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Deutschland / Weltweit Frankreich bringt Gesetz gegen Burka durch
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Frankreich bringt Gesetz gegen Burka durch
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21:52 21.05.2010
In muslimischen Ländern verbreitet, in Frankreich jetzt verboten: Verhüllung durch Burkas.
In muslimischen Ländern verbreitet, in Frankreich jetzt verboten: Verhüllung durch Burkas. Quelle: afp
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Paris. Rund um den Eingang der Metro-Station von Gennevilliers ist nur auf den ersten Blick alles wie früher. An den teils 20 Stockwerke hohen Plattenbauten prangen Graffiti vom Vorjahr. Feuchtigkeit liegt in der Luft. Ein Geruch nach gewaschener Wäsche steigt in die Nase. Musliminnen eilen die Rue des Bas entlang, den Blick gesenkt, das Haar gleich unter zwei Kopftüchern verborgen, eines stramm um die Stirn geknotet, das zweite locker darüber gebunden. Auch junge Männer verhüllen sich. Die Kapuze des Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen, grüßen sie mit arabischem „Salam“, „Frieden“.

In den sechziger Jahren hatten ihre aus Nordafrika stammenden Eltern in dieser Pariser Vorstadt eine Bleibe gefunden. Die Kinder erhielten die französische Staatsbürgerschaft. Der neue Pass verhieß Akzeptanz. Doch die Einwandererfamilien sind hier, am Stadtrand, nicht nur geografisch, sondern auch sozial im Abseits. Das Haar lässt sich verbergen, die Armut nicht. Die Kopftücher der Frauen sind aus Polyester, die Pailletten aus Blech, die Handtaschen aus Plastik.

Aber es ist nicht alles wie früher in Gennevilliers. In der 42 000 Einwohner zählenden Vorstadt ragen die Minarette einer neuen Moschee in den Himmel. Bis zu 3000 Gläubige finden dort Platz. Und eigentlich müsste sich auch das Straßenbild geändert haben. Aber wo sind sie, die von Kopf bis Fuß verschleierten Frauen?

Dabei hatte Frankreichs Innenminister Brice Hortefeux aus Anlass des jetzt beschlossenen Gesetzes zum Verbot der Burka erneut den Ernst der Lage beschworen. „Vor zehn Jahren waren es nur ein paar Dutzend, jetzt gibt es an die 1900 total verschleierte Frauen“, sagte Hortefeux. Die Würde der Frau, das Gebot der Gleichheit und Sicherheitserfordernisse machten ein Verbot unumgänglich.

Einwände von Verfassungsrechtlern fochten die Regierung nicht an. Ende vergangener Woche hatten Juristen erinnert, dass es für ein Verbot keine gesicherte Grundlage gibt. Sie verwiesen auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, nach der Bürger nach ihren Überzeugungen leben dürften und zwar auch dann, wenn sie dies körperlich oder seelisch gefährde.

Jean-Francois Copé, Fraktionschef der regierenden UMP, plädierte um so entschlossener für das Verbot. Der aufstrebende Politiker weiß die Mehrheit seiner Landsleute hinter sich. 57 Prozent der Bevölkerung befürworten ein Verbot der Burka. „Niemand darf in der Öffentlichkeit Kleidung tragen, die dazu dient, das Gesicht zu verhüllen“, heißt es in dem Gesetz. Zuwiderhandlungen sollen mit 150 Euro Geldstrafe geahndet werden. Wer eine Frau zum Tragen des Schleiers zwingt, muss mit einem Jahr Gefängnis und 15 000 Euro Geldstrafe rechnen.

Aber schon vor dem Verbot bleibt ein Streifzug durch die Mietskasernenviertel von Gennevilliers oder durch die Moschee ebenso ergebnislos wie die Erkundung der Vorstädte Asnières und Colombes, wo Muslime ebenfalls das Straßenbild bestimmen. Nicht eine Burka-Trägerin ist zu entdecken, ja nicht einmal eine Frau im Nikab, dieses immerhin die Augenpartie aussparenden Umhangs. Ein Straßenhändler bietet Raub-CDs und Kopftücher feil. Die Frage nach dem Ganzkörperschleier quittiert er mit Kopfschütteln. Aicha und Nabila stehen daneben und kichern. Die Schülerinnen glauben, dass sich auch ohne Verbot kaum eine Frau in Burka oder Nikab vor die Tür wagt. „Schon wenn wir mit unseren Kopftüchern in die Metro steigen, schlägt uns Ablehnung entgegen“, sagt Aicha.

