafs
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00:21 15.05.2014
Alles sicher? Hier und da wird im Inneren abgebaut – aber noch ist das Wichtigste, der Kernbrennstoff, nicht bereit für den Abtransport. Auch, weil es an einem Endlager fehlt. Quelle: dpa
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Brunsbüttel

30 Jahre lang hatten die massiven Stahltore, der Stacheldraht und der Wassergraben eine klare Aufgabe: Sie sollten die Feinde fernhalten, die potenziellen Attentäter oder doch wenigstens die Demonstranten mit ihren Farbbeuteln und Sprechchören. Jetzt stehen die Tore weit offen – als gäbe es nichts mehr zu schützen in Brunsbüttel. Deutschlands nördlichstes Atomkraftwerk ist abgeschaltet. Der markante schwarze Kraftwerksblock gehört zu den acht AKWs, die nach der Katastrophe von Fukushima 2011 für immer vom Netz genommen worden sind. Der „Pannenreaktor“, wie er im Volksmund heißt, oder „KKB“, wie der Betreiber Vattenfall ihn nennt, liegt in scheinbar ewigem Schlaf, den keiner mehr stören will.

Doch der Schein trügt. Der Weg ins Innere der Gebäude und schließlich zum Kontrollbereich, wo die gelben Fässer für den Rückbau bereitstehen und die halb verbrauchten Brennstäbe langsam abklingen, ist schwer gesichert. Wachpersonal patrouilliert rund um die Uhr. Strenge Alkoholkontrollen, Schleusen, Kameras, Stahltüren und immer wieder Messgeräte für radioaktive Strahlung bestimmen das Bild in den verwinkelten Gängen. Konstruktions- und Leittechniker, Bauingenieure überwachen in drei Schichten rund um die Uhr den Stillstand. Auch ihr Chef kommt jeden Morgen pünktlich in den schwarzen Block.

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Seit 1979 arbeitet Knut Frisch im Kernkraftwerk am Elbufer. Mit der Kernenergie kennt er sich aus. Brunsbüttel wird nicht sein erster Rückbau. Schon bei der Außerdienststellung des bisher einzigen deutschen Frachtschiffs mit Atomantrieb, der „Otto Hahn“, war er Ende der siebziger Jahre dabei.

„Wir sind jetzt in der Nachbetriebsphase. Das heißt, der Kernbrennstoff ist noch im Reaktor.“ Der Werksleiter macht keinen Hehl daraus, dass ihm ein geordneter Ausstieg lieber gewesen wäre als die massive Reaktion der Bundesregierung auf die Katastrophe von Fukushima. Denn: „Teils ist der Brennstoff erst einen Monat gelaufen.“ Das Material in Brunsbüttel sei deshalb schwerer zu entsorgen als vollständig verbrannte Brennstäbe. Vom Ende seines Reaktors hat Knut Frisch auf einer Kreuzfahrt im Urlaub erfahren. In der „Tagesschau“ sah er die Bundeskanzlerin, wie sie den beschleunigten Atomausstieg verkündete.

Mitarbeiter und Konzernführung warten jetzt auf klare Ansagen aus der Politik, damit der Abbau des Kraftwerks bis 2025 beginnen kann. Ganz oben auf der Liste der Probleme, die vorher gelöst werden müssen: ein Endlager. „Diese Diskussion können wir nicht beeinflussen“, sagt Pieter Wasmuth, Geschäftsführer der Vattenfall Europe Nuclear Energy. „Fest steht aber: Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Konsens über ein solches Endlager.“

Jetzt versucht Vattenfall, seine Techniker zu halten, obwohl es derzeit wenig zu tun gibt. Denn wenn es ernst wird, braucht der Konzern die Experten für die Demontage des Blocks. Jeder Schritt, jede Demontage, jeder Abtransport muss durch die Behörden genehmigt werden. „Beispiel Turbine: Um die Brandlast zu reduzieren, haben wir das Schmieröl aus der Turbine gelassen. Das Turbinenöl muss vom Gutachter freigemessen werden“, erklärt Wasmuth. Geht es nach der Geschäftsleitung, sollen die meisten der 230 Mitarbeiter noch bis 2017 in Brunsbüttel arbeiten. Dann ist das Kraftwerk Wasmuth zufolge „brennstofffrei“ und kann in den Folgejahren mit abnehmendem Risiko abgerissen werden. Bis 2030 würden dann noch etwa 100 Beschäftigte in Brunsbüttel gebraucht. Diese Rechnung funktioniere jedoch nur, wenn die Politik jetzt mitzieht.

Eins aber steht für Wasmuth fest: „Der Standort wird für Vattenfall immer relevant bleiben. Auch wenn das Kraftwerk eines Tages verschwunden ist, bleibt Brunsbüttel eine zentrale Kreuzung der Stromautobahn.“ Wenige Meter vom Kraftwerksblock entfernt ist die neue Zeit schon sichtbar. Dort ziehen Arbeiter einen neuen Knotenpunkt für Fernleitungen hoch. In wenigen Monaten soll dort fast der gesamte Windstrom aus den Turbinen der Westküste ankommen.

