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Deutschland / Weltweit Große Unterschiede in Europa
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09:09 01.11.2013
Von Lars Ruzic
Die Mehrheit der EU-Länder bittet Autofahrer mit Maut zur Kasse. Quelle: dpa
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Hannover

Die Hannoveraner wollen auf die kroatische Ferieninsel Krk. Für Österreich und Slowenien müssen sie Vignetten kaufen. Die Tunnel kosten jeweils extra. In Kroatien zahlen sie für jeden Autobahnkilometer – und die Brücke nach Krk natürlich ebenfalls obendrauf. Am Ende werden für einmal Hin- und Zurückfahren fast 90 Euro an Mautgebühren fällig. Die Dänen dagegen zahlen weder in ihrer Heimat noch in Deutschland Maut. Ihr Urlaubsziel in Tirol erreichen sie ebenfalls ohne Mehrkosten. Gleich hinter der deutsch-österreichischen Grenze fahren sie in Kufstein von der Autobahn ab. Mautkosten für Hin- und Rückfahrt: gleich null.

So unterschiedlich sind die Reisebedingungen heute in Europa. Allein innerhalb der EU verfügen inzwischen 15 der 28 Mitgliedsländer über ein flächendeckendes Mautsystem für Pkw. Im Kern sind es nur noch Deutschland, Großbritannien, die Benelux- und die skandinavischen Länder, die Otto Normalfahrer – von Sonderbelastungen wie Brücken-, Tunnel- oder City-Maut abgesehen – mit Gebühren verschonen. Im Süden und Osten des Kontinents ist daraus längst ein Milliardengeschäft erwachsen. Dass in Deutschland ausgerechnet die CSU die Pkw-Maut für Ausländer vorantreibt, ist deshalb nicht verwunderlich. Die Bayern werden in allen angrenzenden Ländern zur Kasse gebeten.

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Mit der Privatisierung der Infrastruktur hat der Staat Verantwortung delegiert. Hinter den Betreibern stehen oft Großkonzerne, die erkleckliche Gewinne aus dem System ziehen. So betreibt Vinci, der größte Baukonzern Europas, mehr als 4000 Autobahnkilometer in Frankreich. Das brachte im vergangenen Jahr Einnahmen von 4,4 Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis von 2 Milliarden Euro. Das Mautgeschäft macht keine 12 Prozent des Konzernumsatzes aus, steht aber für mehr als die Hälfte des operativen Gewinns.

Acht Jahre Maut

Deutschland ist seit acht Jahren Mautland – zumindest für Lkw. Das hochmoderne satellitengestützte Erfassungssystem von Toll Collect hatte seine Anlaufprobleme, funktioniert inzwischen aber reibungslos. Gut 4,3 Milliarden Euro sammelt das Konsortium um Deutsche Telekom, Daimler und die Vinci-Tochter Cofiroute jährlich an Mauteinnahmen für den Bund ein. Und verdient dabei selbst auch nicht schlecht: Rund 530 Millionen Euro ließ sich der Bund die Toll-Collect-Dienste zuletzt kosten. Davon blieben 80 Millionen Euro Nettogewinn. Der Vertrag beider Partner läuft noch bis 2015 und kann um drei Jahre verlängert werden.

 lr

Nicht viel anders sieht es in Österreich aus, wo die staatseigene Asfinag das komplette Autobahnnetz des Landes unterhält, ausbaut und vermarktet. Im vergangenen Jahr setzte sie mit Pkw- und Lkw-Maut insgesamt 2 Milliarden Euro um, vor Steuern und Zinsen (Ebit) verblieb ein Gewinn von einer Milliarde Euro. Marge: 50 Prozent. Rund 400 Millionen Euro muss der Konzern allerdings pro Jahr allein an Zinsen an die Gläubiger zahlen. Die Asfinag bekommt vom Staat keinen Cent, sie holt sich das Geld für Investitionen in Erhalt und Ausbau des Netzes am Kapitalmarkt über Anleihen – für sie kein Problem, da Österreich dafür bürgt. Das garantiert dem Unternehmen Top-Bonitätsnoten und Billigstkonditionen. Gerade hat Asfinag wieder eine Milliarde Euro eingesammelt – zu einem Zins von 1,75 Prozent.

„16 Jahre nach dem Start ist die Maut bei den Österreichern voll akzeptiert“, beteuert ein Asfinag-Sprecher mit dem Verweis auf Umfragen. Für 80,60 Euro könne man das ganze Jahr durchs ganze Land fahren – das sei nicht viel. Die Ausländer werden im Verhältnis dazu kräftig zur Kasse gebeten. Wer wie die hannoversche Familie mit dem zweiwöchigen Adria-Urlaub nur zweimal zwei Stunden durchs Land fährt, muss dafür 16,60 Euro berappen – Tunnelgebühren noch gar nicht eingerechnet.

So machen Urlauber und Transitverkehr zwar die Hälfte der Pkw-Vignettenerlöse aus, das aber entspricht gleichzeitig nur einem Zehntel des Konzernumsatzes. Und trotzdem betreibe man einen großen Aufwand für diesen Teil des Geschäfts, so der Asfinag-Sprecher. So müssten 6000 Verkaufsstellen mit Vignetten versorgt werden. Den weitaus größten Anteil des Umsatzes macht bei der Asfinag die Lkw-Maut aus.

Mit diesem Argument wendet sich auch der ADAC gegen eine Pkw-Maut für Ausländer in Deutschland. Auf sie entfielen nur 6 Prozent des Verkehrs, sagte ein Sprecher des Verkehrsklubs. Angesichts erwarteter Gesamteinnahmen von 3 Milliarden Euro aus der Pkw-Maut entfielen lediglich 260 Millionen Euro auf Ausländer. Dieser Betrag lohne den ganzen Aufwand nicht.