Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Goldman Sachs und die Abwesenheit der Moral
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Goldman Sachs und die Abwesenheit der Moral
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:20 28.04.2010
Erfolgreich, weil „unsere Kunden uns vertrauen“: Bankchef Blankfein.
Erfolgreich, weil „unsere Kunden uns vertrauen“: Bankchef Blankfein. Quelle: ap
Anzeige

„Es scheint, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen.“ Max Baucus, demokratischer Senator aus Montana, bringt am Ende eines langen Tages die Frustration seiner Kollegen auf den Punkt. Fast elf Stunden lang hat der Untersuchungsausschuss zur Finanzkrise den Spitzenmanagern der erfolgreichsten und umstrittensten Wall-Street-Bank vergeblich das Eingeständnis zu entlocken versucht, dass ihr Milliardenspiel an den Finanzmärkten auch eine moralische Komponente hat. Vergeblich. Zu einem dieser Geschäfte, das die deutsche IKB-Bank in die Pleite trieb, läuft ein Betrugsverfahren der US-Finanzaufsicht. Hunderttausende Menschen haben die Zockereien die finanzielle Existenz gekostet hat. Eine Lappalie für die Banker. Mit der Lebenswirklichkeit von Durchschnittsmenschen haben ihr Denken und ihr Handeln schon lange nichts mehr zu tun.

„Sie haben ihren Kunden ein Finanzpapier verkauft, während Sie selbst darauf wetteten, dass es platzen würde. Sehen Sie darin keinen Interessenkonflikt?“, fragt der Ausschussvorsitzende Carl Levin den Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein. „Das Vertrauen unserer Kunden ist der Grund, warum wir so erfolgreich sind“, sagt Blankfein. „Wir haben Belege, dass Ihre eigenen Leute Ihre Produkte für Schrott hielten. Das stört Sie nicht?“, hakt Levin nach. „Ich kann dieser Charakterisierung nicht zustimmen“, antwortet der Vorstandschef treuherzig. Glaubt er das wirklich? Wahrscheinlich. Schließlich hat vor nicht allzu langer Zeit noch behauptet, bei Goldman Sachs werde „Gottes Werk“ verrichtet. „Wir drehen uns im Kreis“, muss Levin sich schließlich frustriert eingestehen.

Während in einem Nebengebäude des Kapitols die letzte Finanzkrise verhandelt wird, blasen draußen auf den Finanzmärkten die Spekulanten schon wieder zur Jagd. Diesmal auf Griechenland. Vor ein paar Jahren hat Goldman den Griechen dabei geholfen, einen Teil ihrer Staatsschulden in komplizierten Finanzkonstruktionen zu verstecken. An diesem Montag (US-Ostküstenzeit), an dem die meisten Bankaktien in den Keller sacken, bleibt der Kurs von Goldman Sachs stabil. Die Börse beeindrucken die Fragen der Politiker nicht.

„Ich glaube nicht, dass wir unsere Kunden darüber informieren mussten, wenn wir selber Positionen gegen ein von uns verkauftes Produkt einnahmen“, sagt Goldman-Chef Blankfein. Ihm widerstrebt es sichtlich, dass die Senatoren von „Wetten“ anstatt von „Geschäften“ redeten. Sogar die Republikaner, die bei der Reform der Finanzmärkte auf die Bremse treten, gehen da auf Distanz. „Es ist eine Beleidigung für Las Vegas, für Ihre Geschäfte das Wort Casino zu gebrauchen. Am einarmigen Banditen können Sie wenigstens sicher sein, dass niemand das Gerät manipuliert, während Sie spielen“, schnauzt der republikanische Senator John Ensign aus dem Zockerparadies Nevada. „Ihre Geschäftspraktiken sind unethisch“, schiebt der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hinterher.

