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Deutschland / Weltweit Guttenberg hat Passagen seiner Doktorarbeit abgeschrieben
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Guttenberg hat Passagen seiner Doktorarbeit abgeschrieben
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21:16 16.02.2011
Von Stefan Koch
Karl-Theodor zu Guttenberg: War ihm Schnelligkeit wichtiger als Redlichkeit?
Karl-Theodor zu Guttenberg: War ihm Schnelligkeit wichtiger als Redlichkeit? Quelle: dpa
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Für manchen, der schon in Schwierigkeiten steckt, laufen die Dinge am Ende einfach nur noch unglücklich. In der kommenden Woche will Karl-Theodor zu Guttenberg in Nürnberg als Redner vor 4000 Führungskräften auftreten, die sich in besonderem Maße christlicher Ethik verpflichtet fühlen. „Mit Werten in Führung gehen“, heißt das Thema seines Referats. Ausgerechnet wenige Tage zuvor sieht sich der Verteidigungsminister jetzt dem Vorwurf ausgesetzt, er selbst nehme es mit der Ethik nicht so genau.

Diverse Dokumente zeigen: Guttenberg hat in seiner im Jahr 2007 veröffentlichten Dissertation fremde Gedanken als seine eigenen präsentiert. Es beginnt, in frappierender Weise, mit der Einleitung, die aus einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ entnommen wurde. Und es geht dann an einer Vielzahl von Stellen weiter.

Auf die Seltsamkeiten stieß der Bremer Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano. Der Jurist hatte sich am Sonnabend in Guttenbergs Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ vertieft. Bei einem Schnelltest im Internet stellte der Professor fest, dass mehrere Passagen einem Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ entnommen waren, ohne dass sie in den Fußnoten kenntlich gemacht wurden. An insgesamt acht Stellen fehlen nach Einschätzung von Fischer-Lescano die entsprechenden Hinweise.

„Ich finde den Vorgang wissenschaftlich so skandalös, dass es eigentlich nur eine Entscheidung geben kann: die Aberkennung des Doktortitels“, sagt Fischer-Lescano.

Wo beginnt das Plagiat? Rein rechtlich gesehen muss der Verfasser gewusst und gewollt haben, dass sein Leser über die wahre Urheberschaft der Zeilen getäuscht wird. Im Zeitalter der elektronisch zusammengestellten Texte kommt es vor, dass ganze Satzteile oder Sätze übernommen werden: kopieren, zwischenspeichern, einblenden. Auch dem Redlichsten unterlaufen da mitunter Fehler. Als lässliche Sünde gilt in Wissenschaftlerkreisen, wenn mitunter die eine oder andere Zeile kopiert wurde oder ganze Fußnotenapparate ohne eigene Prüfung jeder einzelnen Quelle abgeschrieben sind.

„Bei Guttenberg aber“, urteilt der Bremer Rechtsprofessor Fischer-Lescano, „ist die Bagatellgrenze von wenigen Zeilen bei Weitem überschritten.“

In der Fachzeitschrift „Kritische Justiz“, die Ende des Monats erscheint, prangert Fischer-Lescano die Arbeitsweise des heutigen Ministers scharf an. Textauszüge lieferte am Mittwochmorgen die „Süddeutsche Zeitung“. Am Nachmittag legte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nach: Die Einleitung der 2007 veröffentlichten Dissertation sei aus einem Artikel der FAZ fast wortwörtlich abgeschrieben, den zehn Jahre zuvor die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig veröffentlicht hatte. Das Zitat sei nicht kenntlich gemacht worden. Lediglich im Literaturverzeichnis ist Zehnpfennigs Text aufgeführt. „Das ist eindeutig ein bewusstes Plagiat“, zitierte die FAZ den Dresdener Medienwissenschaftler Stefan Weber.

Bereits in seinem Vorwort hatte Guttenberg damals eingeräumt, dass es ihm nicht leicht gefallen war, diese Arbeit abzuschließen. Ihm fehlte schlicht die Zeit. Er stand in seiner zweiten Legislaturperiode im Bundestag und war ein viel gefragter Gesprächspartner. Als Sicherheitspolitiker profilierte er sich seinerzeit in Berlin, Brüssel und Washington. Doch wie eine schwere Last lagen an seiner heimischen Universität Bayreuth noch immer die ersten Unterlagen für seine Dissertation.

Guttenberg wollte auch diese Hürde nehmen, galt der Titel in der von „Dr. Edmund Stoiber“ geführten CSU doch als Voraussetzung für höhere Weihen. Der viel beschäftigte Abgeordnete wählte offenbar eine Abkürzung, um die Promotion zu Ende zu bringen.

In der Union blicken jetzt viele mit einigem Erstaunen auf den populären jungen Minister, der eben noch als der kommende Mann gefeiert worden war. Manche beschönigen die Dinge mit dem Hinweis, Guttenberg, ein Mann des Jahrgangs 1971, sei nun mal ein Vertreter einer neuen Generation, der es mehr auf Schnelligkeit als auf Redlichkeit ankomme. Andere wiederum sagen, nun sei Guttenberg entlarvt: als einer, dessen Showtalent größer sei als die Substanz dessen, was er selbst vorzubringen habe. Beide Gruppen sind indessen in einem Punkt einig: Entscheidend sei, wie der Minister nun mit der Affäre umgehe.

Für den Politiker Guttenberg könnte es eng werden in diesem Frühjahr. Die Vorgänge auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ harren ebenso der Aufklärung wie die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Privatpost von Soldaten im Einsatzgebiet reihenweise geöffnet wurde. Die Umstände des Unfalltodes eines Soldaten in Afghanistan wurden nur verspätet dem Bundestag gemeldet. Dies alles nährte das Misstrauen gegenüber Guttenberg im Parlament, nicht nur, aber natürlich vor allem in den Reihen der Opposition.

Jürgen Trittin rieb sich am Mittwoch bereits die Hände: „Egal ob es ein vorsätzliches Plagiat war oder einfache Schlamperei, Guttenberg hat jetzt jedenfalls zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann“, sagt der Grünen-Fraktionschef. Auch die Sozialdemokraten mochten ihre Schadenfreude nicht verhehlen. „Kein Politiker wird gezwungen, eine Doktorarbeit zu schreiben“, sagt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. „Aber wer eine schreibt, muss korrekt zitieren.“