Von Paul Wagner

Der Ausstieg wird zur Geldfrage

Was verdienen die Energiekonzerne mit den noch laufenden Atomkraftwerken?
In der für die Versorger guten alten Zeit galt einmal die Faustformel: Ein Atomkraftwerk wirft pro Tag eine Million Euro Gewinn ab. Diesen Wert haben die Unternehmen nie offiziell bestätigt – unter der Hand aber eingeräumt. Inzwischen seien die Erträge aber deutlich gesunken, heißt es. Weil immer mehr grüner Strom ins Netz dringt, sind die Großhandelspreise gesunken. Abgeschriebene Braunkohle- und Atommeiler verdienen zwar noch Geld, aber eben deutlich weniger als früher. Charlotte Loreck vom Freiburger Ökoinstitut kommt für die letzten vier Jahre dennoch auf einen Gesamtgewinn von 6,8 Milliarden Euro.

Wie hoch sind die Kosten für den Abriss eines Atomkraftwerks?
Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt: RWE beziffert die Kosten für den Betrieb nach der Abschaltung und den Rückbau eines Kernkraftwerks je nach Größe, Alter und Betriebsstunden der Anlage auf 500 Millionen bis eine Milliarde Euro. Unabhängige Wissenschaftler erwarten mindestens eine Milliarde Euro – und schlagen noch einmal 800 Millionen Euro für Entsorgungskosten obendrauf. Die Schätzungen für die Gesamtkosten schwanken zwischen 25 und 43 Milliarden Euro. 

Können die Energiekonzerne diese Lasten schultern?
Die vier AKW-Betreiber e.on, RWE, EnBW und Vattenfall haben dafür Rückstellungen gebildet – aktuell sollen das rund 35 Milliarden Euro sein. Ob diese Summe am Ende reichen werde, könne man nicht wissen, hat der Bundesrechnungshof bereits 2011 festgestellt. Zum einen gebe es für die Konzerne beträchtliche „Bewertungsspielräume bei der Kostenschätzung“, zum anderen könnten „die Finanzbehörden die technischen Annahmen in den Gutachten der Energieversorgungsunternehmen für die Bewertung der Rückstellungen nicht beurteilen“.

 Können die Atomkonzerne wegen der Energiewende pleite gehen?
Glaubt man den Lobbyisten vom Deutschen Atomforum, ist diese Gefahr nur theoretischer Natur – RWE, e.on, EnBW und Vattenfall zählten „in ihrer Wirtschaftskraft und ihrer Substanz“ zu den führenden Unternehmen Europas. „Strom braucht jeder und auf Dauer. Die langfristige Nachfrage nach diesem Produkt stellt die dauerhafte Existenz dieser Unternehmen sicher.“ Die letzte Behauptung ist zumindest gewagt, denn die großen Vier verlieren hierzulande Marktanteile. Der Gewinn von e.on hat sich im vergangenen Jahr halbiert, RWE hat erstmals einen Milliardenverlust ausgewiesen.

Hat es auch Vorteile, wenn der Bund eine Art „Bad Bank“ für das nukleare Erbe bildet?
Nach der Gesetzeslage müssen die AKW-Betreiber die Kosten für die Stilllegung und den Rückbau tragen. Sollten sie das am Ende aber nicht können, müsste in letzter Konsequenz der Staat einspringen, also der Steuerzahler. Hält man dieses Szenario für wahrscheinlich, könnte es vernünftig sein, die Lasten gleich zu übernehmen – und sich von den Konzernen noch eine stattliche Mitgift zu sichern, solange diese noch flüssig sind. 

Hätte sich dieses Risiko nicht vermeiden lassen?
Doch, das zeigen die Beispiele Finnland, Schweden und die Schweiz. Diese Länder haben sich von vornherein für ein anderes Finanzierungsmodell entschieden: Pro Kilowattstunde Strom führen die Versorger dort einen bestimmten Betrag für den späteren Rückbau der Atomkraftwerke in einen Fonds ab, der vom Staat verwaltet wird. 

Sind am Ende also die Steuerzahler die Dummen, weil sie für die Verschrottung der Atommeiler zahlen müssen?
Klar ist: Jemand muss für die Entsorgungskosten aufkommen. Letztlich kommen dafür nur zwei Gruppen infrage – die Kunden und die Steuerzahler. Wenn die Versorger ausreichende Rückstellungen gebildet haben und auch dann noch solvent sind, wenn es an den AKW-Rückbau geht, haben die Verbraucher dafür jahrzehntelang über ihre Stromrechnungen bezahlt. Sollten RWE, e.on, EnBW und Vattenfall sich verkalkuliert haben, müssten wohl oder übel alle Steuerzahler ran.

Von Jens Heitmann

Deutschland / Weltweit Folterbericht von Amnesty International - Doppelmoral der Gewalt
13.05.2014