Aber wenn Goldman Sachs aus dem Aufruhr der vergangenen Wochen Konsequenzen ziehen sollte, dann wird das am ehesten sein, dass interne E-Mails künftig unwiederbringlich gelöscht werden. Die Senatoren graben aus der in dicken Aktenordnern gebündelten Korrespondenz der Jahre 2006 bis 2008 ein peinliches Zitat nach dem anderen aus. Von „zu Limonade verwandelten faulen Zitronen“ ist da die Rede, von „Schrottpapieren“, gar von „beschissenen Investments“. So haben Goldmans Mitarbeiter intern die Produkte beschrieben, die sie bis zum Zusammenbruch der Finanzmärkte weiter ihren Kunden verkauften. Unübertroffen allerdings sind die Mails, die Fabrice Tourre, der einzige Goldman-Sachs-Angestellte, der bereits wegen Betrugs angeklagt ist, an seine Freundin verschickt hat. Da gefällt er sich selbst als der „fabulous Fab“, der großartige Fabrice, der „Frankensteinprodukte“ aus „purer Lust an intellektueller Masturbation“ für nichtsahnende Witwen und Waisen zusammenbastelt.

Die Ausschussmitglieder stöhnen, die Elite der Wall-Street-Händler stochert derweil lustlos in den Aktenbündeln herum, in denen die belastenden Indizien gesammelt sind. Die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen – etwas besseres fällt ihnen nicht ein. Es sei alles nicht so gemeint gewesen. Auf klare Fragen gibt es nebulöse Antworten. „Es ist offensichtlich, dass Sie hier nur Zeit schinden wollen“, schimpft die republikanische Senatorin Susan Collins aus Maine.

Sie trifft vermutlich den Kern. Goldman Sachs hat schon ganz andere Krisen überstanden. Vor 140 Jahren hat Marcus Goldman, Sohn eines deutschen Viehhändlers und im unerbittlichen New York des 19. Jahrhunderts zunächst als Straßenhändler erfolgreich, die Bank gegründet. Angefangen hat er mit dem Handel von Diamantenpapieren. Heute handelt Goldman Sachs mit allem. Lange war die Bank in Familienbesitz, dann im geschlossenen Kreis von handverlesenen Gesellschaftern. Erst 1999 ging die Firma unter Henry Paulson, George W. Bushs späterem Finanzminister, an die Börse. Doch als verschworene Gemeinschaft gelten die rund 32 000 bestens bezahlten Mitarbeiter noch heute. Gnadenloser Erfolgswille und ein Abschluss unter den Jahrgangsbesten einer amerikanischen Eliteuniversität sind Einstellungsvoraussetzungen.

„Die Kultur von Goldman Sachs ist unverwechselbar“, heißt es in einer Selbstdarstellung der Firma. „Sie hilft uns, die besten Talente anzuziehen und zu halten.“ In „Die Partner“, einem Porträt von Goldman Sachs, schlägt der Autor Charles Ellis einen etwas anderen Ton an: „Leute, die einen Fehler machen oder etwas übersehen, werden gnadenlos aufgespürt.“

Als eines der wenigen Finanzinstitute machten die in einem New Yorker Bürogebäude ohne Firmenschild residierenden Banker mitten in der Krise wohl auch wegen der firmeneigenen Brutalität im Inneren satte Gewinne. 2009 belief sich der Profit auf 13 Milliarden Dollar. Die verwalteten Vermögenswerte sind mit etwa 850 Milliarden Dollar (rund 650 Milliarden Euro) zweieinhalb mal so groß wie das Bruttoinlandsprodukt von Griechenland. Als Großkunden wie der Versicherer AIG wegen ihrer von Goldman Sachs beförderten Spekulationen pleite zu gehen drohten, bezahlte der amerikanische Steuerzahler die Forderungen der Bank. Auch deshalb ist Goldman Sachs zum Symbol für alles geworden, was an der Wall Street schiefgelaufen ist.

Selbstverständlich sei man für die Reform der Finanzmärkte, räumt nun der Firmenchef Blankfein gegen Ende der Marathonsitzung aufs höflichste ein. Dass dann manche Transaktionen, die er gerade noch verteidigt hat, gar nicht mehr stattfinden dürften, erwähnt er nicht.

„Goldman Sachs ist zur Zeit im Blick der Öffentlichkeit, aber Sie haben nur getan, was alle an der Wall Street gemacht haben. Eigentlich müssten noch vier oder fünf von Ihren Konkurrenten neben Ihnen auf der Bank sitzen“, sagt erschöpft die Senatorin Claire McCaskill aus Missouri. „Ich wüsste etwas Gesellschaft sehr zu schätzen“, erwiderte der Goldman-Chef – und lacht der Inquisition völlig entspannt ins Gesicht.

Andreas Geldner