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Deutschland / Weltweit Heiner Geißler und die Suche nach der richtigen Frage
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16:40 22.10.2010
Von Reinhard Urschel
Im Oktober 2010 geht Geißler als Schlichter für „Stuttgart 21“ an den Start.
Im Oktober 2010 geht Geißler als Schlichter für „Stuttgart 21“ an den Start. Quelle: dpa
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Dass er etwas Jesuitisches an sich habe, sagt man Heiner Geißler mit Recht nach, schließlich hat er am Ordenskolleg in St. Blasien im Schwarzwald sein Abitur gemacht und ist danach vier Jahre lang Novize der „Societas Jesu“ gewesen. Gemeint sind aber nicht die äußeren Zeichen der Zugehörigkeit, schließlich ist der junge Mann aus Oberndorf am Neckar im Alter von 23 Jahren aus dem Orden ausgetreten, weil er merkte, dass er von dem Ordensgelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam zwei Gelübde nicht würde einhalten können: „Die Armut war es nicht.“

Es muss also vielmehr das Wesen des Heiner Geißler sein, das mit dem Verweis auf den katholischen Eliteorden beschrieben werden soll. Offensichtlich vermittelt er das „jesuitisch raffinierte“, das Herbert Wehner auch bei Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels ausgemacht haben will und das Willy Brandt – Zufall oder nicht – zu dem berühmten Vorwurf an Heiner Geißler anstachelte, er sei „der schlimmste Hetzer seit Goebbels“.

Schon allein aus dem Lebensweg und den Urteilen über ihn lässt sich schließen, dass der frühere Generalsekretär der CDU und langjährige Sozial- und Familienminister unter Helmut Kohl in Rheinland-Pfalz und im Bund, ein vielfältiger, ja schillernder Charakter sein muss. Außerdem gibt es offensichtlich ein früheres und ein jetziges Leben des Heiner Geißler. Aber wer dies auf die Formel reduzieren möchte, früher sei der ein strammer Konservativer gewesen, ein Marxistenfresser gar, und jetzt, vom Alter und von den Folgen eines Absturzes mit dem Gleitschirm gebeugt, sei er ein Linker geworden, der irrt. Dieser Mann hatte schon immer einen eigenen Kopf, und er dachte nicht daran, ihn nur so zu gebrauchen, wie ein Orden, eine Partei oder gar ein Kanzler dies von ihm verlangte. Die große Leidenschaft des Heiner Geißler ist, neben der allgegegenwärtigen Politik, die Bergsteigerei. Dort muss sich jeder einen eigenen Weg suchen, muss jeder jeden Stein selbst prüfen, ob er ihn trägt. Daran hat sich Geißler auch in der Politik gehalten.

Studiert hat er Philosophie an der von Jesuiten betriebenen Hochschule für Philosophie München und anschließend Rechtswissenschaften in München und Tübingen. 1960 promovierte er zum Dr. jur. mit der Arbeit „Das Recht der Kriegsdienstverweigerung nach Art. 4 Abs. 3 des Grundgesetzes“.

In seiner Partei CDU hat er die Ochsentour hinter sich, hinauf bis zum Generalsekretär (1977). Er gehörte in Mainz mit Bernhard Vogel, Johann Wilhelm Gaddum, Hanna-Renate Laurien zur jungen Garde des ebenfalls jungen Helmut Kohl, in einer Zeit, als der Pfälzer wohl selbst noch die Auffassung vertreten hat, dass die Parteien nicht allein dazu da seien, die Politik zu organisieren, sondern dass eine Partei das Konzept für eine offene, pluralistische Gesellschaft entwickeln und weiterentwickeln müsse. Zwischen 1977 und 1989 managte er drei erfolgreiche Bundestagswahlen, verpasste seiner Partei ein neues Grundsatzprogramm, trimmte die CDU-Außenpolitik auf dem Jugendparteitag in Hamburg in Richtung einer späteren Koalition mit der FDP. Dass es in der CDU mit einem Mal so etwas Unerhörtes gab wie Frauenpolitik, auf dem Bundesparteitag 1985 in Essen, war Geißlers Verdienst.

1989 war Kohl die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem eigensinnigen Gefährten leid. Geißlers Generalsekretärszeit war beendet. Immerhin schaffte er es von 1994 bis 2002 wieder in den CDU-Bundesvorstand.

Seine intellektuelle Schärfe richtete Geißler gegen jeden, den er auf einem falschen Weg wähnte. In der Bundestagsdebatte gegen den Nato-Doppelbeschluss richtete sich das gegen Otto Schily und Joschka Fischer, denen er entgegenschleuderte, der Pazifismus der dreißiger Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht. Die CDU mahnte er, selbst zu denken, unter Helmut Kohl sei sie eine „führerkultische Partei“.

Seit dem Ausscheiden aus dem CDU-Bundesvorstand 2002 ist der heute 80-jährige Geißler ohne ein öffentliches Amt, seine Mitgliedschaft bei „Attac“ ist eine einfache. Ein Mann mit der Fähigkeit des Zuspitzens aber wird auch ohne Institution im Rücken gehört. Geißler nutzt das zur Kritik am Kapitalismus, den er auf dem falschen Weg sieht. Ein „Homo politicus“ mit dieser Bandbreite wird offenbar vielerorts als geeigneter Schlichter angesehen, bei Tarifauseinandersetzungen ist er schon häufig gerufen worden. Jetzt also bei „Stuttgart 21“.

Wer die Herangehensweise Geißlers verstehen will, sollte die Anekdote vom rauchenden Pater kennen. Man hat sie von ihm gehört, wenn er erklären wollte, wie wichtig es sei, im Leben die richtigen Fragen zu stellen. Zwei Patres, ein Benediktiner und ein Jesuit, treffen sich im Klostergarten beim Brevierbeten. Der Benediktiner schaut neidisch, weil der Jesuit genussvoll eine Zigarre raucht. „Ihr raucht beim Beten?“, fragt er den Jesuiten, „ich habe meinen Ordensoberen gefragt, und mir ist es verboten worden.“ „Nun“, gibt der Jesuit zurück, „wie habt Ihr denn gefragt, Bruder?“ Der Benediktinermönch antwortet: „Ich habe gefragt, ob ich beim Beten rauchen darf. Die Antwort war Nein.“ „Seht Ihr“, antwortet der Jesuit, da liegt der Fehler: Ihr hättet fragen müssen, ob ihr beim Rauchen beten dürft.“

In den ersten Verhandlungsrunden in Stuttgart hat Geißler schon ab und an anklingen lassen, dass die Lösung des Konflikts womöglich deshalb noch nicht gefunden ist, weil noch niemand die richtigen Fragen gestellt hat.

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