Abdel lächelt milde. „Verschleierte Frauen sind eben sehr selten“, sagt der aus Marokko stammende Franzose und macht eine einfache Rechnung auf: „Schätzungsweise 200 bis 2000 Frauen tragen in Frankreich den Ganzkörperschleier; bei rund sechs Millionen Muslimen kommt eine Burka- oder Nikab-Trägerin auf 1500 bis 15 000 unverschleierte Musliminnen und zahllose Frauen anderer Konfessionen.

Wobei der Lehrer, der an der Sekundarschule von Gennevilliers Technik unterrichtet und zum Beten in die Moschee gekommen ist, in der muslimischen Gemeinde durchaus Veränderungen wahrgenommen hat. Mit Debatten über Frankreichs nationale Identität, Polygamie, Burka-Verbot oder Halal-Hamburger, deren Fleisch von Tieren stammt, die nach muslimischem Ritus geschlachtet wurden, habe die Politik die nach den Anschlägen vom 11. September unter Generalverdacht stehenden Muslime weiter ins Abseits gedrängt, sagt Abdel. „Wir, die wir angeblich eine Bedrohung sind, bekommen es manchmal selbst mit der Angst zu tun“, gesteht der Mann mit dem rundlichen, bärtigen Gesicht. Die Atmosphäre sei angespannt. Draußen prangen Plakate der Gewerkschaft CGT und der Kommunistischen Partei. Sie zeigen Blumen, die statt Blüten Fäuste austreiben, und Hände, die an Gitterstäben rütteln.

Mohammed Moussaoui pflichtet Abdel bei. Der Vorsitzende des „Französischen Rats für muslimische Religionsausübung“ beklagt eine „wachsende Instrumentalisierung des Islam durch die Politik“. Die von Politikern angestoßenen Debatten über Frankreichs nationale Identität oder die Burka führten dazu, dass der Islam zunehmend als Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und des nationalen Zusammenhalts wahrgenommen werde. Die Ablehnung, die den Muslimen entgegenschlage, sei größer denn je, sagt Moussaoui und verweist auf eine Studie, nach der 40 Prozent der Franzosen die muslimische Religionsausübung für unvereinbar mit einem gedeihlichen gesellschaftlichen Zusammenleben halten. Das sei der schlechteste Wert seit Jahrzehnten, versichert der Korangelehrte. Ein Verbot der Burka, die von der überwältigenden Mehrheit der französischen Imame wie auch der muslimischen Bevölkerung ohnedies abgelehnt werde, sei überflüssig. Es bringe den Islam noch mehr in Verruf.

Was Moussaoui nicht sagt, was aber ebenfalls statistisch belegt ist: Wer sich gesellschaftlich an den Rand gedrängt, ja angefeindet fühlt, wendet sich erst recht der Religion zu und sucht sein Heil womöglich bei Hasspredigern. So haben Meinungsforscher herausgefunden, dass Frankreichs Muslime die Gebote des Korans ernster nehmen als je zuvor. Der Anteil derer, die versichern, während des Ramadan einen Monat lang zu fasten, hat den Rekordwert von 70 Prozent erreicht.

Rachid Bakhalq kennt das alles, die Gettos am Stadtrand, das den Muslimen entgegenschlagende Misstrauen. In einem der Gettos ist er selbst aufgewachsen mit seinen vier Geschwistern und dem als Lastwagenfahrer arbeitenden marokkanischen Vater. Aber der 31-jährige Franzose hat sich aus dem Elend herausgearbeitet, eine Elitehochschule in Bordeaux besucht und in London bei General Motors angeheuert. Bakhalq träumt davon, in Frankreich eine Supermarktkette für Muslime zu gründen, die Halal-Produkte anbieten, also Waren, die als mit islamischen Regeln vereinbar gelten. Den ersten „Hal’Shop“ gibt es schon. Bakhalq hat ihn in der Vorstadt Nanterre eröffnet. „Ganz simpel“ nennt der Mann mit der Designerbrille seine Erklärung dafür, dass Frankreichs Muslime derzeit „in Verruf gebracht“ würden: „Integration kostet Geld, verlangt Investitionen in Soziales und Bildung, erfordert Arbeitsplätze“. All dies könne die Regierung derzeit nicht bieten. Also, folgert er, grenze sie jene aus, die sie nicht integrieren kann.

Axel Veiel