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Deutschland / Weltweit Grüne starten mit Attacken gegen Merkel
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Grüne starten mit Attacken gegen Merkel
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23:06 24.09.2009
Der Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen für die Bundestagswahl 2009: Jürgen Trittin. Quelle: ddp (Archiv)
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Es ist Donnerstagabend vor der Wahl und aufgeben ist nicht. Die Grünen nutzen die letzten 72 Stunden bis zum Schließen der Wahllokale für ihren Endspurt. 200 Freiwillige beantworten in der Wahlkampfzentrale rund um die Uhr Bürgerfragen, während die Parteispitze gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wettert, was das Zeug hält.

„Die Frau kann es nicht“, ruft Trittins Partnerin im Grünen-Spitzenduo, Renate Künast, auf den Schöneberger Marktplatz. Die Hilfen aus den Konjunkturpaketen hätten sich nicht bewährt, Deutschland sei heute so hoch verschuldet wie nie zuvor und habe seine Rolle als Vorreiter in der Klimapolitik verloren. Merkel habe sich lediglich „als Klimakanzlerin stilisiert“, aber nichts für eine gute Klimapolitik getan. Statt dessen sei sie vor Lobbyinteressen eingeknickt, vor Energie- und Automanagern ebenso wie vor Bankvorständen. „Diese Kanzlerin hat an keiner Stelle etwas Neues angefangen“, schimpft Künast.

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Trittin wirft Merkel „Verlogenheit“ vor. Es sei unaufrichtig, sich vor Eisbergen fotografieren zu lassen und dann die „UN-Klimakonferenz zu schwänzen“. Ebenso verlogen sei es, zum G20-Gipfel zu reisen, um Pläne gegen Steueroasen zu schmieden, während die Schwesterpartei CSU ganz Bayern zur Steueroase machen wolle.

Auch an ihrem Wunsch-Koalitionspartner SPD lassen Trittin und Künast nichts Gutes. Genüsslich zählen sie die Fehler der Sozialdemokraten in der großen Koalition auf. Die Abwrackprämie etwa sei nichts anderes als „Saufen gegen den Kater“ gewesen, ätzt Trittin und erntet Applaus. „Die Sozialdemokraten in Deutschland darf man beim Regieren nicht alleine lassen“, mahnt Künst. Die Taktik der SPD laute „Rot-Grün antäuschen und dann doch ins Schwarz-Rote flüchten“. Es dürfe nun kein „Weiter so“ geben.

Vor der Bühne stehen ein paar Hundert Zuhörer - viele Junge, viele Familien. Sie schwenken grüne Plakate und Fahnen. Dazu gibt es Würstchen und Bio-Kaffee. Der Applaus ist am Anfang verhalten und wird immer stärker, desto heftiger die Attacken gegen Merkel werden. So wünschen sich die Grünen auch den Anstieg bei der Wählermobilisierung.

30 bis 40 Prozent der Wähler seien noch unentschieden, sagt Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke. Die müsse man nun ansprechen. Etwa 200 Freiwillige schieben dafür nun Nachtschichten und hocken abwechselnd in der Wahlkampfzentrale der Grünen, um ohne Pause Fragen von potenziellen Wählern zu beantworten - im Internet, in sozialen Netzwerken und am Telefon. “3 Tage wach“ nennen die Grünen das.

Künast und Trittin, wie auch die Grünen-Chefs Claudia Roth und Cem Özdemir, schwärmen in der Zwischenzeit wieder aus, um in ganz Deutschland um Stimmen zu werben. Das ist auch nötig. Die jüngsten Umfragewerte der Grünen sind zwar gut - sie liegen klar über dem Ergebnis von 2005. Mit dem Ziel, dritte politische Kraft vor der FDP zu werden, dürfte es aber schwierig werden. Damit schwinden auch die Chancen, aus der Opposition herauszukommen. Die Grünen haben eine „Jamaika“-Koalition bereits vor Monaten kategorisch ausgeschlossen. Weil die FDP keine „Ampel“ will und die SPD keine Zusammenarbeit mit der Linken, fallen die übrigen Dreier-Konstellationen ebenso weg. Den Grünen fehlt eine Machtperspektive.

Vom Regieren reden Künast und Trittin denn auch nicht in Schöneberg - statt dessen von „starken Grünen“ und davon, Union und FDP einen Strich durch die Rechnung zu machen. „Wir können Schwarz-Gelb verhindern“, ruft Trittin. Die „zur Schau gestellte Siegesgewissheit“ von Union und FDP bekomme Risse. Die Umfragewerte gingen nach unten. „Es wird verdammt knapp werden“, sagt er. „Das Rennen für Sonntag ist noch völlig offen“, beschwört auch Künast, „geschlafen wird nicht, das geht jetzt durch.“

ddp

Reinhard Urschel 24.09.2009
Gabi Stief 25.09.2009
Stefan Koch 24.09.2009