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Deutschland / Weltweit Gaddafi lässt „Sieg“ in Tripolis feiern
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Gaddafi lässt „Sieg“ in Tripolis feiern
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14:52 06.03.2011
Aufständische in Ras Lanuf. Quelle: dpa
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Die Lage an den Brennpunkten Libyens wird immer unübersichtlicher: Während in Tripolis Anhänger von Staatschef Muammar al-Gaddafi am Sonntag den vermeintlichen Sieg über die Aufständischen in zahlreichen Städten des Landes feiern, werden diese Berichte von der Gegenseite umgehend dementiert. Diplomaten aus Großbritannien führten im Osten Libyens erstmals Gespräche mit den Rebellen. Auch ein Team der EU wollte sich ein Bild von der Lage machen - allerdings in Tripolis. Gaddafi forderte unterdessen eine „Untersuchung“ des Aufstands durch eine Kommission der Vereinten Nationen (UN) oder der Afrikanischen Union (AU).

Mit Freudenschüssen und einem kleinem Feuerwerk feierten Gaddafi-Anhänger kurz vor dem Morgengrauen im Zentrum von Tripolis. Zuvor hatte das Staatsfernsehen die angebliche Rückeroberung schwer umkämpfter Städte wie Al-Sawija, 50 Kilometer westlich von Tripolis, oder dem tief im Rebellenland gelegenen Tobruk gemeldet. Zudem hieß es, die Regierungstruppen seien auf dem Vormarsch zur Hafenstadt Bengasi. Am Vormittag strömten Gaddafi-Anhänger auf dem Grünen Platz zusammen. Sie hielten Bilder des Diktators in die Höhe und riefen: „Muammar, Muammar, du bist Libyen!“.

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Aufständische und Augenzeugen widersprachen diesen Darstellungen. Ein Mitglied des Nationalrats von Misurata, 210 Kilometer östlich von Tripolis, sagte dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira, die Gaddafi-Gegner hätten die Stadt weiter fest unter ihrer Kontrolle. Ein Bewohner der Stadt sagte später, dass Regimetruppen versuchten, aus dem Westen und Süden in die Stadt vorzudringen. Kampflärm sei zu hören gewesen.

Im schwer umkämpften Al-Sawija gelang es den Aufständischen nach eigenen Angaben, die Gaddafi-Truppen in der Nacht zum Sonntag aus dem Inneren der Stadt zurückzudrängen. Zugleich hätten die Regierungstruppen die Stadt umzingelt. Der Wahrheitsgehalt der widersprüchlichen Behauptungen konnte zunächst nicht überprüft werden.

Auch in Ras Lanuf, das die Rebellen in der Nacht zum Samstag erobert hatten, konnten westliche Journalisten, die dort in einem Hotel übernachteten, am Sonntag zunächst keine Veränderungen erkennen. Später sei Feuer von Luftabwehrgeschützen der Rebellen zu hören gewesen, sagte ein BBC-Korrespondent. Bei Kämpfen in der Nähe der Stadt wurde ein französischer Reporter verletzt, berichtete ein Augenzeuge.

Der ganze östliche Landesteil von Ras Lanuf über Bengasi bis zur ägyptischen Grenze wird weiter von den Gaddafi-Gegnern kontrolliert. In Bengasi konstituierte sich am Samstag ein Nationalrat, der die Aufständischen politisch vertreten will. Das Gremium forderte die internationale Gemeinschaft auf, über Libyen eine Flugverbotszone zu errichten, damit Gaddafi „nicht sein eigenes Volk bombardieren“ könne.

Der Diktator forderte indes eine Untersuchung des Aufstandes gegen sein Regime durch eine Kommission der UN oder der Afrikanischen Union. „Wir werden ein solche Gruppe ungehindert arbeiten lassen“, sagte er der französischen Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“. Zugleich machte er, wie schon bisher, „Terroristen“ für die Rebellion verantwortlich. „Ich bin erstaunt, dass niemand versteht, dass dies ein Kampf gegen den Terrorismus ist“, sagte er.

Im Osten des Landes nahmen britische Diplomaten erstmals Kontakt zu den Aufständischen auf. Dabei wurden allerdings nach einem Bericht der „Sunday Times“ bis zu acht SAS-Soldaten, die diese Diplomaten eskortiert hatten, von Rebellen gefangen genommen. Der britische Verteidigungsminister Liam Fox bestätigte im Gespräch mit der BBC nur, dass ein Team von Diplomaten nach Bengasi geschickt worden sei.

Vom Gaddafi-Regime werden in Libyen drei niederländische Marineflieger festgehalten. Sie hatten Mitte der Woche versucht, zwei Landsleute aus Sirte auszufliegen und waren dabei von Regierungstruppen gefangen genommen worden. Sie werden jetzt der Spionage bezichtigt.

Zur Vorbereitung des Libyen-Sondergipfels am kommenden Freitag schickte die Europäische Union am Sonntag ein internationales Erkundungsteam in Richtung Tripolis. Die Gruppe soll in den nächsten Tagen prüfen, wie die 27 EU-Staaten weitere Unterstützung für die Menschen im Land leisten können. Ziel der Mission seien Informationen aus erster Hand und in Echtzeit, ließ die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton am Sonntag in Brüssel mitteilen.

Der Afrikabeauftragte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Günter Nooke, forderte den Westen auf, mit Blick auf die Umstürze in der arabischen Welt und in Nordafrika die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. „Bei Gaddafi in Libyen und in Nordafrika wundern wir uns jetzt über Menschen und Diktatoren, die dort an der Macht waren und mit denen wir viel zu lange viel zu freundlich geredet haben,“ sagte Nooke in einem Interview der Berliner Wochenzeitung „Das Parlament“.

Drei Schiffe der deutschen Marine legten in der Nacht zum Sonntag im tunesischen Hafen Gabes ab und nahmen Kurs auf die ägyptische Hafenstadt Alexandria. Wie das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam mitteilte, befinden sich an Bord der Fregatten „Brandenburg“ und „Rheinland-Pfalz“ sowie des Versorgers „Berlin“ insgesamt 412 ägyptische Gastarbeiter. Der Bundeswehreinsatz ist Teil einer internationalen Hilfsaktion zur Bewältigung des Flüchtlingsstroms aus Libyen.

Papst Benedikt XVI. richtete in seinem Sonntagsgebet seine „von Herzen kommenden Gedanken“ an Libyen, „wo die jüngsten Zusammenstöße viele Tote und eine wachsende humanitäre Krise verursacht haben“.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.